Chipa, Chipa

Wir trafen am Busterminal am späten Vormittag ein. Hier herrschte reges Getriebe, denn von hier aus starten Busse in alle Himmelsrichtungen: Argentinien, Bolivien, Uruguay, Brasilien und verschiedene Regionen Paraguays. Dazu werben riesige Schilder einzelner Gesellschaften über ihren Ticketshops, aufgereiht über die komplette Breite des Terminals. Wir fanden unsere Gesellschaft GUAIRENA, die uns nach Villarica bringen würde. Nach etwas Diskussion fanden wir eine günstige Fahrt, die 13:30 starten sollte.
Es waren noch 2 Stunden bis dorthin. Wir nahmen also auf der schattigen Terrasse direkt vor den Shops Platz und genossen die Aussicht auf die Umtriebe vor dem Terminal: Menschen, die sich im Schatten ihrem Terere widmeten, dösten. Eine Katze räkelte sich neben einem Polizisten, der gelangweilt seine Trillerpfeife herumwirbeln liess. Taxifahrer unterhielten sich angeregt, während weiter hinten unter einem wuchtigen Baum Händler versuchten, ihre Waren an den Mann zu bringen. Einer von ihnen liess Musik laut aus den Boxen scheppern. Nordamerikanische Musik leider…
Schließlich gegen 12:30 wuchteten wir unsere Koffer eine Etage tiefer. Es war dunkel da unten und proppenvoll. Shops entlang den Wänden, sodass keine Wand zu sehen war. Jeder Zentimeter ist Verkaufsfläche. Der übliche Tand . . . Direkt am Ausgang zu den Bussen – unser sollte an den Plataforma 19 – 24 abfahren – lungerten Menschen auf Sitzgelegenheiten ähnlich den Gates am Flughafen. Ca. 20 Reihen in knallorange standen da. Darauf Menschen unterschiedlichster Couleur: eindeutig indianische, klein, lederhäutig, schwarzes strähniges Haar. In verschmutzten TShirts warteten sie genauso wie das Mädchen, das in WhatsApp vertieft mit ihren langen Zöpfen spielte. Die Jeans durchlöchert, durchgestylt. Plötzlich zieht sie eins ihrer Schuhe aus und schlägt ihren Bruder damit. Gegenüber ein Pärchen, das europäisch aussieht. Sie beginnt ihr Kind zu stillen. Vor mir macht sich eine junge Frau in Casualklamotten an einer Handyladestation zu schaffen. Die nimmt das Kleingeld nicht an. Sie trottet weiter. Inzwischen werden an 2 Stellen neben den Sitzen Berge von Chipa aufgebaut – Gebäck aus Maismehl, das hier in Massen hergestellt und verkauft wird. Ich kaufe mir eines mittlerer Größe etwas zu teuer und beginne neugierig zu kauen. Unerwartet schmeckt es nach Fenchel und Anis, ist außen krustig mehlig, innen aber leicht feucht. Lecker! Ich packe den größten Teil wieder weg, denn wir sollten langsam Richtung Bus.
Der kommt auch schon wenige Minuten später. Der Gehilfe des Fahrers beklebt unser Gepäck mit einer Zahlenkombination, gibt uns den kleineren Abschnitt des Aufklebers als Nachweis für die Abholung. Dann verstaut er es und wir gehen auf unsere reservierten Plätze. Fast pünktlich geht ein Vibrieren durch den Bus, die Maschine brummt erwartungsvoll, wir setzen zurück. Der Bus ist mehr als halbvoll, als wir aus dem Terminal in die Stadt zurückfahren.
In Asuncion geht es sehr schleppend voran. Schon ein paar Meter in die „falsche“ Richtung, hält er an. Ein Ehepaar entnimmt dem Verschlag unter den Sitzen ein Paket, gibt dem Beifahrer im Gegenzug Waren. Einsteigen, weiter! Immer wieder halten wir, Leute steigen ein. Wir irren scheinbar ziellos durch die Stadt und suchen Leute, die mitfahren wollen. Der Gehilfe beginnt, die stehenden Fahrgäste nach hinten zu drängen. Sieht so aus, als kommen noch mehr. Irgendwann erreichen wir die Randbezirke und nehmen noch mehr Gäste auf. Die könnten kaum unterschiedlicher sein. So sitzt oder steht im Bus eine illustre Reisegruppe, während draußen sich das Bild zusehend ändert – raus aus der Stadt ist immer mehr üppiges Grün zu sehen, direkt am Straßenrand bis weit ins Landesinnere. Bäume, Sträucher, Gräser. Erinnert an Deutschland, es ist nur eine andere Flora. Mehr und mehr auch Tiere – ein Schaf, Kühe, Pferde. Die Kühe stehen extrem nahe am Straßenrand.
Es ändern sich auch die Haltestellen, die so gar nicht deutschem Standard entsprechen und auch nicht so gekennzeichnet sind. Anfangs standen da sehr viele Menschen, oder saßen, lagen. Das übliche Kännchen mit eisgekühltem Wasser, die Bombilla in der anderen Hand. Vertieft in das Handy oder dem Gespräch mit einem anderen. Wild gestikulierend bringen sie den Bus zum Halten. Der dampft und brüllt ein paar Mal und nimmt neue Gäste auf. Weiter aufs Land raus werden die Haltestellen idyllischer – in der üppigen Vegetation geht es manchmal kurz von der Ruta runter auf die typische rote Erde, den sandigen Boden. Die Haltebucht befindet sich meist in einer Gruppe heimischer Bäume, die nicht angelegt wirken. An einer Stelle liefert eine Mutter ihren Sohn ab und läuft winkend ans Auto zurück.
Wir kommen an vielen Höfen und kleinen Häuschen vorbei. Um diese Zeit und bei der Hitze sitzen alle irgendwo im Schatten. Meist als kleines Grüppchen. Trinken, Schwatzen. Einer liegt in der Hängematte und schaukelt gemütlich. Alles strahlt eine Ruhe aus, während wir durch die Landschaft jagen. Es kommen einige größere Hütten in Sicht. Etwas wie ein Restaurant. 2 Mädchen steigen zu. Die eine hat einen riesengroßen Korb auf die Schulter gewuchtet. Dieser ist bedeckt von einem hellblauen Tuch mit Stickereien, schön verziert. Sie piepst ihr „Chipa! Chipa!“ und die Leute greifen nach ihrem Geld. Hier gab es also auch die Chipa für so ziemlich den gleichen Preis. Mit großem Geschick entnimmt sie die entsprechende Größe aus dem Korb, gibt eine kleine Plastiktüte mit und kassiert – alles mit einer Hand. Die andere hält den Korb. Ich werde an mein Chipa im Rucksack erinnert und nehme mir vor, daran später weiter zu knabbern. Das andere Mädchen drängt sich hinter ihr durch die stehenden Fahrgäste. Sie reicht Saft oder Terere, ich kann’s nicht erkennen. Sehe nur an der Bewegung, dass sie Flüssigkeit aus einem Behälter in Becher gießt. Beim nächsten Halt steigen die beiden aus und ihr Schicksal verliert sich für mich aus dem Blickfeld. Aber nicht aus den Gedanken. Wie ist das wohl? Ist das ihr Job? Geht das den ganzen Tag Haltestelle rauf, Haltestelle runter?
Das Kind vor mir fängt an, mit mir zu spielen. Das leicht schwitzige Haar des kleinen Mädchen taucht über dem Sitz auf, dann die schwarzen Äuglein. Diese funkeln, wollen eine Reaktion. Ich tauche in meinen Sitz. Die Kleine quietscht vergnügt. Ich tauche wieder auf, sie sucht mich schon. Wir lachen. Das geht ne Weile so, dann ist wieder gut.
Wir nähern uns nämlich Villarica, nachdem wir schon eine ganze Ladung Gäste zuvor in Coronel Oviedo losgeworden waren. Die Sonne glitzert lustig durch die Bäume, die die Ruta säumen. In frischem Grün stehen die Blätter, der Tag wirkt jung, obwohl es schon gegen Abend ist. Oder ist es schon die Abendsonne, die hier so strahlt? Villarica empfängt uns mit einer ruhigeren Atmosphäre als Asuncion uns geboten hat. Alles wirkt hier gedämpfter, zurückhaltender. Am Busterminal angekommen, suchen wir zu Fuß den Weg zum Hotel. Ybytyruzu – der Name des Hotels, benannt nach einem Gebirge in der Nähe. Vom Hotelzimmer aus ist es zu sehen. Aber zuerst müssen wir uns etwas ausruhen . . . dann beginnt ein neues Abenteuer: Villarica!

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