Villarica – die reiche Stadt

Quadratisch, praktisch, gut

Das erste, was in Villarica auffällt: die Straßen gehen alle in eine Richtung – geradeaus. Kein Zickzack, keine Kurven, Biegungen, Kreisel. So spricht man hier von quadras. Die ganze Stadt ist in eine Vielzahl von Quadraten eingeteilt. Wie eine Tafel Schokolade.

Üppigkeit

Das zweite, was mir Tag für Tag mehr ins Auge stürzt, ist die üppige Vegetation. Anders als in Deutschland scheint man hier nicht mühsam anpflanzen, gießen und hegen zu müssen. Nutzpflanzen wachsen hier wie Unkraut. Riesig groß die Mangobäume in saftigem Grün. Dicht an dicht hängen die länglichen Blätter herab. Schon aus der Hotellobby heraus sehe ich zwei von den massigen Bäumen. Einen hatten wir gesehen, der hing voller violetter Früchte – zum Anbeißen. Leider ist nicht die Zeit für Mangos – eine Quälerei. Auf die hatte ich mich doch so gefreut.

Stadtbild

Bei einem Spaziergang entlang der Quadrate ändert sich das Straßenbild, je mehr man aus dem Zentrum kommt. Wo zuerst ein Shop nach dem anderen steht, teils sehr modern ausgestattet, werden irgendwann die Shops seltener und . . . sagen wir mal rustikaler. Die bunte Farbe bereits am abblättern, soweit da jemals ein drauf war. Meist wurde auf eine Auffrischung ganz verzichtet. Typisch sind die Rolltore mit einem kleinen Türchen. Immer mehr findet man nun Wohnhäuser die unterschiedlicher kaum sein könnten. Protzige Villen, die dann und wann auch überhaupt nicht zur Umgebung passen, sind ebenso zu sehen wie kleine zurückstehende Häuschen, niedlich, liebevoll gestaltet, mit viel grün. Gelegentlich umzäunt eine hohe Mauer das Gelände, da Diebstahl keine Seltenheit ist. Aber fast immer werden die Mauern von hohen Bananenstauden überragt, deren Blätter im Wind rauschen. Hier und da Papaya.

Der Straßenbelag hat inzwischen von Asphalt zu einer Art Kopfsteinpflaster gewechselt. Das ist nicht etwa glatt und eng zusammengefügt. Die groben rotbraunen Steine liegen verkantet mit größerem Abstand, wirken hingeworfen. Vermutlich sind sie so bei Regen griffiger und dieser kann auch besser ablaufen, ohne dass es rutschig wird. Naja, so ist meine eigene Erklärung. Der Gehweg liegt in der Regel deutlich über der Fahrbahn, teilweise über kleine Treppchen erreichbar. Zwischen Gehweg und der Straße befinden sich meist Bäume, wie Orangen, Pomela, Mango und viele weitere, deren Namen ich nicht kenne. Immer wieder beobachtet man bei den gelbblütigen Bäumen auch Kolibris.

vegetación

Die Bäume genauer anzuschauen, bringt mich zum Staunen. Die Rinde ist meist selbst wieder ein kleines Biotop, das von Flechten, Orchideen und anderen Pflanzen besetzt wird. Hier und da sieht man einen Specht – Pájaro carpintero – mit knallgelber Brust und schwarz-weiß maskiert.
Die Vogelgeräusche sind mir völlig fremd und verstärken den tropischen Eindruck. Meinen Füßen fällt angenehm auf, dass nun inzwischen die Straßen viel breiter geworden sind und der Gehweg ist einer breiten Grasfläche gewichen. Die Gegend ist nun sehr angenehm für’s Auge – nur noch Wohnhäuser in großzügigem Abstand zueinander, keine Läden mehr. Und vor allem – Ruhe. Ab und zu knattert ein Motorrad vorbei, das dann gleich 3 Menschen transportiert. Aber hauptsächlich hat man hier ein friedliches Bild vor sich.
Ich schau mich um, sehe diese Üppigkeit um mich auf allen Etagen, vom Gras, zu den Pflanzen, Büschen und Bäumen, auf denen wieder Pflanzen wachsen. Und mir fällt auf, dass hier der Mensch „seine“ Flächen wohl der Natur abtrotzen muss. Kümmert er sich einmal nicht darum, holt sie sich alles wieder zurück. So drängt sie auch in die bebauten Flächen massiver rein und beeinflusst das Stadtbild wesentlich mehr.

mercados

Entsprechend sind die Märkte schwer bepackt mit riesigen dunkelbraunen Kartoffeln, Maniok – die schmecken ähnlich wie Kartoffeln und erinnern an Kerzen, weil sie einen „Docht“ im Kern haben -, Tomaten, Bananen, Zwiebeln, Pomela, Limonen, Orangen – die hier nicht orange sind -, Kürbissen und vielem mehr. Das Angebot ist gigantisch. Die Marktstände selbst sind meist verbogene alte Bretter auf alten Metallgestellen, teils mit Farbanstrich. Mit carritos – Pferdekarren -, Autos und Transportern wird die Ware angekarrt. Alles läuft chaotisch und in völliger Ruhe ab. Ich höre keinen brüllen oder schreien. Die Ware wird einsortiert und dann setzt man sich hin und widmet sich seinem Tereré.

Parque Manuel Ortiz Guerrero

Im Anschluss an den Markt befindet sich ein Park neben einer Sporthalle. Die Halle ist nicht die neueste, sieht aber imposant aus mit ihrem roten Anstrich auf dem Ziegelstein. Die Bögen, die wohl als Stützen vom Gebäude wegführen, sind ganz in weiß gehalten. Der Park selbst wird beherrscht von einem großen See in unregelmäßiger Form, der aber komplett umlaufen werden kann. Der Pfad ist sehr abwechslungsreich und gibt manchmal das Gefühl, durch einen Dschungel zu laufen, weil auch hier dichter Bewuchs herrscht. Hier gibt es einen bunten Spielplatz, eine Plattform, die in den See hineinragt, eine kleine Halbinsel an deren Ende ein schönes, von einem Schmetterling gekröntes Denkmal, einen Dichter ehrt. Man läuft an einem öffentlichen Bad vorbei, überquert einen Bach, in dem sich kurze, dickliche Fischlein tummeln. Nach 2 riesengroßen Bäumen aber sehen wir etwas total spannendes . . . Tiere, die ich nur aus dem Zoo kannte. Tatsächlich stehen da 2 Wasserschweine – Capybara, hier Carpincho genannt – am Seeufer in halbhohen Pflanzen und fressen genüsslich. Lassen sich nicht stören. Völlig geräuschlos arbeiten sie sich durch ihr Futter. Was für ein Anblick!
Mir schlägt mein Herz höher. Was ist das doch, trotz all der Probleme, die dieses Land haben mag, für eine reichhaltige, fruchtbare und wunderschöne Region. Schützenswert.

 

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Ein Gedanke zu „Villarica – die reiche Stadt“

  1. Eine wunderschöne und sehr lebhafte / aufschlussreiche Beschreibung. Vielen Dank. Das weckt in einem das Gefühl, das man da doch gerne leben würde. Herrlich !!! Vielen Dank!!!

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