Itaipu…uuuh

Warum nur erinnert mich dieser Tag so an gestern? Weil er ziemlich gleich startete – Frühstück im Speisesaal mit viel Kaffee und viel Obst. Von den vielen Marmeladesorten hab ich nur Mandarine probiert. Begeisternd!

Der Ritt

Das Wetter startete auch ähnlich, trocken und bewölkt. Schwül! Mit einem flinken Bus fuhren wir vom Zentrum raus zum Empfang. Der Bus ist erwähneswert. Eine etwas klapprige Kiste. Er hielt nur kurz an, wobei die Räder im Millisekundenbereich stillstanden, länger nicht. Wir wollten noch Ziel und Preis abklären, aber der Fahrer gab einmal Gas, der Bus stieg vorne hoch wie ein indianisches Pony und wir lagen irgendwo auf den hinteren Sitzen. Die Leute grinsten über die Gringos und los ging der Ritt. An den offenen Fenster flatterten lustig die blauen Vorhänge. Irgendwann stieg ein Junge ein, kräftige Statur aber offensichtlich nicht ganz gesund. Was nicht stimmte, kann ich nicht sagen. Aber er knallte eine vergammelte Plastiktasche zwischen seinen Füßen auf den Boden und begann eine vehemente Ansprache an die Fahrgemeinschaft. Heftig gestikulierend stand er sicher frei im Raum, trotz des wilden Ritts. Sein T-Shirt und die Shorts grasgrün als wäre er vom Werder Bremen. Er kam irgendwann zum Ende und schleuderte jedem ein Pappstreifen mit aufgetackerten Kräutern in Plastik auf den Schoß. Ich bekam die Lorbeerblätter. Günther ging leer aus. Bei mir besteht wohl eher noch Aussicht, ein Sternekoch zu werden. So deute ich das. Irgendwann sammelte er das Geld oder die Kräuter ein. Ich gab ihm meine Kräuter, und schon war er weg. Wir auch. Denn wir sahen schon von Ferne das riesengroße Terminal zum Staudamm.

Itaipu

Vorbei an Palmen, Termitenhügel und Guavebäumen ging es zur Eingangshalle. Überall so nette Menschen. Alle lächelten. Und der Boden blitzeblank gebohnert spiegelte die Decke. Wir mussten unsere Ausweise registrieren lassen. Ich bekam ein Prospekt in deutsch. Irgendwie sehe ich immer nicht aus wie ein Paraguayer. 😕
Man schickte uns zuerst freundlich ins Auditorium – ein kleines Kino, piekfein, gut gepflegt und sehr bequem. Es nimmt sicher locker 50 Personen auf. Bestimmt mehr. Wir waren aber höchstens 10. Der Werbefilm war informativ, bild- und tongewaltig und auf spanisch. Aber meine Deutschkenntnisse reichen dafür. Im Groben hab ich verstanden, dass das Kraftwerk das größte weltweit ist, am meisten Strom von allen produziert und auch sonst der Hammer ist. Eine Superlative nach der anderen. Sehen will!
Wir traten wieder ins Freie – boah, stimmt, es hat ja gut 32 Grad 😓. Alle Räume ekelig klimatisiert, bis zum Frostpunkt. Wir werden in einen modernen Bus verfrachtet, der – natürlich – klimatisiert ist. Ich setze mich, vorsichtig den Eiszapfen ausweichend. Günther hat den Fensterplatz, er filmt. Es geht durch grüne Landschaften, an Umspannstationen gigantischen Ausmaßes vorbei zu einer Plattform. Hier herrscht fast schon Ruhe im Vergleich zu den Wasserfällen gestern. Kein brüllendes, schäumendes Wasser. Majestätisch steht der dunkle Damm da, stoisch. Den gewaltigen See dahinter hält er locker zurück. Kein Ächtzen oder Stöhnen. Der Überlauf ist enttäuschenderweiße trocken. Seitlich fließt der Rio Parana geradezu gemächlich in seinem Bett an dem Überlauf vorbei. Ich laufe herum, versuche irgendetwas spektakuläres einzufangen, statt mich einfach diesem Bauwerk zu ergeben. Das darf ich später. Nach wenigen Minuten werde ich wie ein verlorenes Schaf eingefangen und widerwillig in den Bus geschoben. Gerade als es mir Spaß zu machen begann. 🚎😧
Der Bus rollte leise aber wackelnd den gesamten Damm unterhalb der Giganto-Turbinen vorbei. Wie riesige Häcksler sauber aufgereiht, muss da drin ein Höllenlärm herrschen, wenn das Wasser da mit Druck durchjagt. Wir aber sehen nur die riesigen weißen Röhren, die sich gegen das dunkle Mauerwerk abheben. Beeindruckt wechsle ich den Sitzplatz auf die andere Seite und lass das iPhone arbeiten. Klick, klick, klick! Der Bus dreht ab, wir schnauben wieder aufwärts auf die Krone und queren den
Damm oberhalb. Der schier unendliche See zur rechten, der Damm mit Fluß zur linken. Zum Glück sind wir nicht allzuschnell. Aber ich schaue sehnsüchtig aus dem Fenster. So gerne wäre ich hier gelaufen. Ich hauche gegen die Scheibe und mal ein Wellensymbol . . .
Zurück am Besucherzentrum genehmigen wir uns erst mal ne Coke und ich eine Empanada mit Mais. Pause, alles setzen lassen. Der Staudamm ist sehenswert, keine Frage. Aber er hat mehr Zeit und Intimität mir mir als Besucher verdient. Das ging alles sehr sehr schnell und aus großer Distanz oder durch fahrende Fenster. Etwas schade.

Modelo

Es tröpfelt. Achja, der Tag soll ja sein wie gestern. Da fing es auch gegen 13 Uhr an. Also alles ok. Wir erfahren, dass es irgendwo in der Nähe ein Modell des Staudamms gibt und noch ein Museum des Landes Guaraní. Wir stapfen los. Zurück auf die große mehrspurige Straße entlang einer teils überschwemmten roten erdigen Straße. Unterwegs sehe ich einen toten großen Hund auf dem Rücken liegend neben einem kleinen Schrein, verschmutzt und mit einem Kerzchen samt Kreuz. Ein Guavebaum, auf dem noch alles grün ist. LKW nach LKW rauscht vorbei und wirbelt Staub auf. Wir kommen zum Eingang des Modelo im Besitz der ITAIPU Binacional und werden hereingebeten. 3 nette Frauen mit roten T-Shirts essen gerade eine Pizza, widmen sich aber uns und registrieren unsere Ausweise. Safety first. Wir dürfen rein. Dort werden wir an einem Gebäude aus Glas von einer sehr freundlichen Dame mit rotem T-Shirt aufgefordert, ihr zu folgen. Sie ist ausgesprochen freundlich, und versucht auch, den Deutschen – mich – mit ins Boot zu holen. Ich lausche aufmerksam und finde sie sehr nett, unsere Laura. Sie läßt sich mit uns knipsen, macht ein paar Fotos von uns mit meinem iPhone (ich lass es einrahmen) und beantwortet alle meine Fragen so, dass ich sie sogar in spanisch verstehe. Applaus!

Museo

Der Regen zeigt nun, wo’s langgeht. Schluß mit lustig! Wir eilen hinaus zum nahegelegenen Museum. Das ist nur 200 Meter entfernt. Wir treffen durchnäßt in einem kleinen Empfangshäuschen ein. Diesmal 2 Männer. Und unsere Ausweise – natürlich. Dann werden wir um’s Gebäude geschickt, denn hier ist Baustelle. Wir folgen einem langen überdachten Gehweg bis zur Verwaltung. Ab da muss sich der Besucher wieder den Naturgewalten aussetzen. Verwaltungsbesucher bleiben trocken. Wir nass, denn wir werden jetzt zugeschüttet. Wir gehen durch die dunkle Glastüre und werden von lachenden Frauen empfangen, die sich über uns amüsieren. Der Raum ist extrem runtergekühlt. Unsere Ausweise werden wieder registriert. Wir wissen wo ihr seid! Das nasse T-Shirt und die nasse Hose fühlen sich in der kalten Luft gar nicht gut an. Ich versuche mich auf die Ausstellung des Museo de Itaipu Tierra Guaraní zu konzentrieren. Szene aus dem Leben der Urindianer werden hier dargestellt. Alles in schummrigen Licht. Man hat sich gar nicht erst die Mühe gemacht, das Schaufensterpuppenimage zu übertünchen. Aber die Szenen sagen aus, wie man sich damals Nahrung beschaffte und wie die Missionare das Glück in schwarz hüllten. Und wie die Moderne kam. Und wie man jetzt versucht, das alte und die Natur zu bewahren. Hier wird Verantwortung demonstriert. Ich bin Fremder, und kann das nicht beurteilen. Aber es ist hier trocken und interessant. Und verdammt kalt! Letzteres treibt uns wieder raus ins Freie.

Kawumm

Irgendwann meint Günther, es regnet jetzt nicht mehr so dolle, wir können los. Erst versuche ich zu argumentieren. Denn ich trau der Sache nicht. Mag aber hier auch nicht rumhocken. Also willige ich ein und wir marschieren los. So richtig erwischt es uns diesmal nicht mehr. Wir sind dem Regen entkommen. Im Hotel angekommen verschwinde ich nach dem ersten Trocknen ins Bad. Auf einmal – KAWUMM!!!!! – läßt es ein Riesenschlag! Kein Echo! Unmittelbar hier muss ein Blitz reingefahren sein. Ich flitze raus und suche Günther. Der steht am Geländer, elektrisiert. Er wurde Zeuge des Blitzes – rot soll er gewesen sein.
Genug für heute. Der einzige, der sich heute Abend noch aufregen darf, ist mein Magen. Falls er heute die Riesenportion schafft, der Arme. . .

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Iguazúwasserfälle

Die Aussicht: Stempelsammeln im Reisepass. Meiner ist neu und außer der Einreisestempel von Paraguay blanko. Und heute könnte es heiter werden – durch Brasilien nach Argentinien, und zurück!
Nicht so heiter dagegen das Wetter. Jetzt ist man einmal in seinem Leben in dieser sonnenverwöhnten Ecke mit praktisch Schönwettergarantie – 400 Tage im Jahr! Und dann waren am Vorabend schon jenseits des Flusses Blitze zu sehen an dem klaren Nachthimmel kurz vor Vollmond. Aber für heute ist das Wetter nicht so toll angekündigt. Nach langem hin und her entscheiden wir uns, dass uns ein Taxi nach Argentinien direkt zum Eingang bringt. Abgesehen davon, dass wir zuerst in das falsche Taxi steigen, klappt alles super. Der Taxifahrer zieht mir aber vom Reisepass gleich mal ein paar Stempel ab – Brasilien und Paraguay sind im sogenannten Mercosur, d.h. wie in der EU wird nicht groß rumgestempelt sondern einfach die Grenze überschritten. Aber die Argentinier beäugen uns neugierig und hauen den Entrada-Stempel ins Büchle. Wir sind drin!
Die Strecke bis zum Eingang des Parks ist schnell überwunden. Kaum Autos zu sehen. Vielleicht sind wir da ganz alleine? Ähm, nööööp! Leider nicht. Es herrscht reges Treiben an den Kassen und Shops. Das ganze hier wirkt etwas wie der Eingang zu einem Zoo. Professionell aufgezogen und gut organisiert. Uns soll’s recht sein. Also bezahlen wir unseren Anteil – in Pesos. Andere Währungen werden hier nicht akzeptiert! Aber jetzt genug vom Drumherum. Wir wollen die Wasserfälle sehn!
Der Weg zum Objekt der Begierde führt erst mal durch den Dschungel. Es grünt so grün . . . also üppige Vegetation hier und urige Laute aus dem Wald. Ein riesige Ameise 🐜 versperrt mir den Weg. Jeder Tritt läßt den Boden erbeben . . . Ok, ich übertreibe. Aber das Viech ist gigantisch. Zum Glück war das nicht diese Riesenviecher, die mich in Villarica in so großer Zahl angegriffen hatten! Puuuh! Über den Pfad wandern seltsame Klumpen in verschiedenen Formen. Die Klumpen sind schwarz und seltsam lebendig, also nicht einfach ein Körper mit Haut und Augen vorne. Nein! Ich gehe auf die Knie und schau mir das genauer an – das sind Würmer oder so ähnlich. Die Bilden einen Haufen fast so groß wie meine Hand, wie eine Ratte. Dabei bewegen sich alle durcheinander und wandern auf diese Art zielstrebig vorwärts. Bizarr!
Weiter geht’s. Es ist schwül, drückend. Ich bin jetzt hellwach und schaue rechts und links. Sehe die Orchideen, die da wild auf den Bäumen wachsen, bunt blühende Sträucher, achte auf das mächtige Zirpen der Grillen und fremde hupende Laute. Bis wir schliesslich einen kleineren Wasserfall passieren. Die steile Treppe führt uns vom höchsten Punkt bis auf etwa die Mitte runter, wo wir auf einer Brücke verharren und den „kleinen“ Wasserfall staunend bewundern. Wir bleiben nicht lange, den ein fernes Grollen verrät, dass da mehr kommt. Wir kommen an eine kleine Aussichtsplattform mit gigantischem Panoramablick.

Das Auge weiß nicht, wohin es zuerst schauen soll. Wasserfälle, so weit das Auge reicht. Von links nach rechts. Mittendrin eine Insel – Isla San Martin. Im Vordergrund Palmen. Ich vermute Captain Sparrow irgendwo in der Nähe, kann aber die Black Pearl nicht entdecken. Das wirkt hier alles so fremd, unreal, wie eine Kulisse. Wir machen ein paar Aufnahmen – Foto, Video, Selfie. Alle hier machen das. Ich versuche gar nicht erst, originell zu sein. Wir verweilen nicht weiter, denn der Weg führt wohl noch näher ran. Wie nahe, ahne ich zu dem Zeitpunkt nicht. Nur, dass die Zeit für einen Besuch der Insel nicht reichen wird. Denn man läuft hier schon ein paar Kilometer.
Der Abstand zwischen Weg und den Fällen wird immer kleiner, bis wir an eine Bahnstation kommen. Eine kleine Bahn fährt die Gäste an verschiedene Hotspots der Fälle. Nach der Lauferei entscheiden wir uns für eine Fahrt zum Garganta del Diablo. Die Übersetzung Teufelsschlund und der Blick auf den Plan der Wasserfälle entspannt nicht gerade. Im engen offenen Waggon sitzen wir zusammengepresst nebeneinander. Ich bin so gegen die Dame neben mir gequetscht, dass es mir nicht gelingt, das iPhone herauszufischen, um die herumstreunenden Nasenbären zu filmen. Die sammeln Guavefrüchte ein, was einen herrlich frischen süßlichen Duft verströmt. Wir sitzen mit ein paar Deutschen und wechseln ein paar Worte. Endlich kann ich auch mal wieder den Mund aufmachen . . .
Es fängt an zu regnen – kann sich der Wetterbericht nicht einfach mal irren wie zuhause? Es regnet nur leicht, was die Schwüle erhöht. Mir läuft das Wasser von der Stirn. Endlich sind wir angekommen. Es regnet nun richtig, denn jetzt müssen wir schutzlos laufen. 1,1 km bis zur Gorgonzola des Teufels, oder wie das heißt. Es geht die ganze Zeit auf einem metallenen Steg über den Fluß oberhalb der Fälle. Der Regen stört beim Laufen kaum, außer das es leicht rutschig ist. Man sieht nach unten durch das Gitter auf den Fluß. Riesige Welse lassen sich hier von Besuchern mit Keksen füttern. Der Weg führt im Zickzackkurs dem Gebrüll entgegen. Ein irrsinnig lauten Gebrüll. Das Wasser nimmt kräftig Fahrt auf.
Der Steg biegt nach links ab, dahin, wo sich Unmengen an Menschen tümmeln, teilweise in Plastik-Ponchos, quietschend, schreiend. Nach rechts zweigt ein Steg ab, völlig leer. Unter diesen schießt das Wasser in breiter Front runter in den Teufelsschlund, unter der Plattform hindurch, die unmittelbar vor mir steht. Der ultimative Ort für Selfies! Immer wieder stiebt die Gischt quer über die fotografierende Menge, die sich hier anfühlt wie die Würmer im Eingangsbild. Bizarr! Schaut man starr auf die entsetzlichen Wassermassen, scheint die Plattform sich zu bewegen.
Ich stürze mich in die Menschenmassen, leichter Regen von oben, Sprühnebel von der Seite. Nur im TShirt bei 32 Grad sogar fast angenehm. Wobei für die Fotos die Sonne ganz nett gewesen wären. Also, ich geh dann mal duschen . . . ich melde mich . . . blubb, blubb, blubb