Nach Arequipa

Zwar landeten wir mit dem Flugzeug in Cusco. Da wir aber nicht lange blieben, sondern erst noch nach Arequipa weiterfuhren, packe ich die ersten Eindrücke von Cusco mit den letzten zusammen. Das wird ein spannender Mix. Später…
Jedenfalls nahmen wir den Bus – clever wie wir sind, war das einer, der die Nacht durch fuhr. Damit entfallen für Hin- und Rückfahrt die Hotelkosten. Und die Annehmlichkeiten auch. Wir nahmen den Cruz del Sur, der praktisch gleich um die Ecke nahe des Hotels sein Terminal hatte. Irgendwie hatte das ganze etwas von Flughafen: Wartebereich, Gepäckaufgabe und Kontrolle vor dem Einstieg. Ich schaute mir das genau bei dem Bus vor unserem an. Und dann fiel mir ein: Bustoiletten sind nicht immer die besten. Schnell noch hier auf’s Klo. Kurz: wäre ich lieber im Bus gegangen! Zuerst hing da ein Zettel von wegen Maintenance. Naja, in Spanisch, aber manchmal genügt mein Englisch, um zu verstehen. Ich wartete eine Weile und beim zweiten Anlauf war frei. Für größere Angelegenheiten – sagen wir: für große Lamas – gab es drei Kabinen. Alle nicht abschließbar. Ohne Brille. Ohne Klopapier. Hmmm…
Ich ging zur „Rezeption“, die hatte noch Reste einer Rolle parat. Ich marschierte triumphierend zurück. Es lief soweit gut, bis ich meine Hände waschen wollte. Ja, es gab Wasser. Pluspunkt! Aber keine Seife, keine Handtücher in der Halterung. Kein Problem, da hängt ja eines dieser modernen Gebläse. Hände drunter . . . nix. Hm, eventuell hab ich mich blöd angestellt. Ich nahm mehrere Anläufe aus unterschiedlichen Winkeln, mit Überraschungsmoment, mit Abwarten. Erfolglos. Ok, nach den vielen Versuchen sind die Hände sowieso trocken. Aber die Stirne klitschnass. Ich gab auf und setze mich wieder in den Wartebereich.

Embarque

Dann vorne an den Schaltern Unruhe. Einer in brauner Seguridad-Uniform und zwei vom Busunternehmen wurden rührig. Die Kofferwaage wurde angeworfen, der andere legte eine Liste auf ein Tischchen. Der von der Sicherheit stellte ein Stativ auf und schraubte eine Videokamera drauf. Ein größerer Tisch stand neben einer Absperrung auf dem Weg zum Ausgang Richtung Bus. Der blubberte sich schon vor der Türe warm, als sich der Himmel gerade in starkem Regen ergoss.
Wir hatten kein Gepäck abzugeben. Bleibt alles schön bei mir! Also gleich durch den CheckIn. Das heißt, Rucksack und Fototasche auf den Tisch. Der Uniformierte hatte einen Zauberstab in der Hand, den er eingeschaltet hatte. Damit scannte er mein Gepäck. Alles clean. Offenbar sucht er nur nach Waffen. Die hatte ich diesmal nicht dabei. Der Körper wurde auch gescannt und dann ab in den Bus. Stopp, erst noch in die Kamera guggen. Weiter.

Endlich mal beim Fahren schlafen

Es war ein Doppeldecker, und Günther hat uns die ersten beiden Plätze oben gebucht. Toll – freie Sicht die ganze Fahrt über. Eine Sternschnuppe nach der anderen erwartete uns. Ich wurde zappelig – wann geht’s los? Südamerikanisch pünktlich um 15 Minuten später. Der Bus schob sich vom Hof und bog in die Straße ein. Es war bereits Nacht. Der Seguridad-Mensch raste durch den Bus mit der Kamera nochmal. „Excuse me, poor favor“. Bevor du „NO!“ sagen konntest, war er weg. Jemand vom Staff kam und zog uns die Vorhänge zu. Die müssen während der Fahrt geschlossen bleiben! 😳😤
Ich war schon stinkig. Zum Trost gab es dann Abendessen, während wir in den riesigen Sitzen sanft geschaukelt wurden. Für die Füße gab es eine Ablage, Sitze 💺 konnte man nach hinten kippen. Bequem und butterweich. Ein flauschige blaue Decke – nein, kein Alpaka – zum Zudecken war auch dabei. Das Essen war unspektakulär, wie vom Flugzeug gewohnt. Nur haben die hübschere Stewardessen. Wir wurden von einem jungen Mann bedient, den wir immer nur ganz kurz sahen und nicht nett säuselte, was wir denn wünschen. Egal, wir sollen ja schlafen.
Der Regen trommelte an die Scheiben. Drunten beim Fahrer quietschten die Scheibenwischer. Es wurden die Lichter gelöscht, Ruhe kehrte ein. Immer wieder blitzen vom entgegenkommenden Verkehr die Lichter in mein Schlafgemach. Ich nahm die Umgebungsgeräusche wahr. Einer brummte schlafend vor sich hin, irgendwo bläkte ein Kind. Die Eltern war chancenlos. Ich warte vergeblich auf das erlösende „Klatsch!“.

Insomnia

Ich versuchte zu schlafen. Da fingen meine Beine an zu spinnen. „Wir wollen laufen!“ – „Ruhe da unten, ich will schlafen!“ Es war zum Verrücktwerden. Die Müdigkeit da, der Kopf schwer, Hirn schon aus, Arme, Herzfrequenz, Magen-Darm-Aktivitäten – alles runtergefahren. Nur die Beine spielten verrückt. Viel Alternativen bot der Platz nicht. Ausstrecken auf die Ablage unterm Fenster brachte nix, drehen nach links, nach rechts. Nix. Fußablage einklappen – auch nix. Ich probierte die ganze Nacht mehrere Optionen durch. Zum Glück waren die beiden Plätze rechts frei. Günther verzog sich dort hin. Nun hatte ich 2 Plätze. Yeah! Damit potenzierten sich meine Optionen. Vielleicht konnte ich mich so die ganze Nacht beschäftigen?
Wie sieht es mit quer über beide Sitze aus? Lehne hochgeklappt und Test. Hm, Kopf gegen das nasskalte Fenster – ekelig. Andersrum? Tatsächlich schien ich kurz weggetreten. Aber nur kurz, wie mir die Uhr verriet. Blödes Handy! Jetzt tat mir der Rücken weh, der sich gegen die Armlehne pressen musste. Wie ist es mit diagonal? Die Füße wieder: „Wir wollen laufen!!!“ – „Ich säg euch beide gleich ab!“ Mein Tonfall wurde zunehmend gereizter. Vielleicht sind wir ja schon bald da. Ja toll! Nicht mal die Hälfte geschafft. Mir gut zuredend fischte ich den iPod aus der Tasche. Guter Junge, hast echt was gedacht. Ich drücke auf den Einschalter. Nichts tut sich . . . Echt jetzt? Stimmt, das Teil hatte ich vor Wochen zuletzt geladen. Nie benutzt. Danke!
Ich hole das iPad hervor. Versuche zu lesen. Nach zwei Seiten fällt dem ganzen Körper auf, dass er müde ist. Lesen ist nich. Ich spähe am Vorhang vorbei nach draußen. Regen und Autos. So weit das Auge reicht, und das ist wirklich nicht weit. Die Decke gibt nicht mehr genug warm. Ich zupfe und zerre in der Dunkelheit. Da beginnt es zu dämmern. Ob ich nun wirklich noch etwas geschlafen hab, oder nicht – keine Ahnung. Wenn ja, woher soll ich das wissen, ich hab ja geschlafen?!
Es dämmert. Ich greife zur Flasche. Nehm einen kräftigen Schluck Wasser. Richte mich auf. Ah, die Beine hab ich drangelassen. Das beruhigt. Ich spüre leichte Halsschmerzen, nehm eine Ibuprofen. Ob das was bringt, keine Ahnung. Ich hab keine anderen Tabletten.

Die Anden

Vorsichtig ziehe ich den Vorhang etwas zur Seite – so dass es der Kollege vom Fahrer nicht merkt. Nehme ein Taschentuch und wische die dicke Schicht Wasser ab. Immer wieder. Dann beobachte ich die Landschaft – wie sich die Straße endlos durch sanfte grüne Hügel windet. Sind wir in Schottland? Bilder davon kommen hoch. Es wachsen kleine Büsche auf den Hängen, Felsen liegen in endloser Zahl dazwischen herum. Mehr und mehr mischen sich hohe Kakteen darunter. Die Hügel werden steiler, während immer mehr fette LKW vorbeibrummen. Die Landschaft wird rauher, die Felsen größer. Die Straße ist jetzt fast durchgehend in den Felsen gebrochen. Die Kakteen mehren sich. Auf den großen Felsbrocken steht in größeren Abständen PROB PRIV. Das steht für probriedad privada, also Privatbesitz. Die ersten Stromleitungen stehen in der Landschaft herum und führen irgendwo hin.
Eine große Fabrik taucht auf, während sich die Sonne hinter einem Berg hervorwagt. Ganz vorsichtig, um nicht das Elend zu radikal zu entblößen, das sich nun bald unserem Auge bietet. Wir gelangen an die ersten Behausungen vor Arequipa. Krumme halbhohe Mauern grenzen kleine Hütten ein. Ich denke, dass das irgendwelche Lager für Materialien sind. Da laufen Leute herum, barfuß, zerlumpt, schwer bepackt. Frauen, Kinder. Hunde dazwischen in großer Zahl. Erdstraßen, schlammige Wege. Dahinter ein riesiger Berg, saftig grün, weich gemustert mit Streifen. Es sind die ersten Siedlungen. Das wird mir da klar, als ich ein Firmenschild einer Telefongesellschaft erkenne. Der Straßenrand wird lebhafter, geschäftig. Einzelne Wohnquadrate sind durch sehr breite Erdstraßen, braun und von Gräben durchzogen, durch die der letzte Regen die Gebiete verliess, getrennt. Vereinzelt laufen hier Menschen, wirken auf diesen Straßen verloren. Beherrschend auch hier der Hund. Teilweise in Rudel streifen sie frei umher.
Die Häuser werden langsam besser, bekommen Fassade und Gesicht. Farbe. Es stehen Autos davor, klapprig und alt. Es fehlen Türen, Scheinwerfer. Aber sie fahren. Menschen sitzen in Gruppen zusammen, geschäftig, machen Erledigungen. Die erste Tankstelle ist zu sehen, während die Sonne nun endgültig erscheint und den Blick auf schneebedeckte schroffe Berge freigibt. Die Vulkane um Arequipa. Ich sehe eine Familie am Zaun stehen – sie beobachten den Sonnenaufgang. Der Misti, einer der Vulkane, thront hier mächtig. So langsam sieht es nach Stadt aus. Stromleitungen, „normale“ Autos, Läden, Geschäfte, Stadtbusse, falls es die gibt. Taxis in großer Zahl – kleine Autos mit Werbetafel statt dem Taxischild. Die wirken wuselig und die Marke ist mir fremd.

Arequipa

Der Bus irrt durch die Straßen kreuz und quer und fährt schliesslich in einen großen Hof, auf dem viele andere Busse schon stehen. Wir steigen aus, laufen in das Terminal. Hier ist reger Betrieb. Alles rennt durcheinander. Läden reihen sich an Läden. Unser nächstes Ziel ist die Tourist Information. Danach mit dem Taxi zum Hotel. Alles geht sehr schnell. Der Taxifahrer redet nichts, wir schweigen. Ich kämpfe noch mit den Bildern der Vorstadt, muss schwer schlucken. Das muss ich erst mal verdauen, will ich Arequipa geniessen.

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