Cañon del Colca

Wer Cusco besucht, muss Machu Picchu besuchen. Und wer Arequipa besucht, der muss in den Cañon del Colca. Muss! Denn hier soll es den berühmten Kondor geben, das Highlight des Tals.
Ohne zögern buchten wir den Ausflug bei dem, der uns am seriösesten erschien. Sogar ins Hotel kam er, um über die Details zu reden. Und so einigten wir uns auf 60$ pro Person, inkl Frühstück, Mittagessen und allem, was das Tal zu bieten hat.
Damit man auch so richtig Spaß hat, wurden wir um 3 Uhr vom Hotel abgeholt. Nein, morgens. Gäääähn! Im Bus wurden die Vorhänge zugezogen, alles war still und wir fuhren ab. Eine ruhige Fahrt durch das peruanische Dunkel. Nur eines war zu spüren: die Luft war weg. Also nicht ganz, aber ich musste zweimal atmen, um für einmal zu tanken. Wir mussten also recht hoch sein. Ein Blick aus dem Fenster zeigte, das wir uns eine Passstraße hinaufwanden. Randlos und ohne Leitplanke. Es wurde schnell heller und die mondgleiche Landschaft wurde immer klarer zu erkennen. Nur dass es auf dem Mond keinen Schnee hat – hier schon. Wie hoch wir waren, erfuhren wir erst auf dem Rückweg. Wo ist hier nochmal die Luft?

Das Atmen fiel mir schwer und beim Schliessen der Augen wurde mir komisch. Also starrte ich nach draußen und atmete tief ein und aus. Es ging wieder abwärts in erträglichere Gegenden. Auf einmal kamen kleine Häuser in Sicht. Also Quader aus Stein gemauert, irgendwann in der Vergangenheit mal mit Farbe bestrichen. Die Straße asphaltiert, war gesäumt von kleinen Marktständen, bewusst auf traditionell gemacht – aus Holz mit Strohdach. Darin wurde praktisch an jedem Stand das gleiche verkauft. Das schmälert zwar den Gewinn für den einzelnen Händler, aber die Touristen verteilten sich besser. Vor, zwischen und neben den Ständen Frauen in traditioneller bunter Tracht. Mit einem Alpakababy oder einem Minilama an der Seite. Junge Burschen hatten neben sich eine Stange mit schönen Adlern. Lebend natürlich. Die Touristen stürzten aus dem Bus auf die Stände, Adler und Lamas zu. Es wurde wild fotografiert. Auch ich suchte mir einen kleinen Alpaka aus und durfte es für 1 Sol fotografieren. Wir blieben nicht lang. Nach den obligatorischen Aktionen fuhren wir weiter in die Stadt hinein zum Frühstück – Desayuno auf Spanisch. In einer kühlen Halle mit eckigen Säulen und gelben Wänden bekamen wir einen kleinen Tisch für 2 Personen – Brötchen mit viel Luft, Kaffeepulver und heißes Wasser, Butter in Kugelform und Erdbeermarmelade. Und Orangensaft, frisch gepresst. Es war nicht gemütlich und wir saßen schnell wieder im Bus.

El Condor Pasa

Es war inzwischen sehr warm. Der Bus fuhr wieder aufwärts und wir schauten auf die Stadt hinab. Die Reiseleiterin, die bestimmt perfekt spanisch sprach, erklärte alles auch nochmal in englisch. Mit einem großen Tempo erzählte sie von der Geschichte des Volkes vor den Inka, von dem Anbau auf den Terrassen entlang des Canon – Quinoa und Mais – und vielen anderen historischen und geografischen Besonderheiten. Zum Beispiel das an dem riesigen Berg dahinten der Amazonas entspringt. Das Tempo machte mir das folgen schwer. Und auch die fesselnde Landschaft. Terrassen schoben sich bis an den Fluß, dahinter türmten sich die Berge erst grün, dann felsig schroff. Kühe grasten vereinzelt auf den Parzellen. Bauern waren zu erkennen, die auf den Feldern arbeiteten.
Es wurde steiler und steiler, die Vegetation hatten wir weitestgehend zurückgelassen. Denn wir waren wegen des Kondors hier. Dem großen schwarzen Geier mit den weißen Flügelspitzen und dem roten Zinken. Wir waren ihm wohl nicht angekündigt worden – es war keiner zu sehen. Wir waren aber auch noch nicht zur berühmten Aussichtsplattform Cruz del Condor gelangt. Da aber in dieser Richtung deutlich Wolken bis ins Tal hinab hingen, war dort die Aussicht auf Erfolg eher gering. Meine Stimmung sank. Besonders, als mir Kishons Geschichte „Das Tal der Schmetterlinge“ einfiel. Sollte es uns hier genauso gehen? El Condor no pasa?
Wir hielten mit dem Bus ein gutes Stück vor dem Cruz del Condor an. Jemand aus der Gruppe schrie auf und entdeckte kurz nach mir den Kondor, der auf einem schrägen Felsen zu erkennen war. Ich hatte nicht geschrien, weil ich mich noch überzeugen wollte. Zu spät. Wie wild rannten alle los, um den besten Platz zu erwischen. Zu beobachten, wie sich der prächtige Vogel, der gerade die Größe eines Kommazeichens hatte, sich in die Lüfte erhebt, um majestätisch seine Kreise zu ziehen. Nach einigen Minuten war die Luft raus, er bewegte gerade mal den Kopf. Mehr nicht. Die Reiseleiterin – Maria Jesus – pfiff uns zurück in den Bus, um doch zur Aussichtsplattform weiterzufahren. Noch vor dem Einstieg sehe ich einen Kondor kreisen, genau hinter dem Bus, in entgegengesetzte Richtung. Ich rief es laut aus. Da gab es kein Halten mehr – die Leute stiegen wieder aus, während Maria versuchte, alle dazu zu überreden, zu der Stelle zu fahren, wo er kreiste. Schade, ich wäre gerne endlich gelaufen, nach 5 Stunden im Bus. Aber es half nichts . . .
Wir fuhren dort hin. Der Kondor kreiste natürlich nicht mehr. Dafür entdeckten wir jetzt 4-5 dieser kommagroßen Tiere weiter unten vor einem Abgrund. Sie saßen rund um einen Felsen. Mit etwas Geduld, konnte man Bewegung erkennen. Ab und zu ließ sich eines der stolzen Tiere herab, sich kurz ins Tal zu stürzen und dann gleitend zu entschwinden.
Wir fuhren wieder weiter – zu einem Markt. Pinkelpause. Alle vertieft in die Waren oder andere Geschäfte. Auch ich schaute mir gerade Eisbecher an, als auf einmal gekreischt und gejohlt wurde: „Kondoooooooor!“ Ein Gewusel wie beim Schlussverkauf. Ich drehte mich um. Unterhalb der Absperrung zum Tal, das hier steil abfiel, zog ein Kondorweibchen ziemlich nahe vorbei.
Woran erkennt man denn Weibchen und Männchen? Nichts einfacher als das – im Gegensatz zu den Menschen sehen die Weibchen irgendwie langweilig aus. Ton in Ton braun. Fertig. Und das hier war definitiv eines. Der Kondor – die Kondorin? – zog mehrfach seine Kreise über und unter uns. Mein iPhone glühte beim Filmen – es war sonnig und warm. Das Weibchen setzte sich elegant an die Felswand direkt an der Straße. Spannung! Stille! Ich sah mich um – erstarrte Menschen, angespannte Gesichter, gezückte Kameras und vorgestreckte Handys. Warten . . .
Nach gefühlten Stunden erhob sich das Mädchen wieder in die Lüfte, drehte noch einmal eine Runde und entschwand hinter einem Felsen. Das geschah so scheinbar mühelos, da der Vogel dank seiner großen Flügel die Thermik – also den Aufstieg der warmen Luft – super nutzen kann. Irgendwie waren wir jetzt alle zufrieden. Im Bus zu unserem nächsten Ziel hat sich die Stimmung merklich gebessert, alle waren am reden. Maria war sichtlich erleichtert, dass sie ihrer Gruppe solch ein Schauspiel bieten konnte.

Aguas Termales Copornaque

Nach einem guten Mittagsbuffet machten wir uns auf den Weg zu einem Thermalbad direkt am Colca-Fluß. Wer wollte, konnte sich hier ins Bad schmeißen oder einfach etwas laufen. Ich genoss die Bewegung und durchquerte die Therme. Anfänglich stank es nach fauligen Eier – Schwefel! Unterhalb der Bäder entdeckte ich eine Quelle, aus der links das schwefelhaltige sehr heiße Wasser austrat, rechts daneben klares kühles Wasser. Ich musste einfach meine Arme drunter halten und das Erlebnis geniessen.

Über eine Hängebrücke gelangt man über den Fluß. Dahinter eine Art Parkanlage mit Bänken und Unmengen riesiger Kakteen. Diese blühten zum Teil herrlich weiss, wogegen die meisten Blüten geschlossen und rabenschwarz waren. Leider war die Zeit schon wieder um. Hier wäre ich gerne den ganzen Nachmittag geblieben, wo die Sonne mich wärmte, neben dem rauschenden ungestümen Fluß mit seinen riesigen Felsen im Wasser.

Alpaka in Eis

Wir traten die Rückfahrt an, die uns vor allem zu den Reservas führen sollte – dem Ort, wo Alpakas frei rumlaufen. Ich hatte Platz im Rucksack gelassen, um mir ein kleines mitzunehmen. Nur ein klitzekleines.
Dazu musste wir aber erst mal wieder zurück in schwindelnde Höhe. 4.910 Meter hoch schlängelte sich der Pass. Da, wo Rinnsale und Bäche liefen, war es saftig grün. Kleine Seen an flacheren Stellen. Und immer wieder ganze Herden von Lamas und Alpaka, die da friedlich grasten. Wie gerne wäre ich doch jedesmal ausgestiegen!
An einem Punkt zog eine weiße Wand auf. Ich war überrascht, mit welchem Tempo sich die Wolke näherte und auf einmal fuhren wir durch starken Regen. Durch die Regenwand sah ich es dann – ein einzelnes Vicuña. Es stand dort im Regen nahe des Straßenrandes. Nicht futternd, sondern einfach so. Ein herrlicher Anblick, wenn auch nur für wenige Sekunden.
Auf dem höchsten Punkt des Passes wandelte sich der Regen in Schnee – die Landschaft weiß, mit dunklen Flecken von den Felsen. Die Straße mit Schnee überzogen. Bergab änderte sich dann das Bild wieder, aber der Regen blieb uns bis nach Arequipa erhalten. So wollte Maria wissen, ob wir an der Reserva überhaupt anhalten sollten, weil es doch so regnete. Aber ich wollte unbedingt die Alpaka sehen. Also hielt der Bus kurz und ich konnte im strömenden Eisregen wenigstens etwas fotografieren.
Es ist wirklich schade, dass das Wetter so umgeschlagen hatte. Aber es war trotzdem schön und die Bilder dieser Landschaft des Canon del Colca werden mir noch lange im Sinn bleiben.
Die Fahrt zurück zog sich und ich konnte von den kleine flauschigen Alpakababy träumen. Zuhause im Wohnzimmer an einem Winterabend. Draußen tobt ein Schneesturm und ich kuschel mich in meinen Alpaka rein, einen Matetee in der Hand, während aus dem Lautsprecher warm die peruanischen Flötentöne hauchen.

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