Cañon del Colca

Wer Cusco besucht, muss Machu Picchu besuchen. Und wer Arequipa besucht, der muss in den Cañon del Colca. Muss! Denn hier soll es den berühmten Kondor geben, das Highlight des Tals.
Ohne zögern buchten wir den Ausflug bei dem, der uns am seriösesten erschien. Sogar ins Hotel kam er, um über die Details zu reden. Und so einigten wir uns auf 60$ pro Person, inkl Frühstück, Mittagessen und allem, was das Tal zu bieten hat.
Damit man auch so richtig Spaß hat, wurden wir um 3 Uhr vom Hotel abgeholt. Nein, morgens. Gäääähn! Im Bus wurden die Vorhänge zugezogen, alles war still und wir fuhren ab. Eine ruhige Fahrt durch das peruanische Dunkel. Nur eines war zu spüren: die Luft war weg. Also nicht ganz, aber ich musste zweimal atmen, um für einmal zu tanken. Wir mussten also recht hoch sein. Ein Blick aus dem Fenster zeigte, das wir uns eine Passstraße hinaufwanden. Randlos und ohne Leitplanke. Es wurde schnell heller und die mondgleiche Landschaft wurde immer klarer zu erkennen. Nur dass es auf dem Mond keinen Schnee hat – hier schon. Wie hoch wir waren, erfuhren wir erst auf dem Rückweg. Wo ist hier nochmal die Luft?

Das Atmen fiel mir schwer und beim Schliessen der Augen wurde mir komisch. Also starrte ich nach draußen und atmete tief ein und aus. Es ging wieder abwärts in erträglichere Gegenden. Auf einmal kamen kleine Häuser in Sicht. Also Quader aus Stein gemauert, irgendwann in der Vergangenheit mal mit Farbe bestrichen. Die Straße asphaltiert, war gesäumt von kleinen Marktständen, bewusst auf traditionell gemacht – aus Holz mit Strohdach. Darin wurde praktisch an jedem Stand das gleiche verkauft. Das schmälert zwar den Gewinn für den einzelnen Händler, aber die Touristen verteilten sich besser. Vor, zwischen und neben den Ständen Frauen in traditioneller bunter Tracht. Mit einem Alpakababy oder einem Minilama an der Seite. Junge Burschen hatten neben sich eine Stange mit schönen Adlern. Lebend natürlich. Die Touristen stürzten aus dem Bus auf die Stände, Adler und Lamas zu. Es wurde wild fotografiert. Auch ich suchte mir einen kleinen Alpaka aus und durfte es für 1 Sol fotografieren. Wir blieben nicht lang. Nach den obligatorischen Aktionen fuhren wir weiter in die Stadt hinein zum Frühstück – Desayuno auf Spanisch. In einer kühlen Halle mit eckigen Säulen und gelben Wänden bekamen wir einen kleinen Tisch für 2 Personen – Brötchen mit viel Luft, Kaffeepulver und heißes Wasser, Butter in Kugelform und Erdbeermarmelade. Und Orangensaft, frisch gepresst. Es war nicht gemütlich und wir saßen schnell wieder im Bus.

El Condor Pasa

Es war inzwischen sehr warm. Der Bus fuhr wieder aufwärts und wir schauten auf die Stadt hinab. Die Reiseleiterin, die bestimmt perfekt spanisch sprach, erklärte alles auch nochmal in englisch. Mit einem großen Tempo erzählte sie von der Geschichte des Volkes vor den Inka, von dem Anbau auf den Terrassen entlang des Canon – Quinoa und Mais – und vielen anderen historischen und geografischen Besonderheiten. Zum Beispiel das an dem riesigen Berg dahinten der Amazonas entspringt. Das Tempo machte mir das folgen schwer. Und auch die fesselnde Landschaft. Terrassen schoben sich bis an den Fluß, dahinter türmten sich die Berge erst grün, dann felsig schroff. Kühe grasten vereinzelt auf den Parzellen. Bauern waren zu erkennen, die auf den Feldern arbeiteten.
Es wurde steiler und steiler, die Vegetation hatten wir weitestgehend zurückgelassen. Denn wir waren wegen des Kondors hier. Dem großen schwarzen Geier mit den weißen Flügelspitzen und dem roten Zinken. Wir waren ihm wohl nicht angekündigt worden – es war keiner zu sehen. Wir waren aber auch noch nicht zur berühmten Aussichtsplattform Cruz del Condor gelangt. Da aber in dieser Richtung deutlich Wolken bis ins Tal hinab hingen, war dort die Aussicht auf Erfolg eher gering. Meine Stimmung sank. Besonders, als mir Kishons Geschichte „Das Tal der Schmetterlinge“ einfiel. Sollte es uns hier genauso gehen? El Condor no pasa?
Wir hielten mit dem Bus ein gutes Stück vor dem Cruz del Condor an. Jemand aus der Gruppe schrie auf und entdeckte kurz nach mir den Kondor, der auf einem schrägen Felsen zu erkennen war. Ich hatte nicht geschrien, weil ich mich noch überzeugen wollte. Zu spät. Wie wild rannten alle los, um den besten Platz zu erwischen. Zu beobachten, wie sich der prächtige Vogel, der gerade die Größe eines Kommazeichens hatte, sich in die Lüfte erhebt, um majestätisch seine Kreise zu ziehen. Nach einigen Minuten war die Luft raus, er bewegte gerade mal den Kopf. Mehr nicht. Die Reiseleiterin – Maria Jesus – pfiff uns zurück in den Bus, um doch zur Aussichtsplattform weiterzufahren. Noch vor dem Einstieg sehe ich einen Kondor kreisen, genau hinter dem Bus, in entgegengesetzte Richtung. Ich rief es laut aus. Da gab es kein Halten mehr – die Leute stiegen wieder aus, während Maria versuchte, alle dazu zu überreden, zu der Stelle zu fahren, wo er kreiste. Schade, ich wäre gerne endlich gelaufen, nach 5 Stunden im Bus. Aber es half nichts . . .
Wir fuhren dort hin. Der Kondor kreiste natürlich nicht mehr. Dafür entdeckten wir jetzt 4-5 dieser kommagroßen Tiere weiter unten vor einem Abgrund. Sie saßen rund um einen Felsen. Mit etwas Geduld, konnte man Bewegung erkennen. Ab und zu ließ sich eines der stolzen Tiere herab, sich kurz ins Tal zu stürzen und dann gleitend zu entschwinden.
Wir fuhren wieder weiter – zu einem Markt. Pinkelpause. Alle vertieft in die Waren oder andere Geschäfte. Auch ich schaute mir gerade Eisbecher an, als auf einmal gekreischt und gejohlt wurde: „Kondoooooooor!“ Ein Gewusel wie beim Schlussverkauf. Ich drehte mich um. Unterhalb der Absperrung zum Tal, das hier steil abfiel, zog ein Kondorweibchen ziemlich nahe vorbei.
Woran erkennt man denn Weibchen und Männchen? Nichts einfacher als das – im Gegensatz zu den Menschen sehen die Weibchen irgendwie langweilig aus. Ton in Ton braun. Fertig. Und das hier war definitiv eines. Der Kondor – die Kondorin? – zog mehrfach seine Kreise über und unter uns. Mein iPhone glühte beim Filmen – es war sonnig und warm. Das Weibchen setzte sich elegant an die Felswand direkt an der Straße. Spannung! Stille! Ich sah mich um – erstarrte Menschen, angespannte Gesichter, gezückte Kameras und vorgestreckte Handys. Warten . . .
Nach gefühlten Stunden erhob sich das Mädchen wieder in die Lüfte, drehte noch einmal eine Runde und entschwand hinter einem Felsen. Das geschah so scheinbar mühelos, da der Vogel dank seiner großen Flügel die Thermik – also den Aufstieg der warmen Luft – super nutzen kann. Irgendwie waren wir jetzt alle zufrieden. Im Bus zu unserem nächsten Ziel hat sich die Stimmung merklich gebessert, alle waren am reden. Maria war sichtlich erleichtert, dass sie ihrer Gruppe solch ein Schauspiel bieten konnte.

Aguas Termales Copornaque

Nach einem guten Mittagsbuffet machten wir uns auf den Weg zu einem Thermalbad direkt am Colca-Fluß. Wer wollte, konnte sich hier ins Bad schmeißen oder einfach etwas laufen. Ich genoss die Bewegung und durchquerte die Therme. Anfänglich stank es nach fauligen Eier – Schwefel! Unterhalb der Bäder entdeckte ich eine Quelle, aus der links das schwefelhaltige sehr heiße Wasser austrat, rechts daneben klares kühles Wasser. Ich musste einfach meine Arme drunter halten und das Erlebnis geniessen.

Über eine Hängebrücke gelangt man über den Fluß. Dahinter eine Art Parkanlage mit Bänken und Unmengen riesiger Kakteen. Diese blühten zum Teil herrlich weiss, wogegen die meisten Blüten geschlossen und rabenschwarz waren. Leider war die Zeit schon wieder um. Hier wäre ich gerne den ganzen Nachmittag geblieben, wo die Sonne mich wärmte, neben dem rauschenden ungestümen Fluß mit seinen riesigen Felsen im Wasser.

Alpaka in Eis

Wir traten die Rückfahrt an, die uns vor allem zu den Reservas führen sollte – dem Ort, wo Alpakas frei rumlaufen. Ich hatte Platz im Rucksack gelassen, um mir ein kleines mitzunehmen. Nur ein klitzekleines.
Dazu musste wir aber erst mal wieder zurück in schwindelnde Höhe. 4.910 Meter hoch schlängelte sich der Pass. Da, wo Rinnsale und Bäche liefen, war es saftig grün. Kleine Seen an flacheren Stellen. Und immer wieder ganze Herden von Lamas und Alpaka, die da friedlich grasten. Wie gerne wäre ich doch jedesmal ausgestiegen!
An einem Punkt zog eine weiße Wand auf. Ich war überrascht, mit welchem Tempo sich die Wolke näherte und auf einmal fuhren wir durch starken Regen. Durch die Regenwand sah ich es dann – ein einzelnes Vicuña. Es stand dort im Regen nahe des Straßenrandes. Nicht futternd, sondern einfach so. Ein herrlicher Anblick, wenn auch nur für wenige Sekunden.
Auf dem höchsten Punkt des Passes wandelte sich der Regen in Schnee – die Landschaft weiß, mit dunklen Flecken von den Felsen. Die Straße mit Schnee überzogen. Bergab änderte sich dann das Bild wieder, aber der Regen blieb uns bis nach Arequipa erhalten. So wollte Maria wissen, ob wir an der Reserva überhaupt anhalten sollten, weil es doch so regnete. Aber ich wollte unbedingt die Alpaka sehen. Also hielt der Bus kurz und ich konnte im strömenden Eisregen wenigstens etwas fotografieren.
Es ist wirklich schade, dass das Wetter so umgeschlagen hatte. Aber es war trotzdem schön und die Bilder dieser Landschaft des Canon del Colca werden mir noch lange im Sinn bleiben.
Die Fahrt zurück zog sich und ich konnte von den kleine flauschigen Alpakababy träumen. Zuhause im Wohnzimmer an einem Winterabend. Draußen tobt ein Schneesturm und ich kuschel mich in meinen Alpaka rein, einen Matetee in der Hand, während aus dem Lautsprecher warm die peruanischen Flötentöne hauchen.

Taxi Taxi

Eine Besonderheit von Arequipa sind die wuseligen kleinen Taxi. In endlosen Kolonnen drehen sie wie aufgereihte Perlen eines Rosenkranzes ihre Runden durch die Stadt. Ich hab ihre Runden nie verfolgt. Aber am Plaza de Armas rollen sie schön aufgereiht vorbei, auch vor dem Hotel. Die Fahrzeuge sind immer in Bewegung. Taxistände wie in Deutschland oder auch in Paraguay findet man hier nicht.
Der Fahrer lässt die Scheibe runter, wenn ein potentielles Opfer zu sehen ist. Bei dem Gedränge auf den Straßen kein Problem. Oder er hupt kurz. Das Hupen selbst ist aber ein eigenes Thema… Hat das Taxi einen neuen Gast gefunden, hält der Fahrer an. Und dann stockt die gesamte Kette. Lautes Gehupe der anderen Taxis. Möööck, mööööck! Aber keine Chance, die Passagieren steigen ein, wieder aus, setzen sich anders hin, verstauen das Gepäck. Und das Hupkonzert wird immer lauter. Manch einer versucht, an dem haltenden Fahrzeug vorbeizukommen. Irgendwann sind alle eingestiegen und die Kolonne setzt sich wieder in Bewegung. Bis der nächste Passant winkt . . . mööööck, mööööck!

Nach Arequipa

Zwar landeten wir mit dem Flugzeug in Cusco. Da wir aber nicht lange blieben, sondern erst noch nach Arequipa weiterfuhren, packe ich die ersten Eindrücke von Cusco mit den letzten zusammen. Das wird ein spannender Mix. Später…
Jedenfalls nahmen wir den Bus – clever wie wir sind, war das einer, der die Nacht durch fuhr. Damit entfallen für Hin- und Rückfahrt die Hotelkosten. Und die Annehmlichkeiten auch. Wir nahmen den Cruz del Sur, der praktisch gleich um die Ecke nahe des Hotels sein Terminal hatte. Irgendwie hatte das ganze etwas von Flughafen: Wartebereich, Gepäckaufgabe und Kontrolle vor dem Einstieg. Ich schaute mir das genau bei dem Bus vor unserem an. Und dann fiel mir ein: Bustoiletten sind nicht immer die besten. Schnell noch hier auf’s Klo. Kurz: wäre ich lieber im Bus gegangen! Zuerst hing da ein Zettel von wegen Maintenance. Naja, in Spanisch, aber manchmal genügt mein Englisch, um zu verstehen. Ich wartete eine Weile und beim zweiten Anlauf war frei. Für größere Angelegenheiten – sagen wir: für große Lamas – gab es drei Kabinen. Alle nicht abschließbar. Ohne Brille. Ohne Klopapier. Hmmm…
Ich ging zur „Rezeption“, die hatte noch Reste einer Rolle parat. Ich marschierte triumphierend zurück. Es lief soweit gut, bis ich meine Hände waschen wollte. Ja, es gab Wasser. Pluspunkt! Aber keine Seife, keine Handtücher in der Halterung. Kein Problem, da hängt ja eines dieser modernen Gebläse. Hände drunter . . . nix. Hm, eventuell hab ich mich blöd angestellt. Ich nahm mehrere Anläufe aus unterschiedlichen Winkeln, mit Überraschungsmoment, mit Abwarten. Erfolglos. Ok, nach den vielen Versuchen sind die Hände sowieso trocken. Aber die Stirne klitschnass. Ich gab auf und setze mich wieder in den Wartebereich.

Embarque

Dann vorne an den Schaltern Unruhe. Einer in brauner Seguridad-Uniform und zwei vom Busunternehmen wurden rührig. Die Kofferwaage wurde angeworfen, der andere legte eine Liste auf ein Tischchen. Der von der Sicherheit stellte ein Stativ auf und schraubte eine Videokamera drauf. Ein größerer Tisch stand neben einer Absperrung auf dem Weg zum Ausgang Richtung Bus. Der blubberte sich schon vor der Türe warm, als sich der Himmel gerade in starkem Regen ergoss.
Wir hatten kein Gepäck abzugeben. Bleibt alles schön bei mir! Also gleich durch den CheckIn. Das heißt, Rucksack und Fototasche auf den Tisch. Der Uniformierte hatte einen Zauberstab in der Hand, den er eingeschaltet hatte. Damit scannte er mein Gepäck. Alles clean. Offenbar sucht er nur nach Waffen. Die hatte ich diesmal nicht dabei. Der Körper wurde auch gescannt und dann ab in den Bus. Stopp, erst noch in die Kamera guggen. Weiter.

Endlich mal beim Fahren schlafen

Es war ein Doppeldecker, und Günther hat uns die ersten beiden Plätze oben gebucht. Toll – freie Sicht die ganze Fahrt über. Eine Sternschnuppe nach der anderen erwartete uns. Ich wurde zappelig – wann geht’s los? Südamerikanisch pünktlich um 15 Minuten später. Der Bus schob sich vom Hof und bog in die Straße ein. Es war bereits Nacht. Der Seguridad-Mensch raste durch den Bus mit der Kamera nochmal. „Excuse me, poor favor“. Bevor du „NO!“ sagen konntest, war er weg. Jemand vom Staff kam und zog uns die Vorhänge zu. Die müssen während der Fahrt geschlossen bleiben! 😳😤
Ich war schon stinkig. Zum Trost gab es dann Abendessen, während wir in den riesigen Sitzen sanft geschaukelt wurden. Für die Füße gab es eine Ablage, Sitze 💺 konnte man nach hinten kippen. Bequem und butterweich. Ein flauschige blaue Decke – nein, kein Alpaka – zum Zudecken war auch dabei. Das Essen war unspektakulär, wie vom Flugzeug gewohnt. Nur haben die hübschere Stewardessen. Wir wurden von einem jungen Mann bedient, den wir immer nur ganz kurz sahen und nicht nett säuselte, was wir denn wünschen. Egal, wir sollen ja schlafen.
Der Regen trommelte an die Scheiben. Drunten beim Fahrer quietschten die Scheibenwischer. Es wurden die Lichter gelöscht, Ruhe kehrte ein. Immer wieder blitzen vom entgegenkommenden Verkehr die Lichter in mein Schlafgemach. Ich nahm die Umgebungsgeräusche wahr. Einer brummte schlafend vor sich hin, irgendwo bläkte ein Kind. Die Eltern war chancenlos. Ich warte vergeblich auf das erlösende „Klatsch!“.

Insomnia

Ich versuchte zu schlafen. Da fingen meine Beine an zu spinnen. „Wir wollen laufen!“ – „Ruhe da unten, ich will schlafen!“ Es war zum Verrücktwerden. Die Müdigkeit da, der Kopf schwer, Hirn schon aus, Arme, Herzfrequenz, Magen-Darm-Aktivitäten – alles runtergefahren. Nur die Beine spielten verrückt. Viel Alternativen bot der Platz nicht. Ausstrecken auf die Ablage unterm Fenster brachte nix, drehen nach links, nach rechts. Nix. Fußablage einklappen – auch nix. Ich probierte die ganze Nacht mehrere Optionen durch. Zum Glück waren die beiden Plätze rechts frei. Günther verzog sich dort hin. Nun hatte ich 2 Plätze. Yeah! Damit potenzierten sich meine Optionen. Vielleicht konnte ich mich so die ganze Nacht beschäftigen?
Wie sieht es mit quer über beide Sitze aus? Lehne hochgeklappt und Test. Hm, Kopf gegen das nasskalte Fenster – ekelig. Andersrum? Tatsächlich schien ich kurz weggetreten. Aber nur kurz, wie mir die Uhr verriet. Blödes Handy! Jetzt tat mir der Rücken weh, der sich gegen die Armlehne pressen musste. Wie ist es mit diagonal? Die Füße wieder: „Wir wollen laufen!!!“ – „Ich säg euch beide gleich ab!“ Mein Tonfall wurde zunehmend gereizter. Vielleicht sind wir ja schon bald da. Ja toll! Nicht mal die Hälfte geschafft. Mir gut zuredend fischte ich den iPod aus der Tasche. Guter Junge, hast echt was gedacht. Ich drücke auf den Einschalter. Nichts tut sich . . . Echt jetzt? Stimmt, das Teil hatte ich vor Wochen zuletzt geladen. Nie benutzt. Danke!
Ich hole das iPad hervor. Versuche zu lesen. Nach zwei Seiten fällt dem ganzen Körper auf, dass er müde ist. Lesen ist nich. Ich spähe am Vorhang vorbei nach draußen. Regen und Autos. So weit das Auge reicht, und das ist wirklich nicht weit. Die Decke gibt nicht mehr genug warm. Ich zupfe und zerre in der Dunkelheit. Da beginnt es zu dämmern. Ob ich nun wirklich noch etwas geschlafen hab, oder nicht – keine Ahnung. Wenn ja, woher soll ich das wissen, ich hab ja geschlafen?!
Es dämmert. Ich greife zur Flasche. Nehm einen kräftigen Schluck Wasser. Richte mich auf. Ah, die Beine hab ich drangelassen. Das beruhigt. Ich spüre leichte Halsschmerzen, nehm eine Ibuprofen. Ob das was bringt, keine Ahnung. Ich hab keine anderen Tabletten.

Die Anden

Vorsichtig ziehe ich den Vorhang etwas zur Seite – so dass es der Kollege vom Fahrer nicht merkt. Nehme ein Taschentuch und wische die dicke Schicht Wasser ab. Immer wieder. Dann beobachte ich die Landschaft – wie sich die Straße endlos durch sanfte grüne Hügel windet. Sind wir in Schottland? Bilder davon kommen hoch. Es wachsen kleine Büsche auf den Hängen, Felsen liegen in endloser Zahl dazwischen herum. Mehr und mehr mischen sich hohe Kakteen darunter. Die Hügel werden steiler, während immer mehr fette LKW vorbeibrummen. Die Landschaft wird rauher, die Felsen größer. Die Straße ist jetzt fast durchgehend in den Felsen gebrochen. Die Kakteen mehren sich. Auf den großen Felsbrocken steht in größeren Abständen PROB PRIV. Das steht für probriedad privada, also Privatbesitz. Die ersten Stromleitungen stehen in der Landschaft herum und führen irgendwo hin.
Eine große Fabrik taucht auf, während sich die Sonne hinter einem Berg hervorwagt. Ganz vorsichtig, um nicht das Elend zu radikal zu entblößen, das sich nun bald unserem Auge bietet. Wir gelangen an die ersten Behausungen vor Arequipa. Krumme halbhohe Mauern grenzen kleine Hütten ein. Ich denke, dass das irgendwelche Lager für Materialien sind. Da laufen Leute herum, barfuß, zerlumpt, schwer bepackt. Frauen, Kinder. Hunde dazwischen in großer Zahl. Erdstraßen, schlammige Wege. Dahinter ein riesiger Berg, saftig grün, weich gemustert mit Streifen. Es sind die ersten Siedlungen. Das wird mir da klar, als ich ein Firmenschild einer Telefongesellschaft erkenne. Der Straßenrand wird lebhafter, geschäftig. Einzelne Wohnquadrate sind durch sehr breite Erdstraßen, braun und von Gräben durchzogen, durch die der letzte Regen die Gebiete verliess, getrennt. Vereinzelt laufen hier Menschen, wirken auf diesen Straßen verloren. Beherrschend auch hier der Hund. Teilweise in Rudel streifen sie frei umher.
Die Häuser werden langsam besser, bekommen Fassade und Gesicht. Farbe. Es stehen Autos davor, klapprig und alt. Es fehlen Türen, Scheinwerfer. Aber sie fahren. Menschen sitzen in Gruppen zusammen, geschäftig, machen Erledigungen. Die erste Tankstelle ist zu sehen, während die Sonne nun endgültig erscheint und den Blick auf schneebedeckte schroffe Berge freigibt. Die Vulkane um Arequipa. Ich sehe eine Familie am Zaun stehen – sie beobachten den Sonnenaufgang. Der Misti, einer der Vulkane, thront hier mächtig. So langsam sieht es nach Stadt aus. Stromleitungen, „normale“ Autos, Läden, Geschäfte, Stadtbusse, falls es die gibt. Taxis in großer Zahl – kleine Autos mit Werbetafel statt dem Taxischild. Die wirken wuselig und die Marke ist mir fremd.

Arequipa

Der Bus irrt durch die Straßen kreuz und quer und fährt schliesslich in einen großen Hof, auf dem viele andere Busse schon stehen. Wir steigen aus, laufen in das Terminal. Hier ist reger Betrieb. Alles rennt durcheinander. Läden reihen sich an Läden. Unser nächstes Ziel ist die Tourist Information. Danach mit dem Taxi zum Hotel. Alles geht sehr schnell. Der Taxifahrer redet nichts, wir schweigen. Ich kämpfe noch mit den Bildern der Vorstadt, muss schwer schlucken. Das muss ich erst mal verdauen, will ich Arequipa geniessen.

Holá Peru 🇵🇪

Die Ausreise aus Paraguay lief so glatt, als wollte man uns loswerden. Eine gemütliche Taxifahrt, freundliches CheckIn und ich bekam meinen Ausreisestempel. Das Flugzeug nach Lima war nicht voll besetzt, und so setzte ich mich ans Fenster. Schaute runter auf die Landschaft, die in saftigem Grün unter uns vorbeizog, langsam brauner wurde, felsiger und von flach nach hügelig sich zu bergig änderte. Zuerst war es ein sich schlängelnder Fluss – braun wie Milchkaffee -, der aus einer langgezogenen Kette kam. Nach der Kette ein Tal, danach noch eine Kette. Der Fluss querte beide Ketten in Schlangenlinien, als würde ihn Berge nicht interessieren. Entlang des Tals dazwischen, flossen wiederum hellbraune Flüsse in diesen großen Fluss, sodass eine Art Kreuz entstand.

Die Berge wurden höher, teils weiß bedeckt. Die Wolken verdichteten sich, sodass nur noch vereinzelt verschneite Kuppen herausstanden. Bis auf einmal der Pazifik sichtbar wurde – wie eine große blaue Platte, ohne Schaumkronen. Wir kurvten raus auf’s Meer und nahmen Anlauf auf Lima, flogen entlang der Küsten und ich konnte sehen, wie das Land braun ist, schnell ins Landesinnere zu Hügel und Bergen anstieg und sich dort im Dunst verlor. Braune Gebäude wie Legosteine übereinander getürmt zogen vorbei. Industrielle Anlagen konnte ich noch sehen, da landeten wir auch schon. Raus aus dem Flieger erwartete uns eine warme Luft. Das Hemd, das ich sicherheitshalber angezogen hatte, wollte ich wieder loswerden. Aufgeknöpft, Ärmel hoch!

nach Cusco

In dem netten aufgeräumten Flughafen begann nun eine kleine umständliche Prozedur, da wir ins Land einreisten, aber wieder komplett neu einchecken mussten für den Inlandsflug nach Cusco. Als wir uns durchgekämpft hatten, setzten wir uns in einen leicht überfüllten Bereich mit mehreren Schnellrestaurants. Papa John’s hatte Pizzen für uns und das nette Mädel sprach Englisch. Das Essen war nix besonderes, also konnte man sich getrost umschauen in diesem Gewusel. Hier sind die Besucher doch ganz anders wie noch zuvor in Asuncion. Deutlich mehr Touristen in Funktionskleidern und hohen Türmen von Rucksack, Schlafsack und weiteren Säcken auf dem Rücken. Als klare Fans des Landes tragen sie manchmal landestypische Mützen, vermutlich aus Alpaka.
Ein letzter Check noch, dann sitzen wir am Gate 11 in der Abflughalle. Hier können wir nochmals unsere Handys laden . . . Huawei sei dank! Gekrümmte Monitore zeigen Sehenswürdigkeiten dieser Welt. Neckarsulm ist nicht dabei . . . warum nur? Nach etwas Gedöse sind wir auch schon wieder im Flugzeug. Ich sitze in der dritten Reihe am Gang. Neben mir ein dunkelhäutiges Ehepaar. Ich denke, es sind Amerikaner und spreche sie auf englisch an. Aber es kommt nichts an. Die deutlich spanische Antwort lässt keinen Zweifel… die sprechen kein Englisch. „Hablar ingles?“ – Kopfschütteln.
Die beiden sind sichtlich nervös. Beide so einiges über 60. Er sitzt am Fenster und ist klar der aufgeregtere. Sie sitzt zwischen uns als Sicherheitspuffer für mich und verändert ihre Position nicht einmal während des Fluges. Ihr fülliger Körper erlaubt es ihr, die Handtasche zwischen sich und dem Sitz davor zu klemmen und ihren nervösen Gatten ständig mit dem dringend benötigten Handy zu bedienen. Denn er sitzt am Fenster und muss die Bilder machen. Dabei ist er aber den kompletten Flug ständig aus dem Häuschen. Andauernd tuscheln sie, reden etwas. Der Griff geht in die Handtasche, Entsperrzeremonie, Knipsen.
Manchmal nimmt er Blickkontakt mit mir auf, wenn es besonders aufregend wird und seine Frau alleine das nicht kompensieren kann. Ich lächle bestätigend und aufmunternd zu, Daumen hoch und helfe beim Rausguggen. Dabei seh ich fast nichts. Außer dass es total grün ist draußen. Ich denke: Wow, totale Schräglage. Mein Blick geht zum Fenster rechts: da ist es genauso grün. Ähem, was ist da los? Ich brauche ein paar Sekunden um zu verstehen, dass wir zwischen Hügel hindurchfliegen. Auf den stehen kleine weiße Häuschen, wie eine Herde Alpaka auf dem Weg zum Gipfel. Jetzt fliegen wir eine Kurve und je schräger die Lage, desto mehr erkenne ich, dass diese Häuser richtig viele werden, je weiter unten sie am Hügel stehen. Wir schwenken in die andere Richtung. Die grünen Hügel drängen sich näher, es fühlt sich an wie ein Unglück. Aber es ist der ganz normale Landeanflug auf Cusco. 😉

A warm welcome to Cuzco

Hier hat man Stil: mit traditionellen Klängen unterlegt scheppern Lautsprecher am Gepäckband ein herzliches Willkommen in Spanisch und Englisch. Meinen Koffer lockt das nicht. Der läßt auf sich warten, während alle schon freudestrahlend zu den Taxis laufen. Günther filmt, während ich nervös warte. Da spielen sie doch tatsächlich El Condor Pasa, was mein Koffer wohl als El Koffer Pasa interpretiert – wir beherrschen kein Spanisch – und er stolpert, sehnsüchtig zu mir schielend, vom Band. Dabei bricht er sich ein Bein, also ein Rädchen. Jetzt passt er endgültig zu mir! Jetzt haben wir beide ein Rad ab. Ich repariere notdürftig und hab jetzt ein Argument, den Kofferträgern gar nicht mehr zu trauen. Selbst ist der Mann und wir schleppen unsere Koffer ins Freie. Die Taxifahrer reden in einem Schwall auf uns ein. Aber ich kann sie nicht hören . . . bin ergriffen von der überwältigenden Umgebung. Ringsum riesige, wohlgeformte Hügel, wie aus einem Kitschmalbuch. Linien ziehen sich durch die grüne Landschaft, Häuschen bilden kleine Punkte, als hätte ein Pointillist gemalt. Irgendwann lassen wir uns von einem Taxifahrer mitschleppen, aber nur, weil er ein Alpakafell auf seiner Ablage hat. Für ein paar Soles – 15, um genau zu sein, was ca. 4,34 € entspricht (für 4 km) – kurvt er uns exakt vor das schnuckelige Hotel. Ich mag es sofort. Es liegt zwar an einer viel befahrenen Straße, aber es ist so schön klein und unauffällig. Aber davon später mehr. Wir müssen uns erst mal ausruhen . . .

Inca Kola

ein kleines Lokal in Cusco, Victoriya y Gloria, hat Alpaka-Urin Inca Kola. Geschmacklich nicht das, wonach es aussieht. Es schmeckt nach Kaugummi und sprudelt leicht. Vielleicht bin ich ungerecht zu den Inkas und es geht hier um die goldene Farbe: Inkagold für die Kehle. Es ist dennoch wohltuend an diesem recht warmen sonnigen Tag. Gegenüber kontrastieren die blauen Balkone schon gegen das Gold.
Übrigens ist das kleine Lokal sogar in TripAdvisor vertreten. Ich geh es mal bewerten. Wollte ein Bild von der niedlichen kleinen Bedienung mit einstellen. Aber sie lehnt kichernd ab. So wirst du nie ein Star, Baby!

Adios los Paraguayos

Liebes Paraguay,

obwohl ich noch gerne länger bei dir geblieben wäre, fühle ich keinen Trennungsschmerz. Zu spannend ist das, was mich in Peru erwartet. Ihr seid euch nie begegnet. Ich werde dir aber gerne davon berichten, sobald ich dort bin.
Die Zeit, die ich mit dir verbringen durfte, werde ich wohl nie vergessen. Vom ersten Kulturschock bis zum letzten leckeren Obst. Nicht alle Erwartungen – gute wie schlechte – hast du erfüllt. Aber im Gegenteil mich an vielem teilhaben lassen, das ich so nicht erwartet hatte. Deine Menschen lächelten immer, wenn wir uns angeschaut haben. Ob es ein Straßenhändler war, eine Verkäuferin im Shop, Angestellte auf der Bank, Polizisten, Beamte und viele andere. Durchweg versuchten sie, ihr Ziel auf freundliche Weise zu erreichen und schimpften nicht, wenn man mit ihnen nicht einig ging. Und wie freundlich sie sich um eine Unterhaltung bemühten, obwohl ich kein Wort spanisch oder gar Guaraní sprach. Aber Hände und Füße sind ja auch noch da!

Jetzt sitze ich im Flieger nach Peru und blicke auf dein Land. Hunderte kleiner Wölkchen verstreut wie Kuchenstreusel über ein durchweg grünes flaches Land. In Karos eingeteilt, als wäre es ein Spielbrett. Und da denke ich eine die üppige Vegetation, die ich selbst in deinen Städten gesehen habe. Grün soweit das Auge reicht. Oh ja, die Bäume und Sträucher werden mir fehlen. Mitten im heißen Sommer lässt du nichts vertrocknen – frisches Grün säumt die Kronen deiner riesigen saftigen Mangobäume. Sträucher mit trompetengleichen gelben, roten und weißen Blüten übersät nährt die hektisch umherschwirrenden Kolibri. niedrige Bäume mit roten Blüten gleich Flaschenbürsten. Zitrone, Orange, Guave . . . Gummibäume und Philodendren. Auf deinen Bäumen sitzen die Orchideen, fest verwurzelt lassen sie sich tragen. Wie gerne hätte ich sie blühen gesehen, ihren Duft eingesogen.

Unter mir ziehen nun die Anden vorbei. Auch du hast mir deine Berge gezeigt – ganz weit in der Ferne das Ybytyruzu-Gebirge in sattem Grün mit Feldern in frischem Grün, als wären es riesige Fußballfelder. Nicht so karg und unwirtlich, wie der Anblick, den ich jetzt habe. Was ist bei dir eigentlich nicht grün bemalt? Wären da nicht die Flüsse, Häuser und Straßen, du wärst ein einziger Garten. Durchzogen von roten Wegen wie Blutbahnen, hellrot und tiefrot durchziehen sie dein Land und füllen es mit Leben. Kühe, Hühner und Hunde durchstreifen es, fressen sich satt.

Und doch scheint irgendetwas nicht zu stimmen mit dir, sorgt für das gleiche Elend unter dem Volk, dass überall zu beobachten ist. Armut, Missbrauch als Opfer eines viel zu schnellen Fortschritts. Aber andere Länder gönnen sich schon so lange das, wonach du gierig strebst. Aber ich will dich nicht beurteilen. Zu kurz war ich zu Besuch, zu wenig hab ich gesehen, um wirklich zu verstehen. Am Ende bleibt mir ein zahnloses Lächeln in Erinnerung, dass ich für immer erwidern werde. Hasta luego, Paraguay. Deine tiefe Wärme durchdringt mich noch immer.

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p dir=“ltr“>Tu amigo
Oliver

Rausschmiss

Villarica will uns loshaben. Definitiv! Am letzten Tag schüttete es wieder. Aber wenigstens über den Nachmittag verteilt.
Mittags erstand ich noch ein traditionelles Hemd. Die Verkäuferin quälte ich mit Anproben und dem weiten Weg zum Spiegel. Aber hier im engen Laden mit zig Hemden, Blusen und Röcken brummte die Klimaanlage – während es draußen schon wieder über 32 Grad hatte. Ich deutete also auf ein Hemd und sie kramte aus Stapeln in meiner Größe raus. Warum hängt sie es eigentlich nicht gleich in meiner Größe hin? 🤔
Irgendwann war das überstanden und wir bahnten uns den Weg durch die Schwüle zum Eiscafé Marimer. Das Mädel presste 2 gigantische Kugeln auf die Waffeln. Dann beginnt der Wettlauf mit der Zeit. Genauer, wenn du das Café verlässt. Hier 2 riesige Eiskugeln, da 34 Grad Hitze. Und du hast nur 2 Werkzeuge zur Verfügung: ein Miniplastiklöffel und eine längliche Waffelstange. Auf die Plätze, fertig, LOS!

Schnell stelle ich fest, mit dem Löffel verliere ich. Da kommt die Konstruktion ins Wanken und droht, auf die Straße zu purzeln. Wir setzen uns an den Park auf einen Stuhl und ich bringe die Stange zum Einsatz. Mit geschickter Drehung packe ich recht viel Eis. Nach drei Bissen ist die auch weg.
Jetzt Mann gegen Mann. Ich gegen die Sonne. Beim letzten Mal hatte sie vier Treffer auf Hose und Hemd. Ich hatte verloren. Durfte bei der Revanche nicht patzen. Zuletzt hatte ich es mit lecken 👅 versucht. Zu langsam, wie sich herausstellte. Mit großen Bissen saugte ich das Eis ein. Geschmack und Farbe zweitrangig. Kleine Rinnsale an der Waffel mahnten zur Eile. Ich leckte sie weg und biss mich durch. Die Sonne hielt dagegen, rang um jeden Zentimeter. Der Sieg rückte näher! Ich spürte etwas feuchtes am Finger, leckte es auf. Mein Vorsprung wurde größer. Da war ich schon beim ersten Biss in die Waffel. Ich entspannte merklich und genoss die letzten Bisse. Das unterste Ende ließ ich triumphierend in die Kehle gleiten. Ein Blick auf Hose und Shirt bewiesen klar: ich hatte gewonnen.
Ich stolzierte mit lockerem Gang zum Hotel zurück, zog die Badehose an und sprang in den 🏊🏼 Pool. Auf einmal zogen dicke schwarze Wolken ☁️ auf und es goß fürchterlich. Pfui, Sonne, was bist du für ein schlechter Verlierer.
Wir verschwinden hier jetzt nach Peru!

Das Fleischfest

Als besonderen Abschluss unseres Paraguay-Trip besuchten wir das Restaurant La Tranquera. Berühmt für ihren Asado – eine Art Grillpfanne. Da das Restaurant nicht vor 20:00 öffnet und ziemlich außerhalb liegt, liessen wir uns mit dem Taxi hinfahren. Die Straßen waren fast durchgehend frisch geteert und der Fahrer fuhr bedächtig und gemütlich. So waren wir sehr entspannt und zugleich gespannt.
Durch den großzügigen Saal gelangten wir ins Freie. Ein sehr großer ummauerter Garten, mit Laternen ausgeleuchtet und vielen dekorierten Tischen unterschiedlicher Größe. Am Rand war die Rasenfläche üppig bepflanzt mit den landestypischen Pflanzen, die wir zuhause als Zierpflanzen eher als Miniausgabe kennen. Dazwischen ragten riesige Palmen und hochgewachsene Yukka empor.

Der Kellner brachte uns Getränke, die hier üblicherweise eiskalt serviert werden. Das hat den Vorteil, dass zB. alle Biersorten gleich schmecken. Bei der Kälte gibt es keinen Unterschied mehr. Ich bevorzugte aber eine Cola. Meine beiden Begleiter vereinbarten das Essen, auf eine Karte verzichteten sie. Da wir uns aber bereits im Taxi auf Asado geeinigt hatten, konnte ich dem flüssigen Spanisch teilnahmslos lauschen und nebenher etwas fotografieren. Lautsprecher wurden aufgestellt, um uns zu beschallen. Julio Iglesias . . . ich bedauerte, kein Bier bestellt zu haben, um ihn zu ertragen. Dann ABBA „Fernando“, ok, immerhin jetzt Musik.

Die Bedienung kam wieder. Man war sich wohl über die Bestellung einig geworden. Er stellt einen kleinen Holztisch neben uns. Kurz danach einen kleinen massiven Grill, auf dem heiß und fettspritzend das Fleisch lag. Es spritzte so sehr, dass der Tisch weiter weg musste. Wir zerlegten es und verteilten es auf unsere Teller. Berge von Fleisch! Maniok und Palmherzen samt einigen Gewürzen, Öl und Essig standen schon bereit. Ich starrte das Fleisch an, schaute auf meinen Bauch. Rein physikalisch müsste ich einige Organe umfunktionieren, soll diese Menge in meinen Magen. Etwas weiches streifte meinen Fuß – ein kleiner schwarzer Hund. Er setzte sich neben mich, und schnüffelnd bot er seine Hilfe an. Danke, mein Lieber. Aber ich muss da ganz alleine durch!
Inzwischen hatte die Musik auf mexikanisch gewechselt und das Restaurant füllte sich. Valentinstag! Auf einmal waren alle lieb zueinander. Ganze Familien saßen hier und harrten auf ihr Essen, während wir uns an die Arbeit machten. Maniok aufschneiden, Docht rausziehen, Salz und Öl drauf. Dann arbeitete ich mich durch die Fleischsorten, die sehr lecker schmeckten und durchweg herrliche Krusten hatten. Das Palmherz war mit Senf garniert und war herrlich kühl. Ich schaffte es tatsächlich durch den Fleischberg. Ich war erstaunt, wie gut mein Bauch das verkraftete, ohne Völlegefühl, ohne Probleme.

Wir saßen noch etwas gemütlich zusammen, genossen die gute Luft, die tolle Stimmung. Ich legte meinen Kopf zurück und betrachtete den Sternenhimmel. Der war hier etwas abseits des Zentrums deutlich schwärzer und mit Sterne bestückt. Ich erkannte den Orion, wie er da oben funkelte. Jetzt hätte ich gerne ein Bett auf einem Dach, würde alles um mich ausblenden und in den Nachthimmel versinken . . .

Die Herren von Paraguay

Da steht der prächtige Bau mitten in Villarica; mit dicken fetten Säulen davor schindet er mächtig Eindruck. Davor in diesem Kontext völlig berechtigt die Plaza de los Heroes – der Platz der Helden. Ohne nachzudenken sehe ich sie vor mir, die alten Helden – ganz in Metall, das Schwert an der Seite, das Visier offen und die Lanze in den Boden gerammt! Den frisch eroberten Besitz! Oder die Soldaten in adretten Uniformen, vom Schlamm besudelt und blutbefleckt, wie sie Reihe um Reihe ihr Leben liessen für ein freies Land.
Aber . . . die wahren Herren im Land, das sind die Hunde. Zahlreich bevölkern sie das kleinste Dorf, beherrschen die Straßen, und machen was sie wollen. Heute erst trieb eine Gang von ihnen auf dem Plaza de los Heroes ihr Unwesen. Ungeachtet der vielen Zweibeiner auf den Bänken und Wegen, stromerten sie zwischen ihnen umher und pöbelten sie an. Sie waren gut zwischen 10 oder 12. Große kräftige Hunde, die Herren eben. Läuft man hier durch die Straßen, begegnet man ihnen praktisch überall. Hier raufen sich zwei, da drüben dösen ein paar – kleine, große, schwarze, weiße, braune. Angenommen, also nur mal angenommen, die Stadt würde hier mit einem Kehrfahrzeug – ihr wisst schon, die mit den kreisenden Besen ringsum – durchfahren: da wären am Ende immer bestimmt 10 Hunde eingesammelt worden.
Diese Snobs beachten die Menschen kaum. Bestimmt betrachten sie diese als ihre Bedienstete: die dürfen Wasser bringen, Knochen hinwerfen oder sonstige Dienste verrichten. Aber der Hund ist der Herr. Angebunden sieht man Kühe, Pferde, Ziegen und Schafe. Aber Hunde? Niemals. In einem Dorf beobachte ich noch so eine Rotte – voraus ein wohl besonders riechendes Exemplar. Und der ganze Pulk marschiert schnüffelnd hinterher. Versucht gelegentlich mal auf den ersten draufzuspringen. Kopulationsversuch? Ich will’s nicht wissen.
Woanders entdecke ich dann sogar einen Chor. Eine Hundeschule habe ich zwar hier nicht entdeckt. Aber dennoch bekommen sie hier einen Chor zustande. Zuerst stand ich da und bewunderte gerade wieder so einen Mammon. Auf einmal beginnt nebenan – für mich nicht sichtbar – ein Hunde zu winseln, jaulen. Auf einmal geht das Konzert los. Unmengen an Hunden stimmen in das Gejaule ein. Gejaule? Ich tue ihnen bestimmt Unrecht. Wahrscheinlich ist das hohe Schule. Nach einer Minute ist der Song dann wohl aufgenommen. An dem Nachmittag nahmen die eine ganze CD auf. Die erscheint demnächst als „Le mejor de Paraguay“ – kauft Leute kauft!
Wir fahren, wenn wir fahren, mit dem Bus. Nie hab ich hier – wie in Deutschland – einen Hund mitfahren sehen. Aber vom Bus aus sind die Straßen gesäumt von Hunden. Meist dösen sie im Schatten, sich auf dem Rücken wälzend. Und träumen davon, von Paraguay aus die ganze Welt zu erobern. Dabei schauen sie entrückt auf die Flugzeuge über sich. Dann treffen sie sich wieder mit „ihrer Gang“ und schmieden Pläne: wie kommen wir auf ein Schiff, einen Flieger? Wieviele braucht man, um mit ein paar Zweibeinern fertig zu werden? Habt ihr schon gehört, in Deutschland sollen Hunde angebunden, gekettet und dressiert werden!? Vamonos, lasst uns die armen deutschen Hunde befreien! Hier kommen die „Herren von Paraguay“!