Das Fleischfest

Als besonderen Abschluss unseres Paraguay-Trip besuchten wir das Restaurant La Tranquera. Berühmt für ihren Asado – eine Art Grillpfanne. Da das Restaurant nicht vor 20:00 öffnet und ziemlich außerhalb liegt, liessen wir uns mit dem Taxi hinfahren. Die Straßen waren fast durchgehend frisch geteert und der Fahrer fuhr bedächtig und gemütlich. So waren wir sehr entspannt und zugleich gespannt.
Durch den großzügigen Saal gelangten wir ins Freie. Ein sehr großer ummauerter Garten, mit Laternen ausgeleuchtet und vielen dekorierten Tischen unterschiedlicher Größe. Am Rand war die Rasenfläche üppig bepflanzt mit den landestypischen Pflanzen, die wir zuhause als Zierpflanzen eher als Miniausgabe kennen. Dazwischen ragten riesige Palmen und hochgewachsene Yukka empor.

Der Kellner brachte uns Getränke, die hier üblicherweise eiskalt serviert werden. Das hat den Vorteil, dass zB. alle Biersorten gleich schmecken. Bei der Kälte gibt es keinen Unterschied mehr. Ich bevorzugte aber eine Cola. Meine beiden Begleiter vereinbarten das Essen, auf eine Karte verzichteten sie. Da wir uns aber bereits im Taxi auf Asado geeinigt hatten, konnte ich dem flüssigen Spanisch teilnahmslos lauschen und nebenher etwas fotografieren. Lautsprecher wurden aufgestellt, um uns zu beschallen. Julio Iglesias . . . ich bedauerte, kein Bier bestellt zu haben, um ihn zu ertragen. Dann ABBA „Fernando“, ok, immerhin jetzt Musik.

Die Bedienung kam wieder. Man war sich wohl über die Bestellung einig geworden. Er stellt einen kleinen Holztisch neben uns. Kurz danach einen kleinen massiven Grill, auf dem heiß und fettspritzend das Fleisch lag. Es spritzte so sehr, dass der Tisch weiter weg musste. Wir zerlegten es und verteilten es auf unsere Teller. Berge von Fleisch! Maniok und Palmherzen samt einigen Gewürzen, Öl und Essig standen schon bereit. Ich starrte das Fleisch an, schaute auf meinen Bauch. Rein physikalisch müsste ich einige Organe umfunktionieren, soll diese Menge in meinen Magen. Etwas weiches streifte meinen Fuß – ein kleiner schwarzer Hund. Er setzte sich neben mich, und schnüffelnd bot er seine Hilfe an. Danke, mein Lieber. Aber ich muss da ganz alleine durch!
Inzwischen hatte die Musik auf mexikanisch gewechselt und das Restaurant füllte sich. Valentinstag! Auf einmal waren alle lieb zueinander. Ganze Familien saßen hier und harrten auf ihr Essen, während wir uns an die Arbeit machten. Maniok aufschneiden, Docht rausziehen, Salz und Öl drauf. Dann arbeitete ich mich durch die Fleischsorten, die sehr lecker schmeckten und durchweg herrliche Krusten hatten. Das Palmherz war mit Senf garniert und war herrlich kühl. Ich schaffte es tatsächlich durch den Fleischberg. Ich war erstaunt, wie gut mein Bauch das verkraftete, ohne Völlegefühl, ohne Probleme.

Wir saßen noch etwas gemütlich zusammen, genossen die gute Luft, die tolle Stimmung. Ich legte meinen Kopf zurück und betrachtete den Sternenhimmel. Der war hier etwas abseits des Zentrums deutlich schwärzer und mit Sterne bestückt. Ich erkannte den Orion, wie er da oben funkelte. Jetzt hätte ich gerne ein Bett auf einem Dach, würde alles um mich ausblenden und in den Nachthimmel versinken . . .

Die Herren von Paraguay

Da steht der prächtige Bau mitten in Villarica; mit dicken fetten Säulen davor schindet er mächtig Eindruck. Davor in diesem Kontext völlig berechtigt die Plaza de los Heroes – der Platz der Helden. Ohne nachzudenken sehe ich sie vor mir, die alten Helden – ganz in Metall, das Schwert an der Seite, das Visier offen und die Lanze in den Boden gerammt! Den frisch eroberten Besitz! Oder die Soldaten in adretten Uniformen, vom Schlamm besudelt und blutbefleckt, wie sie Reihe um Reihe ihr Leben liessen für ein freies Land.
Aber . . . die wahren Herren im Land, das sind die Hunde. Zahlreich bevölkern sie das kleinste Dorf, beherrschen die Straßen, und machen was sie wollen. Heute erst trieb eine Gang von ihnen auf dem Plaza de los Heroes ihr Unwesen. Ungeachtet der vielen Zweibeiner auf den Bänken und Wegen, stromerten sie zwischen ihnen umher und pöbelten sie an. Sie waren gut zwischen 10 oder 12. Große kräftige Hunde, die Herren eben. Läuft man hier durch die Straßen, begegnet man ihnen praktisch überall. Hier raufen sich zwei, da drüben dösen ein paar – kleine, große, schwarze, weiße, braune. Angenommen, also nur mal angenommen, die Stadt würde hier mit einem Kehrfahrzeug – ihr wisst schon, die mit den kreisenden Besen ringsum – durchfahren: da wären am Ende immer bestimmt 10 Hunde eingesammelt worden.
Diese Snobs beachten die Menschen kaum. Bestimmt betrachten sie diese als ihre Bedienstete: die dürfen Wasser bringen, Knochen hinwerfen oder sonstige Dienste verrichten. Aber der Hund ist der Herr. Angebunden sieht man Kühe, Pferde, Ziegen und Schafe. Aber Hunde? Niemals. In einem Dorf beobachte ich noch so eine Rotte – voraus ein wohl besonders riechendes Exemplar. Und der ganze Pulk marschiert schnüffelnd hinterher. Versucht gelegentlich mal auf den ersten draufzuspringen. Kopulationsversuch? Ich will’s nicht wissen.
Woanders entdecke ich dann sogar einen Chor. Eine Hundeschule habe ich zwar hier nicht entdeckt. Aber dennoch bekommen sie hier einen Chor zustande. Zuerst stand ich da und bewunderte gerade wieder so einen Mammon. Auf einmal beginnt nebenan – für mich nicht sichtbar – ein Hunde zu winseln, jaulen. Auf einmal geht das Konzert los. Unmengen an Hunden stimmen in das Gejaule ein. Gejaule? Ich tue ihnen bestimmt Unrecht. Wahrscheinlich ist das hohe Schule. Nach einer Minute ist der Song dann wohl aufgenommen. An dem Nachmittag nahmen die eine ganze CD auf. Die erscheint demnächst als „Le mejor de Paraguay“ – kauft Leute kauft!
Wir fahren, wenn wir fahren, mit dem Bus. Nie hab ich hier – wie in Deutschland – einen Hund mitfahren sehen. Aber vom Bus aus sind die Straßen gesäumt von Hunden. Meist dösen sie im Schatten, sich auf dem Rücken wälzend. Und träumen davon, von Paraguay aus die ganze Welt zu erobern. Dabei schauen sie entrückt auf die Flugzeuge über sich. Dann treffen sie sich wieder mit „ihrer Gang“ und schmieden Pläne: wie kommen wir auf ein Schiff, einen Flieger? Wieviele braucht man, um mit ein paar Zweibeinern fertig zu werden? Habt ihr schon gehört, in Deutschland sollen Hunde angebunden, gekettet und dressiert werden!? Vamonos, lasst uns die armen deutschen Hunde befreien! Hier kommen die „Herren von Paraguay“!

Hotel Hasenstall

Nach dem Aufenthalt in Ciudad del Este kamen wir zurück nach Villarica. In ein anderes, ein günstigeres Hotel. Allerdings richtig weit vom Terminal entfernt. Mit gemischten Gefühlen schoben wir unsere Koffer – zum Glück mit Räder – quer durch die Stadt. Teils auf der Straße, teils auf den Gehwegen. Oder irgendwo dazwischen. Ständig musste man nach oben oder unten, rechts oder links rumpeln. Der Koffer vibrierte dabei mehrmals gefährlich und die Räder klangen so, als fielen sie gleich ab. Schließlich gegenüber einer Kirche kam das Hotel Asuncion in Sicht. Ein kleines gelbes Hüttchen als Empfang. Schlicht. Keine Rezeption, sondern wir wurden von einem Mädchen ums Haus gebeten. Im Innenhof bearbeitete eine ältere Frau in schwarz gerade eine große Pfanne mit Hackfleisch und gekochten Eiern. Der Jefe erschien. Nach kurzem Buenos tardes und Freundlichkeiten ging es auf die Zimmer im Nebengebäude. Erster Stock. Der sehr engen Flur entlang zum letzten Zimmer. Doppelzimmer. Betten bitte weit auseinander. Die Tür ging auf. Und wir waren im Hasenstall.
Zwischen den Betten etwas Platz, um vorsichtig quer durchzulaufen. Für meinen Koffer schon zu eng. Zwischen Fußende und Wand ebenso. Mühsam quetschte ich meinen Koffer dazwischen. Schrank? Nada! Das hieße: Koffer auf’s Bett, raus was man braucht, Koffer zu, verstauen – zB als Tritt hinüber ins Bett. Durchaus praktikabel – NICHT! Ich war erstaunt, wie verwahrlost das Zimmer ist. Und war gespannt auf das Bad. Da das Zimmer so klein war, ist die Suche schnell erledigt, halbe Drehung nach links. Ich schau durch die Türe und wußte: ich mag hier nicht bleiben. Waschbecken klein, aber ganz ok. Toilette gab es auch. Der Duschkopf direkt über der Toilette! Keine Duschwanne oder Stehfläche. Nada!
Ich fühlte mich wie ein verwöhnter Schnösel und wir liessen alles zurück. Stürzten kommentarlos ins Freie. Erst mal Licht!
Wir hatten beide das gleiche Ziel. Im Eiltempo liefen wir zu unserem alten Hotel. Wir stürmten atemlos die Lobby. Geräumig, kühl, einladen. Darf ich gleich hier schlafen? Am Empfang grüßte schon breit lächelnd unser alter Freund von der Rezeption. 2 Zimmer, noch heute? Die gleichen wie zuletzt? Tatsächlich? Sie sind mein Held!
So schnell wir konnten, holten wir unsere einsamen Koffer aus ihrem dunklen Verlies. Ich streichelte meinen beruhigend und versprach ihm ein besseres Zimmer. Kühl, geräumig und mit Licht. Den Weg zum Hotel Ybytyruzu machte der Koffer fast alleine. Mühelos hüpfte er über Gehsteige, Straßen, Schlaglöcher und Erdreich. Fröhlich wiehernd bäumte er sich vor dem Hotel auf und erklomm die Treppen. Ich kam kaum nach . . . Wir nahmen die Schlüssel in Empfang. 702. MEIN Zimmer. Da, wo ich immer das WLAN für Stunden verliere. Aber es ist hell da, es hat einen Balkon, ein großes Bad, eine Duschkabine und 3 Betten für mich alleine. In welchem schlafe ich heute Nacht? Hmmmm, darüber denke ich im Pool etwas nach.

Platsch!

Der Magen isst mit

Auch in Paraguay gilt: der Magen ißt mit – nicht nur die Augen. Und nicht alles, was lecker aussieht, tut meinem Magen gut. Einschlägige Erfahrungen hab ich hinter mir.
Auf den Märkten werden die Augen nicht immer verwöhnt: Fliegen umschwirren aufgehängtes Fleisch und angeschlagenes Obst. Da schlagen bei mir gleich die Alarmglocken. Schließlich wollen wir in ein paar Tagen weiter und nicht im Bett liegen. Also hält man sich am besten an die Restaurants. Zwischen 20.000 und 60.000 Guaraní (3 bis 10€) bekommt man eine breite Palette.

Danykar

Das erste Restaurant, das wir in Villarica ansteuerten, ist das Danykar, direkt neben einer stark frequentierten Eisdiele. Am quadratischen Plaza de Heroes gelegen, getrennt vom Freigehege durch eine stark befahrene Straße. Motorräder und Autos schleichen hier vorbei auf der Suche nach einem Parkplatz, um sich zum Beispiel am anschließenden Eiscafé ein Eis zu holen. Hm, der Name Plaza de Heroes – Platz der Helden – klingt verdächtig. Muss ein Held sein, wer hier freiwillig ist? Wir fühlen uns angesprochen.
Wir nehmen an einem der zahlreichen Plastiktische Platz, die mit roten Stoffdecken bedeckt sind. Rote oder weiße stapelbare Campingstühle sind hier sauber angeordnet. Die Bedienung entdeckt uns und reicht uns verbindlich lächelnd Menükarten. Wir fragen uns durch die Biersorten, bevor wir uns den speckigen Lederhüllen zuwenden. Einheimisches Bier gibt es nicht – so fällt die Wahl auf Millers.
Während er wieder über die Straße schlurft, schauen wir in die Karten – das bunte Menü wurde laminiert, ist nur noch schwer lesbar. Links die Pizzen, rechts verschiedenste Gerichte. Übersichtlich – so mag ich das. Ich nutze die Gunst der Stunde und entscheide mich für etwas mit den Wörtern bife und lomito im langen Namen. Vielleicht bekomme ich das berühmte südamerikanische Rind gleich hier. Und so ist es.
Aber zuvor kommt der Kellner anmarschiert. Einen Sektkübel, eine Literflasche Millers und 2 Gläser im Schlepptau. Ich staune. Der goldfarbene Kübel ist mit Eis gefüllt, die Bierflasche wird darin versenkt und dann entkront. Bier hat hier einen anderen Stellenwert als in Deutschland, meint Günther. Ich merk’s!
Durch die Kälte fehlt dem Bier etwas Geschmack, aber die erfrischende Wirkung kommt mir bei der hohen Temperatur auch nach Sonnenuntergang sehr entgegen.
Beim sehr leckeren Essen mit Rindersteaks, Pommes ala rustico und Salat habe ich immer wieder das Gefühl, mich piesacken Moskitos. Füße und Schienbeine jucken. Ohne viel nachzudenken kratze ich mich. Nicht ohne Wirkung. Nach dem Essen nehme ich außer dem Brennen und Jucken kaum noch was wahr.
Im Hotelzimmer betrachte ich das Werk der Moskitos bei Licht, während ich den Mückenspray aus der Tasche fische. Nur sehe ich keine Mückenstiche, sondern knallrote kleine rote und weiße Hügelchen, dicht an dicht, wo vorher zarte Haut war. Ich kühle es runter, bis am Wasserhahn nur noch heißes Wasser kommt. Erst am nächsten Tag kommt Erleichterung durch Creme aus der Farmacia. Uff! Das erste Restaurant hat sich eingeprägt…

Als nächstes Stelle ich euch Tio Rubio vor – der blonde Onkel. Nein, nicht der aus den USA 🇺🇸…

Tio Rubio

Unmittelbar nach dieser berühmten Kurve von Villarica wird die Straße breit, gabelt sich. Pfützen auf dem Fußweg, an dem ein großer Schmetterling sich labt. Sein kleiner gelber Kollege kommt angedüst wie ein Kampfjet, trifft den großen, der sich schwankend in Bewegung setzt. Nun gehört dem kleinen gelben die Pfütze. Schlau!
Das war aber noch nicht der blonde Onkel, der Tio Rubio. Der kommt gleich dahinter. Eine niedrige weiße Mauer trennt den geräumigen Hof von der Straße. Auf ihr trohnt ein weißer Zaun. Riesenhafte Bäume beherrschen das Gelände – Palmen, Chivacho, Mango. Hier im durchgehend schattigen Bereich sind viele Tische und Stühle aufgebaut. Die Klassiker hier: stapelbar, einfach, von Coca Cola. Wir setzen uns nahe einem der vielen Bögen, die das Gebäude nach außen markieren. Hinter den ersten beiden befindet sich dann ein großer Platz mit dem Pizzaofen. Hier schuften 2 junge Kerle in der Hitze, die Bedienung lümmelt an einem Pfosten. Auf einer verratzten Couch spielt ein Junge mit dem Smartphone. Die ganze Ecke ist sehr dunkel und ich frag mich, ob hier die Pizzen blind gebacken werden. Ich bin gespannt.
Der obligatorische Eiskübel mit dem Bier steht nun schon auf dem Tisch und kühlt mich runter. Da kommen schon die Pizzen – meine sieht lecker aus und schmeckt sehr reichhaltig. Es ist ordentlich Belag drauf und der Teig ist fluffig. So mag ich Pizza. Obwohl ich die kleinste nehme – chico – bin ich satt. In dem Zustand schau ich mich um und betrachte den Laden genauer. Die Pizzeria war bestimmt mal hübsch. Aber es wurde schon lange nichts mehr gemacht. Farbe blättert ab, Leuchter hängen unterschiedlich schief an der weißen Wand. Lustig blinkt die Lichterkette, die das Ambiente empfindlich stört. Sie wurde wahrscheinlich für Weihnachten angebracht. Und das ist eh bald wieder . . . hängelassen! Dennoch, mir hat’s hier echt gefallen und würde auch gerne wieder hierher gehen.
Nach dem Schmaus geht es in der Dunkelheit zurück. Es ist Grillsaison – aus dem Rasen, dem Gebüsch, den Bäumen, von überall her schrubben die Grillen und Zikaden mit ihren Beinchen um die Wette. Das scheint der südamerikanische Grand Prix de la Chanson der Insekten zu sein. Alle paar Meter ein völlig anderer Sound. Ich bin so fasziniert, dass ich die Zeit vergesse…

Sinking in the rain

Der tropische Regen scheint nur zwei Status zu kennen – an oder aus. Es begann als Weckton am frühen Morgen. Dieses Trommeln gegen das Blechdach, das immer lauter anschwoll zu einem nicht überhörbaren Lärm, einem Brüllen. Bis mein Verstand realisierte, was da los ist, war alles zu spät. Der Himmel nicht mehr vorhanden, auch keine Nachbarschaft mehr. Nur noch das, was unmittelbar vor der Nase zu sehen ist – Regen. Viel Regen. Sehr, sehr viel Regen. Der faucht am Balkon vor dem Zimmer wütend vorbei, als jage er der Sonne hinterher, die hier noch gestern fröhlich gespielt hatte.
Der Blick hinüber ins Restaurant, hinüber ins warme Licht, das Kaffee, Obst und Brot verheißt, wird immer sehnsüchtiger. Es scheint aussichtslos, auf die andere Seite zu gelangen. Der Hof, obwohl nur wenige Meter breit, steht unter Wasser. Das könnte man schaffen. Aber . . . der Regen! Es schüttet dermaßen, dass man nicht nur etwas nass wird auf der kurzen Distanz, man müsste gleich wieder umdrehen und sich umziehen. Ein Teufelskreis! Günther und ich stehen an unseren Türen wie zwei Hunde, die den Braten zwar riechen . . . ihr wißt schon.
Anfangs scherzen wir noch, sind uns sicher, das dauert nicht lange. Der Wetterbericht sagt: bis 9. Wir packen unsere Kameras aus, filmen und fotografieren das lustige Spektakel. Schicken es an Freunde und Familie. Das ist irgendwann ausgereizt. Der Blick wandert rüber zum Speiseraum.
Irgendwann lässt der Regen auf einmal nach. Wir wittern unsere Chance. Beim Kaffee beschliessen wir, den geplanten Besuch zu wagen. Wir sind nämlich zum Frühstück eingeladen. Allerdings ein paar quadras entfernt. Wir müssen nur vor bis zum Busterminal, von da ist es gaaar nicht mehr weit. Das sollten wir in 7 Minuten schaffen . . .
Ich packe mein Minihandtuch ein. Und wir flitzen los! Halten uns immer unter den fast durchgehend vorhanden Schutz der Shopdächer, Markisen. Dann urplötzlich am Busterminal bricht es wieder los. Der Hausmeister von Villarica fegt mit einem Riesenschwall Wasser durch seine Stadt. Ruckzuck wird aus der Straße ein Fluss und die Lücken zwischen den Gehsteigabschnitten zu unserer Falle. Das Wasser bricht hier zwischen den Häusern auf die Straße. Dem Tod trotzend schlagen wir uns dennoch bis fast vor das Haus durch – inzwischen klitschnass. Mein kleines Handtuch hilft mir wenigstens, mein Gesicht und die Lockenpracht zu trocknen. Unser Blick fällt auf die riesige Mauer und das verschlossene Tor. Auf den letzten 10 Meter und vor dem Tor kein schützendes Dach, kein trockener Fleck. Entweder wir warten hier, bis der Regen aufhört oder wir schreiten zum Tor, klopfen, hoffen dass wir gehört werden . . .
Wir wagen es. Klopf, klopf, dröhnt der Regen auf den Schädel und Günther gegen das Tor. Nichts. Das TShirt ist durch. Die Hose von unten bis zum Knie komplett aufgeweicht. Der Rest ganz ok. Was tun? Da drüben ist ein Shop. Vielleicht hat sie ein Telefon . . . und weiß die Nummer!? Wir fragen. No! Sie will uns helfen, aber no way. Günther rennt noch mal rüber . . . hämmert mehrfach gegen das Tor. Dann Rufe von innen, das Tor geht auf . . . wir werden ausgelacht. Zu Recht!
Ach übrigens . . . nach nur 10 Stunden war der Spuk vorüber. Die Sonne kam raus, fröhlich pfeifend. Die Straßen waren eine Stunde später wieder trocken und sah fast aus, als wäre nichts gewesen. Nur irgendwie wirkte alles etwas sauberer . . .

Chipa, Chipa

Wir trafen am Busterminal am späten Vormittag ein. Hier herrschte reges Getriebe, denn von hier aus starten Busse in alle Himmelsrichtungen: Argentinien, Bolivien, Uruguay, Brasilien und verschiedene Regionen Paraguays. Dazu werben riesige Schilder einzelner Gesellschaften über ihren Ticketshops, aufgereiht über die komplette Breite des Terminals. Wir fanden unsere Gesellschaft GUAIRENA, die uns nach Villarica bringen würde. Nach etwas Diskussion fanden wir eine günstige Fahrt, die 13:30 starten sollte.
Es waren noch 2 Stunden bis dorthin. Wir nahmen also auf der schattigen Terrasse direkt vor den Shops Platz und genossen die Aussicht auf die Umtriebe vor dem Terminal: Menschen, die sich im Schatten ihrem Terere widmeten, dösten. Eine Katze räkelte sich neben einem Polizisten, der gelangweilt seine Trillerpfeife herumwirbeln liess. Taxifahrer unterhielten sich angeregt, während weiter hinten unter einem wuchtigen Baum Händler versuchten, ihre Waren an den Mann zu bringen. Einer von ihnen liess Musik laut aus den Boxen scheppern. Nordamerikanische Musik leider…
Schließlich gegen 12:30 wuchteten wir unsere Koffer eine Etage tiefer. Es war dunkel da unten und proppenvoll. Shops entlang den Wänden, sodass keine Wand zu sehen war. Jeder Zentimeter ist Verkaufsfläche. Der übliche Tand . . . Direkt am Ausgang zu den Bussen – unser sollte an den Plataforma 19 – 24 abfahren – lungerten Menschen auf Sitzgelegenheiten ähnlich den Gates am Flughafen. Ca. 20 Reihen in knallorange standen da. Darauf Menschen unterschiedlichster Couleur: eindeutig indianische, klein, lederhäutig, schwarzes strähniges Haar. In verschmutzten TShirts warteten sie genauso wie das Mädchen, das in WhatsApp vertieft mit ihren langen Zöpfen spielte. Die Jeans durchlöchert, durchgestylt. Plötzlich zieht sie eins ihrer Schuhe aus und schlägt ihren Bruder damit. Gegenüber ein Pärchen, das europäisch aussieht. Sie beginnt ihr Kind zu stillen. Vor mir macht sich eine junge Frau in Casualklamotten an einer Handyladestation zu schaffen. Die nimmt das Kleingeld nicht an. Sie trottet weiter. Inzwischen werden an 2 Stellen neben den Sitzen Berge von Chipa aufgebaut – Gebäck aus Maismehl, das hier in Massen hergestellt und verkauft wird. Ich kaufe mir eines mittlerer Größe etwas zu teuer und beginne neugierig zu kauen. Unerwartet schmeckt es nach Fenchel und Anis, ist außen krustig mehlig, innen aber leicht feucht. Lecker! Ich packe den größten Teil wieder weg, denn wir sollten langsam Richtung Bus.
Der kommt auch schon wenige Minuten später. Der Gehilfe des Fahrers beklebt unser Gepäck mit einer Zahlenkombination, gibt uns den kleineren Abschnitt des Aufklebers als Nachweis für die Abholung. Dann verstaut er es und wir gehen auf unsere reservierten Plätze. Fast pünktlich geht ein Vibrieren durch den Bus, die Maschine brummt erwartungsvoll, wir setzen zurück. Der Bus ist mehr als halbvoll, als wir aus dem Terminal in die Stadt zurückfahren.
In Asuncion geht es sehr schleppend voran. Schon ein paar Meter in die „falsche“ Richtung, hält er an. Ein Ehepaar entnimmt dem Verschlag unter den Sitzen ein Paket, gibt dem Beifahrer im Gegenzug Waren. Einsteigen, weiter! Immer wieder halten wir, Leute steigen ein. Wir irren scheinbar ziellos durch die Stadt und suchen Leute, die mitfahren wollen. Der Gehilfe beginnt, die stehenden Fahrgäste nach hinten zu drängen. Sieht so aus, als kommen noch mehr. Irgendwann erreichen wir die Randbezirke und nehmen noch mehr Gäste auf. Die könnten kaum unterschiedlicher sein. So sitzt oder steht im Bus eine illustre Reisegruppe, während draußen sich das Bild zusehend ändert – raus aus der Stadt ist immer mehr üppiges Grün zu sehen, direkt am Straßenrand bis weit ins Landesinnere. Bäume, Sträucher, Gräser. Erinnert an Deutschland, es ist nur eine andere Flora. Mehr und mehr auch Tiere – ein Schaf, Kühe, Pferde. Die Kühe stehen extrem nahe am Straßenrand.
Es ändern sich auch die Haltestellen, die so gar nicht deutschem Standard entsprechen und auch nicht so gekennzeichnet sind. Anfangs standen da sehr viele Menschen, oder saßen, lagen. Das übliche Kännchen mit eisgekühltem Wasser, die Bombilla in der anderen Hand. Vertieft in das Handy oder dem Gespräch mit einem anderen. Wild gestikulierend bringen sie den Bus zum Halten. Der dampft und brüllt ein paar Mal und nimmt neue Gäste auf. Weiter aufs Land raus werden die Haltestellen idyllischer – in der üppigen Vegetation geht es manchmal kurz von der Ruta runter auf die typische rote Erde, den sandigen Boden. Die Haltebucht befindet sich meist in einer Gruppe heimischer Bäume, die nicht angelegt wirken. An einer Stelle liefert eine Mutter ihren Sohn ab und läuft winkend ans Auto zurück.
Wir kommen an vielen Höfen und kleinen Häuschen vorbei. Um diese Zeit und bei der Hitze sitzen alle irgendwo im Schatten. Meist als kleines Grüppchen. Trinken, Schwatzen. Einer liegt in der Hängematte und schaukelt gemütlich. Alles strahlt eine Ruhe aus, während wir durch die Landschaft jagen. Es kommen einige größere Hütten in Sicht. Etwas wie ein Restaurant. 2 Mädchen steigen zu. Die eine hat einen riesengroßen Korb auf die Schulter gewuchtet. Dieser ist bedeckt von einem hellblauen Tuch mit Stickereien, schön verziert. Sie piepst ihr „Chipa! Chipa!“ und die Leute greifen nach ihrem Geld. Hier gab es also auch die Chipa für so ziemlich den gleichen Preis. Mit großem Geschick entnimmt sie die entsprechende Größe aus dem Korb, gibt eine kleine Plastiktüte mit und kassiert – alles mit einer Hand. Die andere hält den Korb. Ich werde an mein Chipa im Rucksack erinnert und nehme mir vor, daran später weiter zu knabbern. Das andere Mädchen drängt sich hinter ihr durch die stehenden Fahrgäste. Sie reicht Saft oder Terere, ich kann’s nicht erkennen. Sehe nur an der Bewegung, dass sie Flüssigkeit aus einem Behälter in Becher gießt. Beim nächsten Halt steigen die beiden aus und ihr Schicksal verliert sich für mich aus dem Blickfeld. Aber nicht aus den Gedanken. Wie ist das wohl? Ist das ihr Job? Geht das den ganzen Tag Haltestelle rauf, Haltestelle runter?
Das Kind vor mir fängt an, mit mir zu spielen. Das leicht schwitzige Haar des kleinen Mädchen taucht über dem Sitz auf, dann die schwarzen Äuglein. Diese funkeln, wollen eine Reaktion. Ich tauche in meinen Sitz. Die Kleine quietscht vergnügt. Ich tauche wieder auf, sie sucht mich schon. Wir lachen. Das geht ne Weile so, dann ist wieder gut.
Wir nähern uns nämlich Villarica, nachdem wir schon eine ganze Ladung Gäste zuvor in Coronel Oviedo losgeworden waren. Die Sonne glitzert lustig durch die Bäume, die die Ruta säumen. In frischem Grün stehen die Blätter, der Tag wirkt jung, obwohl es schon gegen Abend ist. Oder ist es schon die Abendsonne, die hier so strahlt? Villarica empfängt uns mit einer ruhigeren Atmosphäre als Asuncion uns geboten hat. Alles wirkt hier gedämpfter, zurückhaltender. Am Busterminal angekommen, suchen wir zu Fuß den Weg zum Hotel. Ybytyruzu – der Name des Hotels, benannt nach einem Gebirge in der Nähe. Vom Hotelzimmer aus ist es zu sehen. Aber zuerst müssen wir uns etwas ausruhen . . . dann beginnt ein neues Abenteuer: Villarica!