Sacsayhuamán

Wartet noch jemand auf einen Bericht von Machu Picchu? Ja? Ich auch! Denn selbst werde ich da nicht hingehen. 250 € lassen sich sinnvoller ausgeben. Und billiger wird es auf keinen Fall, eher teurer. Die Inka müssen doch noch andere schöne Spuren hinterlassen haben…
Haben sie. Zum einen wurde uns Ollantaytambo empfohlen. Das liegt 60 km von Cusco weg. Nachdem es aber doch recht kalt und regnerisch war, entschieden wir uns, einfach das zu besichtigen, was uns Cusco zu bieten hat. Wenn es dann regnet oder zu kalt wird, hat man sich schnell in Sicherheit gebracht und ist nicht zu sehr enttäuscht.
Cusco hat gleich vier solcher Anlagen oben auf den Hügeln über der Stadt. Die gesparten 250€ konnten wir entspannt in eine Taxifahrt investieren. Ein paar Minuten später waren wir schon oben und erstanden uns ein Tagesticket für 70 Soles, das entspricht ca. 20€ für alle Anlagen. Und wir waren binnen Minuten oben. Wir betraten die Anlage bei leichter Bewölkung in 3.600 Meter Höhe. Das sollte bis zum Verlassen der Anlage Konsequenzen haben. Dazu später…

Mir fielen gleich die grasenden Alpaka ins Auge, sodass die hohen Mauern der Inka in den Hintergrund meines Interesses traten. Zottiges langes Fell und den Kopf immer im Gras arbeiteten sie sich wie Rasenmäher vorwärts. Man konnte sich ihnen wirklich bis auf Berührung nähern, das störte sie gar nicht.
Gleich hinter den grasenden Tieren führte eine in den Fels gehauene Treppe einen Hügel hinauf, aus dem der Fels tonnenförmig herausragte. Bis zu einer solchen Höhe ragte der Fels hervor, dass er eine herrliche Rutsche bildete. Ich konnte nicht verhindern, dass auch ich zweimal auf dem Hosenboden runterrutschte. Ein herrliches Vergnügen!
Von dort oben hatte man schon einen gigantischen Ausblick über ganz Cusco und den umgebenden Bergen. Auf einem benachbarten Hügel thront eine Christusfigur wie in Rio. Dort marschierten wir hinüber. Wir mussten einen schmalen Pfad hinauf, der sich durch das Gebüsch wand. Oben angekommen hatten wir einen atemberaubenden Ausblick über die Stadt. Von rechts kamen immer wieder Flugzeuge aus den Wolken gebrochen und man sah sie auf die Stadt herniedersinken und landen. Wir blieben nicht lange, es sah nach Regen aus. Als liefen wir den Pfad wieder hinunter und rauf auf die Ruinen, die wir zuvor ausgelassen hatten. In einem Zickzack waren die Felsen angelegt und ragten als hohe Mauer auf. Mehrfache gab es trapezförmige Durchgänge, wie sie für die Inka typisch sind. Ich bestaunte mal wieder die Kunstfertigkeit, mit der diese Mauern gebaut wurden. Lückenlos sitzen die Felsen auf Felsen. Man könnte sie einfach einzeln mitnehmen, wären sie nicht so schwer.
Am Ende der Anlage lege ich mich auf die Grasfläche und genieße die wärmenden Strahlen der Sonne. Hab meinen Kopf die ganze Zeit schon bedeckt, seit die Sonne rausgekommen ist. Die Sonne brennt mir heiß auf die Beine, die ich entblößt hatte, damit ich nicht allzu käsig nach Hause komme. Aber die Hitze ist unangenehm. Auch der Kopf spannt gewaltig und schmerzt.
Im Hotel werfe ich einen Blick in den Spiegel und bin entsetzt: die Kopfhaut sieht aus wie eine Pizza ohne Belag, nur rote Soße und Käse blubbern da oben. Offenbar habe ich diese „Höhensonne“ nicht ertragen, die hier durch die Wolken dringt. Nervös hole ich mir Rat ein und erstehe in der Apotheke einen grünen Glibber, der meinen Kopf mit Aloe Vera kühlt. Ab jetzt verlasse ich das Zimmer nur noch mit dicker Schicht Sonnencreme, auch bei Regen . . .

Machu Picchu schau ich mir auf YouTube an.

Stadtbesichtigung Cusco

Wir schaffen es irgendwie über die Straße auf den breiten Fußgängerweg. Hier und da sitzt jemand auf einer der Bänke. Nach einem Brunnen, der außer Funktion ist, gelangen wir unter ein langgezogenes Dach – aus Glas und über die volle Breite. Es ist leicht gebogen und belebt das Straßenbild und bietet Schutz vor dem Regen. Denn mit dem muss man immer rechnen. Unter dem Dach studieren mehrere junge Peruaner gemeinsam einen Tanz ein, der mich irgendwie an die Indianertänze aus dem Fernsehen erinnert.
Ich drehe mich um, die Straße hinunterblickend in Richtung des Königs. Die Berge ringsum reichen in die Wolken. Kleine Häuschen krabbeln bis in die Wolken hinein. Auf den unbewohnten Hügeln gibt es riesige Zeichen, die irgendwie dort in die Natur eingebracht wurden. Zum Beispiel VIVA EL PERU. Oder ein Kreuz. Wie gesagt, gigantische Ausmaße. Die Wolken und die Kälte machen mir bewusst, dass wir hier über 3.000 Meter sind. So hoch liegt in Deutschland nicht mal ein Dorf. Aber das hier ist eine Großstadt mit nahezu 400.000 Einwohner.

Centro Historico

Wir laufen in Richtung Centro Historico, weg vom ernst dreinblickenden König. Sein Blick folgt uns noch lange, während wir irgendwann vom Mittelstreifen runtermüssen, der in einer kleinen Parkanlage endet. Wir entscheiden uns für die Avenida El Sol. Eine große Markthalle präsentiert Unmengen an Shops mit Souvenirs à la Peru. Lamas und Alpaka in allen Größen und Farben, natürlich nur als Figuren, keine echte. Alpaka-Pulli, bunte Taschen, Rucksäcke, Geldbörsen. Decken aus Alpakafell, verschieden gemustert. Schmuck, Edelsteine, Gemälde mit lokalen Motiven. Und historischen, denn die Inkas sind überall in Cusco. Und sie bringen immer noch viel Gold ans Licht – zahlen per VISA, MASTERCARD, AMERICAN EXPRESS, alles kein Problem. Allein diese Halle hat bestimmt 50 Shops, dicht bepackt mit Waren, dass die Ladenhüter kaum zu sehen ist. Wenn sie einen erkennen, stürmen sie gleich winkend aus dem hinteren Eck: „Adelante!“ Immer freundlich und erklären gerne alles. Und traurig, wenn man dann doch nichts kauft. Manche schlafen, dösen oder schauen Fern. Auch Handy ist als Ablenkung beliebt.
An einem Brunnen, der ebenfalls trocken ist und aus einer riesigen blauen Wand besteht, die auf der Rückseite bunt bemalt ist, laufen wir vorbei und der Betrieb auf der Straße nimmt zu. Buntes Getümmel, immer wieder kleine fahrbare Läden auf der Straße mit einem alten Mütterchen dahinter, drin oder daneben. Freundlich zahnloses Lächeln.

Straßenhändler

Wir erreichen bald den Kern, denn die Zahl der Straßenhändler, die vor allem für Touren werben, nimmt zu. „Ello Sir! City Tour?“ oder „Matschu Pitschu, Rainbow Mauntins“. Viele Touren werden einem angeboten. Dabei redet nicht einer alleine. Alle stürmen auf uns los, reden gleichzeitig und schalten sich so gegenseitig aus. Obwohl ich manchmal drauf eingehe – sein Ziel erreicht man über „einfach weiterlaufen und nicht reagieren“ oder ein freundliches Nicken begleitet von einem „No! Gracias“. Manchmal antworte ich auch in Deutsch. Besonders wenn Massagen angeboten werden: „Danke, ich bin gesund“, „Es geht mir gut“. Oder bei Bilderverkäufern: „Mir fehlt jegliches Kunstverständnis“, „Meine Fotos sind besser als deine Bilder“. Am Ende muss man einfach wissen, was man will.

Plaza de las Armas

Wir erreichen den Plaza de las Armas. Namentlich identisch mit dem in Arequipa, hat er nur wenig mit ihm gemein. Er hat einen Brunnen in der Mitte, allerdings unbetäubt (falls das so heißt, wenn es keine Tauben auf ihm gibt). Es tummeln sich hier zahllose Menschen. Er ist rechteckig. Soweit die Gemeinsamkeiten. Schon die Menschen sind ganz andere als in Arequipa: hier sind ganz klar die Touristen tonangebend. Der Brunnen, mit einem wichtigen Inka oben drauf, dient als beliebtestes Fotomotiv, vor dem man sich selbst, Freund, Freundin oder Reisegruppe postiert. Schuhputzer gibt es hier auch, sind aber aggressiver, als die Kollegen aus Arequipa. Sowieso ist Cusco viel aufdringlicher und dadurch weniger genießbar. Auf Moskitos hatte ich mich vorbereitet, aber diese Flut an Händler oder wie man diese Leute nennen will, ist furchtbar. Da hilft kein Mückenspray und es ist zumindest verständlich, warum manche einfach durch die Menschen hindurchlaufen. Reine Überlebensstrategie in der Hoffnung, das andere Ende des Platzes zu erreichen. Sie werfen sich dir vor die Kameralinse, ins Gespräch, dass du gerade führst und wenn du gerade aus einem Restaurant pappsatt herauskommst. Schon will der nächste dich in ein anderes Restaurant zerren. Zum Glück ist es auf dem Platz selbst recht friedlich, denn hier begegnen uns wieder die trillerpfeifenden Polizisten.
Der Platz ist umgeben von kleineren Gebäuden, dicht an dicht. Restaurants und Reisebüros, Läden verschiedenster Art. Fast alle dieser kleinen Häuschen haben einen hölzernen Balkon in blau, braun, gelb. Vereinzelt sitzen dort Leute, trinken, essen. Auf einer Stirnseite eine riesige Kirche in braun, die Iglesia de Compania de Jesus. Zu einem weiteren Gebäude im rechten Winkel dazu führen breit angelegte Treppen, auf denen sich mehrere müde Leute lümmeln oder fotografieren. Das Gebäude ist die berühmte Kathedrale von Cusco. Vor der Kathedrale haben sich mehrere Maler niedergelassen. Auf ihren Staffeleien stehen Bilder – bunt mit knalligen Farben. Mystische Szenen aus dem indianischen, Szenen aus der Stadt, Gesichter. Fertige Bilder stehen an die Staffeleien gelehnt oder liegen auf dem Boden. Überall auf dem Platz schwärmen junge Studenten aus mit Mappen voller Bilder mit eigentlich den immer gleichen Motiven. Sie sprechen die Touristen an und erhöhen damit den „Lärmpegel“, den man hier empfindet.
Entflieht man in die Seitengassen, kann man dem Trubel etwas entfliehen. Die Mauern rechts und links entstammen deutlich der Inkazeit. Unregelmäßig geformt, verzahnen sich die riesigen Blöcke miteinander. Dabei sind sie so sauber gefertigt, dass sie nahtlos aufeinander liegen, keine Mörtel dazwischen. Nicht einmal ein Blatt Papier kann man hier dazwischenschieben. Wirklich beeindruckend.
Es beginnt zu regnen. Wir flüchten in die Arkaden des Platzes und beschliessen, dass wir die Ruinen oberhalb der Stadt besichtigen sollten, die Inkaruinen von Sacsayhuaman.

Opti-Misti-sch

Bei der Anfahrt hatten wir ihn kurz für wenige Minuten nur gesehen. Blinzelnd gegen das aufsteigende Sonnenlicht. Und wußten doch nicht, dass er es war. Danach blieb er ein Mythos. Misti, der Haus- und Hofvulkan von Arequipa. Der Vulkan, der hier verehrt wird. Er ist mit 5822 Metern der kleine Bruder von Chachani – 6025 Meter – und der große von Pichu Pichu, 5664 Meter. So weit ganz nett, was man da so liest. Aber wo ist er? Bei einer Besichtigungstour gelangen wir auf eine Aussichtsplattform mit Panoramablick auf den Misti. Da sehen wir aber nur Wolken, grau und weiß. Egal wie angestrengt ich schaue – kein Berg zu erkennen.
Eines Morgens auf dem Plaza de las Armas erblicke ich ihn hinter der Basilica Catedral de Arequipa. Aber leider nicht so richtig klar. Und dann ist da der mächtige Bau im Weg. Wir suchen die ungefähre Richtung und entdecken, dass die eine Straße an Santa Catalina vorbei ungefähr auf die Vulkane zeigen sollte. Also laufen wir diese entlang, den Blick immer leicht nach oben durch das Gewusel. Ich setze mich auf einen Pflanztrog und achte nicht mal auf die Blumen. Ich bin optimistisch . . . gleich wird er sich zeigen – der Misti! Die Wolken bewegen sich schnell, schemenhaft ist da doch etwas zu erkennen. oder? Hmmmm. Irgendwie erkenn ich da etwas dunkles hinter den Wolken. Das könnte er sein, der mistische Berg. Oder auch nicht!? 🤔🗻🌋 Wir werden es nie erfahren. Vielleicht haben wir sogar in die falsche Richtung geschaut und der Vulkan hat uns von der Seite angegrinst.
Googlesuche, du bleibst meine letzte Hoffnung vorerst. Hasta la vista, oder überhaupt mal vista, Misti.

Cañon del Colca

Wer Cusco besucht, muss Machu Picchu besuchen. Und wer Arequipa besucht, der muss in den Cañon del Colca. Muss! Denn hier soll es den berühmten Kondor geben, das Highlight des Tals.
Ohne zögern buchten wir den Ausflug bei dem, der uns am seriösesten erschien. Sogar ins Hotel kam er, um über die Details zu reden. Und so einigten wir uns auf 60$ pro Person, inkl Frühstück, Mittagessen und allem, was das Tal zu bieten hat.
Damit man auch so richtig Spaß hat, wurden wir um 3 Uhr vom Hotel abgeholt. Nein, morgens. Gäääähn! Im Bus wurden die Vorhänge zugezogen, alles war still und wir fuhren ab. Eine ruhige Fahrt durch das peruanische Dunkel. Nur eines war zu spüren: die Luft war weg. Also nicht ganz, aber ich musste zweimal atmen, um für einmal zu tanken. Wir mussten also recht hoch sein. Ein Blick aus dem Fenster zeigte, das wir uns eine Passstraße hinaufwanden. Randlos und ohne Leitplanke. Es wurde schnell heller und die mondgleiche Landschaft wurde immer klarer zu erkennen. Nur dass es auf dem Mond keinen Schnee hat – hier schon. Wie hoch wir waren, erfuhren wir erst auf dem Rückweg. Wo ist hier nochmal die Luft?

Das Atmen fiel mir schwer und beim Schliessen der Augen wurde mir komisch. Also starrte ich nach draußen und atmete tief ein und aus. Es ging wieder abwärts in erträglichere Gegenden. Auf einmal kamen kleine Häuser in Sicht. Also Quader aus Stein gemauert, irgendwann in der Vergangenheit mal mit Farbe bestrichen. Die Straße asphaltiert, war gesäumt von kleinen Marktständen, bewusst auf traditionell gemacht – aus Holz mit Strohdach. Darin wurde praktisch an jedem Stand das gleiche verkauft. Das schmälert zwar den Gewinn für den einzelnen Händler, aber die Touristen verteilten sich besser. Vor, zwischen und neben den Ständen Frauen in traditioneller bunter Tracht. Mit einem Alpakababy oder einem Minilama an der Seite. Junge Burschen hatten neben sich eine Stange mit schönen Adlern. Lebend natürlich. Die Touristen stürzten aus dem Bus auf die Stände, Adler und Lamas zu. Es wurde wild fotografiert. Auch ich suchte mir einen kleinen Alpaka aus und durfte es für 1 Sol fotografieren. Wir blieben nicht lang. Nach den obligatorischen Aktionen fuhren wir weiter in die Stadt hinein zum Frühstück – Desayuno auf Spanisch. In einer kühlen Halle mit eckigen Säulen und gelben Wänden bekamen wir einen kleinen Tisch für 2 Personen – Brötchen mit viel Luft, Kaffeepulver und heißes Wasser, Butter in Kugelform und Erdbeermarmelade. Und Orangensaft, frisch gepresst. Es war nicht gemütlich und wir saßen schnell wieder im Bus.

El Condor Pasa

Es war inzwischen sehr warm. Der Bus fuhr wieder aufwärts und wir schauten auf die Stadt hinab. Die Reiseleiterin, die bestimmt perfekt spanisch sprach, erklärte alles auch nochmal in englisch. Mit einem großen Tempo erzählte sie von der Geschichte des Volkes vor den Inka, von dem Anbau auf den Terrassen entlang des Canon – Quinoa und Mais – und vielen anderen historischen und geografischen Besonderheiten. Zum Beispiel das an dem riesigen Berg dahinten der Amazonas entspringt. Das Tempo machte mir das folgen schwer. Und auch die fesselnde Landschaft. Terrassen schoben sich bis an den Fluß, dahinter türmten sich die Berge erst grün, dann felsig schroff. Kühe grasten vereinzelt auf den Parzellen. Bauern waren zu erkennen, die auf den Feldern arbeiteten.
Es wurde steiler und steiler, die Vegetation hatten wir weitestgehend zurückgelassen. Denn wir waren wegen des Kondors hier. Dem großen schwarzen Geier mit den weißen Flügelspitzen und dem roten Zinken. Wir waren ihm wohl nicht angekündigt worden – es war keiner zu sehen. Wir waren aber auch noch nicht zur berühmten Aussichtsplattform Cruz del Condor gelangt. Da aber in dieser Richtung deutlich Wolken bis ins Tal hinab hingen, war dort die Aussicht auf Erfolg eher gering. Meine Stimmung sank. Besonders, als mir Kishons Geschichte „Das Tal der Schmetterlinge“ einfiel. Sollte es uns hier genauso gehen? El Condor no pasa?
Wir hielten mit dem Bus ein gutes Stück vor dem Cruz del Condor an. Jemand aus der Gruppe schrie auf und entdeckte kurz nach mir den Kondor, der auf einem schrägen Felsen zu erkennen war. Ich hatte nicht geschrien, weil ich mich noch überzeugen wollte. Zu spät. Wie wild rannten alle los, um den besten Platz zu erwischen. Zu beobachten, wie sich der prächtige Vogel, der gerade die Größe eines Kommazeichens hatte, sich in die Lüfte erhebt, um majestätisch seine Kreise zu ziehen. Nach einigen Minuten war die Luft raus, er bewegte gerade mal den Kopf. Mehr nicht. Die Reiseleiterin – Maria Jesus – pfiff uns zurück in den Bus, um doch zur Aussichtsplattform weiterzufahren. Noch vor dem Einstieg sehe ich einen Kondor kreisen, genau hinter dem Bus, in entgegengesetzte Richtung. Ich rief es laut aus. Da gab es kein Halten mehr – die Leute stiegen wieder aus, während Maria versuchte, alle dazu zu überreden, zu der Stelle zu fahren, wo er kreiste. Schade, ich wäre gerne endlich gelaufen, nach 5 Stunden im Bus. Aber es half nichts . . .
Wir fuhren dort hin. Der Kondor kreiste natürlich nicht mehr. Dafür entdeckten wir jetzt 4-5 dieser kommagroßen Tiere weiter unten vor einem Abgrund. Sie saßen rund um einen Felsen. Mit etwas Geduld, konnte man Bewegung erkennen. Ab und zu ließ sich eines der stolzen Tiere herab, sich kurz ins Tal zu stürzen und dann gleitend zu entschwinden.
Wir fuhren wieder weiter – zu einem Markt. Pinkelpause. Alle vertieft in die Waren oder andere Geschäfte. Auch ich schaute mir gerade Eisbecher an, als auf einmal gekreischt und gejohlt wurde: „Kondoooooooor!“ Ein Gewusel wie beim Schlussverkauf. Ich drehte mich um. Unterhalb der Absperrung zum Tal, das hier steil abfiel, zog ein Kondorweibchen ziemlich nahe vorbei.
Woran erkennt man denn Weibchen und Männchen? Nichts einfacher als das – im Gegensatz zu den Menschen sehen die Weibchen irgendwie langweilig aus. Ton in Ton braun. Fertig. Und das hier war definitiv eines. Der Kondor – die Kondorin? – zog mehrfach seine Kreise über und unter uns. Mein iPhone glühte beim Filmen – es war sonnig und warm. Das Weibchen setzte sich elegant an die Felswand direkt an der Straße. Spannung! Stille! Ich sah mich um – erstarrte Menschen, angespannte Gesichter, gezückte Kameras und vorgestreckte Handys. Warten . . .
Nach gefühlten Stunden erhob sich das Mädchen wieder in die Lüfte, drehte noch einmal eine Runde und entschwand hinter einem Felsen. Das geschah so scheinbar mühelos, da der Vogel dank seiner großen Flügel die Thermik – also den Aufstieg der warmen Luft – super nutzen kann. Irgendwie waren wir jetzt alle zufrieden. Im Bus zu unserem nächsten Ziel hat sich die Stimmung merklich gebessert, alle waren am reden. Maria war sichtlich erleichtert, dass sie ihrer Gruppe solch ein Schauspiel bieten konnte.

Aguas Termales Copornaque

Nach einem guten Mittagsbuffet machten wir uns auf den Weg zu einem Thermalbad direkt am Colca-Fluß. Wer wollte, konnte sich hier ins Bad schmeißen oder einfach etwas laufen. Ich genoss die Bewegung und durchquerte die Therme. Anfänglich stank es nach fauligen Eier – Schwefel! Unterhalb der Bäder entdeckte ich eine Quelle, aus der links das schwefelhaltige sehr heiße Wasser austrat, rechts daneben klares kühles Wasser. Ich musste einfach meine Arme drunter halten und das Erlebnis geniessen.

Über eine Hängebrücke gelangt man über den Fluß. Dahinter eine Art Parkanlage mit Bänken und Unmengen riesiger Kakteen. Diese blühten zum Teil herrlich weiss, wogegen die meisten Blüten geschlossen und rabenschwarz waren. Leider war die Zeit schon wieder um. Hier wäre ich gerne den ganzen Nachmittag geblieben, wo die Sonne mich wärmte, neben dem rauschenden ungestümen Fluß mit seinen riesigen Felsen im Wasser.

Alpaka in Eis

Wir traten die Rückfahrt an, die uns vor allem zu den Reservas führen sollte – dem Ort, wo Alpakas frei rumlaufen. Ich hatte Platz im Rucksack gelassen, um mir ein kleines mitzunehmen. Nur ein klitzekleines.
Dazu musste wir aber erst mal wieder zurück in schwindelnde Höhe. 4.910 Meter hoch schlängelte sich der Pass. Da, wo Rinnsale und Bäche liefen, war es saftig grün. Kleine Seen an flacheren Stellen. Und immer wieder ganze Herden von Lamas und Alpaka, die da friedlich grasten. Wie gerne wäre ich doch jedesmal ausgestiegen!
An einem Punkt zog eine weiße Wand auf. Ich war überrascht, mit welchem Tempo sich die Wolke näherte und auf einmal fuhren wir durch starken Regen. Durch die Regenwand sah ich es dann – ein einzelnes Vicuña. Es stand dort im Regen nahe des Straßenrandes. Nicht futternd, sondern einfach so. Ein herrlicher Anblick, wenn auch nur für wenige Sekunden.
Auf dem höchsten Punkt des Passes wandelte sich der Regen in Schnee – die Landschaft weiß, mit dunklen Flecken von den Felsen. Die Straße mit Schnee überzogen. Bergab änderte sich dann das Bild wieder, aber der Regen blieb uns bis nach Arequipa erhalten. So wollte Maria wissen, ob wir an der Reserva überhaupt anhalten sollten, weil es doch so regnete. Aber ich wollte unbedingt die Alpaka sehen. Also hielt der Bus kurz und ich konnte im strömenden Eisregen wenigstens etwas fotografieren.
Es ist wirklich schade, dass das Wetter so umgeschlagen hatte. Aber es war trotzdem schön und die Bilder dieser Landschaft des Canon del Colca werden mir noch lange im Sinn bleiben.
Die Fahrt zurück zog sich und ich konnte von den kleine flauschigen Alpakababy träumen. Zuhause im Wohnzimmer an einem Winterabend. Draußen tobt ein Schneesturm und ich kuschel mich in meinen Alpaka rein, einen Matetee in der Hand, während aus dem Lautsprecher warm die peruanischen Flötentöne hauchen.

Nach Arequipa

Zwar landeten wir mit dem Flugzeug in Cusco. Da wir aber nicht lange blieben, sondern erst noch nach Arequipa weiterfuhren, packe ich die ersten Eindrücke von Cusco mit den letzten zusammen. Das wird ein spannender Mix. Später…
Jedenfalls nahmen wir den Bus – clever wie wir sind, war das einer, der die Nacht durch fuhr. Damit entfallen für Hin- und Rückfahrt die Hotelkosten. Und die Annehmlichkeiten auch. Wir nahmen den Cruz del Sur, der praktisch gleich um die Ecke nahe des Hotels sein Terminal hatte. Irgendwie hatte das ganze etwas von Flughafen: Wartebereich, Gepäckaufgabe und Kontrolle vor dem Einstieg. Ich schaute mir das genau bei dem Bus vor unserem an. Und dann fiel mir ein: Bustoiletten sind nicht immer die besten. Schnell noch hier auf’s Klo. Kurz: wäre ich lieber im Bus gegangen! Zuerst hing da ein Zettel von wegen Maintenance. Naja, in Spanisch, aber manchmal genügt mein Englisch, um zu verstehen. Ich wartete eine Weile und beim zweiten Anlauf war frei. Für größere Angelegenheiten – sagen wir: für große Lamas – gab es drei Kabinen. Alle nicht abschließbar. Ohne Brille. Ohne Klopapier. Hmmm…
Ich ging zur „Rezeption“, die hatte noch Reste einer Rolle parat. Ich marschierte triumphierend zurück. Es lief soweit gut, bis ich meine Hände waschen wollte. Ja, es gab Wasser. Pluspunkt! Aber keine Seife, keine Handtücher in der Halterung. Kein Problem, da hängt ja eines dieser modernen Gebläse. Hände drunter . . . nix. Hm, eventuell hab ich mich blöd angestellt. Ich nahm mehrere Anläufe aus unterschiedlichen Winkeln, mit Überraschungsmoment, mit Abwarten. Erfolglos. Ok, nach den vielen Versuchen sind die Hände sowieso trocken. Aber die Stirne klitschnass. Ich gab auf und setze mich wieder in den Wartebereich.

Embarque

Dann vorne an den Schaltern Unruhe. Einer in brauner Seguridad-Uniform und zwei vom Busunternehmen wurden rührig. Die Kofferwaage wurde angeworfen, der andere legte eine Liste auf ein Tischchen. Der von der Sicherheit stellte ein Stativ auf und schraubte eine Videokamera drauf. Ein größerer Tisch stand neben einer Absperrung auf dem Weg zum Ausgang Richtung Bus. Der blubberte sich schon vor der Türe warm, als sich der Himmel gerade in starkem Regen ergoss.
Wir hatten kein Gepäck abzugeben. Bleibt alles schön bei mir! Also gleich durch den CheckIn. Das heißt, Rucksack und Fototasche auf den Tisch. Der Uniformierte hatte einen Zauberstab in der Hand, den er eingeschaltet hatte. Damit scannte er mein Gepäck. Alles clean. Offenbar sucht er nur nach Waffen. Die hatte ich diesmal nicht dabei. Der Körper wurde auch gescannt und dann ab in den Bus. Stopp, erst noch in die Kamera guggen. Weiter.

Endlich mal beim Fahren schlafen

Es war ein Doppeldecker, und Günther hat uns die ersten beiden Plätze oben gebucht. Toll – freie Sicht die ganze Fahrt über. Eine Sternschnuppe nach der anderen erwartete uns. Ich wurde zappelig – wann geht’s los? Südamerikanisch pünktlich um 15 Minuten später. Der Bus schob sich vom Hof und bog in die Straße ein. Es war bereits Nacht. Der Seguridad-Mensch raste durch den Bus mit der Kamera nochmal. „Excuse me, poor favor“. Bevor du „NO!“ sagen konntest, war er weg. Jemand vom Staff kam und zog uns die Vorhänge zu. Die müssen während der Fahrt geschlossen bleiben! 😳😤
Ich war schon stinkig. Zum Trost gab es dann Abendessen, während wir in den riesigen Sitzen sanft geschaukelt wurden. Für die Füße gab es eine Ablage, Sitze 💺 konnte man nach hinten kippen. Bequem und butterweich. Ein flauschige blaue Decke – nein, kein Alpaka – zum Zudecken war auch dabei. Das Essen war unspektakulär, wie vom Flugzeug gewohnt. Nur haben die hübschere Stewardessen. Wir wurden von einem jungen Mann bedient, den wir immer nur ganz kurz sahen und nicht nett säuselte, was wir denn wünschen. Egal, wir sollen ja schlafen.
Der Regen trommelte an die Scheiben. Drunten beim Fahrer quietschten die Scheibenwischer. Es wurden die Lichter gelöscht, Ruhe kehrte ein. Immer wieder blitzen vom entgegenkommenden Verkehr die Lichter in mein Schlafgemach. Ich nahm die Umgebungsgeräusche wahr. Einer brummte schlafend vor sich hin, irgendwo bläkte ein Kind. Die Eltern war chancenlos. Ich warte vergeblich auf das erlösende „Klatsch!“.

Insomnia

Ich versuchte zu schlafen. Da fingen meine Beine an zu spinnen. „Wir wollen laufen!“ – „Ruhe da unten, ich will schlafen!“ Es war zum Verrücktwerden. Die Müdigkeit da, der Kopf schwer, Hirn schon aus, Arme, Herzfrequenz, Magen-Darm-Aktivitäten – alles runtergefahren. Nur die Beine spielten verrückt. Viel Alternativen bot der Platz nicht. Ausstrecken auf die Ablage unterm Fenster brachte nix, drehen nach links, nach rechts. Nix. Fußablage einklappen – auch nix. Ich probierte die ganze Nacht mehrere Optionen durch. Zum Glück waren die beiden Plätze rechts frei. Günther verzog sich dort hin. Nun hatte ich 2 Plätze. Yeah! Damit potenzierten sich meine Optionen. Vielleicht konnte ich mich so die ganze Nacht beschäftigen?
Wie sieht es mit quer über beide Sitze aus? Lehne hochgeklappt und Test. Hm, Kopf gegen das nasskalte Fenster – ekelig. Andersrum? Tatsächlich schien ich kurz weggetreten. Aber nur kurz, wie mir die Uhr verriet. Blödes Handy! Jetzt tat mir der Rücken weh, der sich gegen die Armlehne pressen musste. Wie ist es mit diagonal? Die Füße wieder: „Wir wollen laufen!!!“ – „Ich säg euch beide gleich ab!“ Mein Tonfall wurde zunehmend gereizter. Vielleicht sind wir ja schon bald da. Ja toll! Nicht mal die Hälfte geschafft. Mir gut zuredend fischte ich den iPod aus der Tasche. Guter Junge, hast echt was gedacht. Ich drücke auf den Einschalter. Nichts tut sich . . . Echt jetzt? Stimmt, das Teil hatte ich vor Wochen zuletzt geladen. Nie benutzt. Danke!
Ich hole das iPad hervor. Versuche zu lesen. Nach zwei Seiten fällt dem ganzen Körper auf, dass er müde ist. Lesen ist nich. Ich spähe am Vorhang vorbei nach draußen. Regen und Autos. So weit das Auge reicht, und das ist wirklich nicht weit. Die Decke gibt nicht mehr genug warm. Ich zupfe und zerre in der Dunkelheit. Da beginnt es zu dämmern. Ob ich nun wirklich noch etwas geschlafen hab, oder nicht – keine Ahnung. Wenn ja, woher soll ich das wissen, ich hab ja geschlafen?!
Es dämmert. Ich greife zur Flasche. Nehm einen kräftigen Schluck Wasser. Richte mich auf. Ah, die Beine hab ich drangelassen. Das beruhigt. Ich spüre leichte Halsschmerzen, nehm eine Ibuprofen. Ob das was bringt, keine Ahnung. Ich hab keine anderen Tabletten.

Die Anden

Vorsichtig ziehe ich den Vorhang etwas zur Seite – so dass es der Kollege vom Fahrer nicht merkt. Nehme ein Taschentuch und wische die dicke Schicht Wasser ab. Immer wieder. Dann beobachte ich die Landschaft – wie sich die Straße endlos durch sanfte grüne Hügel windet. Sind wir in Schottland? Bilder davon kommen hoch. Es wachsen kleine Büsche auf den Hängen, Felsen liegen in endloser Zahl dazwischen herum. Mehr und mehr mischen sich hohe Kakteen darunter. Die Hügel werden steiler, während immer mehr fette LKW vorbeibrummen. Die Landschaft wird rauher, die Felsen größer. Die Straße ist jetzt fast durchgehend in den Felsen gebrochen. Die Kakteen mehren sich. Auf den großen Felsbrocken steht in größeren Abständen PROB PRIV. Das steht für probriedad privada, also Privatbesitz. Die ersten Stromleitungen stehen in der Landschaft herum und führen irgendwo hin.
Eine große Fabrik taucht auf, während sich die Sonne hinter einem Berg hervorwagt. Ganz vorsichtig, um nicht das Elend zu radikal zu entblößen, das sich nun bald unserem Auge bietet. Wir gelangen an die ersten Behausungen vor Arequipa. Krumme halbhohe Mauern grenzen kleine Hütten ein. Ich denke, dass das irgendwelche Lager für Materialien sind. Da laufen Leute herum, barfuß, zerlumpt, schwer bepackt. Frauen, Kinder. Hunde dazwischen in großer Zahl. Erdstraßen, schlammige Wege. Dahinter ein riesiger Berg, saftig grün, weich gemustert mit Streifen. Es sind die ersten Siedlungen. Das wird mir da klar, als ich ein Firmenschild einer Telefongesellschaft erkenne. Der Straßenrand wird lebhafter, geschäftig. Einzelne Wohnquadrate sind durch sehr breite Erdstraßen, braun und von Gräben durchzogen, durch die der letzte Regen die Gebiete verliess, getrennt. Vereinzelt laufen hier Menschen, wirken auf diesen Straßen verloren. Beherrschend auch hier der Hund. Teilweise in Rudel streifen sie frei umher.
Die Häuser werden langsam besser, bekommen Fassade und Gesicht. Farbe. Es stehen Autos davor, klapprig und alt. Es fehlen Türen, Scheinwerfer. Aber sie fahren. Menschen sitzen in Gruppen zusammen, geschäftig, machen Erledigungen. Die erste Tankstelle ist zu sehen, während die Sonne nun endgültig erscheint und den Blick auf schneebedeckte schroffe Berge freigibt. Die Vulkane um Arequipa. Ich sehe eine Familie am Zaun stehen – sie beobachten den Sonnenaufgang. Der Misti, einer der Vulkane, thront hier mächtig. So langsam sieht es nach Stadt aus. Stromleitungen, „normale“ Autos, Läden, Geschäfte, Stadtbusse, falls es die gibt. Taxis in großer Zahl – kleine Autos mit Werbetafel statt dem Taxischild. Die wirken wuselig und die Marke ist mir fremd.

Arequipa

Der Bus irrt durch die Straßen kreuz und quer und fährt schliesslich in einen großen Hof, auf dem viele andere Busse schon stehen. Wir steigen aus, laufen in das Terminal. Hier ist reger Betrieb. Alles rennt durcheinander. Läden reihen sich an Läden. Unser nächstes Ziel ist die Tourist Information. Danach mit dem Taxi zum Hotel. Alles geht sehr schnell. Der Taxifahrer redet nichts, wir schweigen. Ich kämpfe noch mit den Bildern der Vorstadt, muss schwer schlucken. Das muss ich erst mal verdauen, will ich Arequipa geniessen.