Eine Stadt in einer Stadt

Ist Arequipa im großen und ganzen von dem weißen Vulkangestein Sillar geprägt. Dieser Stein wurde zwar auch für die Klosteranlage Santa Catalina verwendet. Jedoch erhielt er einen farbigen Anstrich, der dieser Anlage das Gefühl verleiht, eine völlige andere Welt zu betreten.
Laufen wir einmal gemeinsam durch die Stadt in einer Stadt, eine kleine Ciudad. Wir nehmen uns eine nette Führung mit, die uns in dem Raum begegnet, in dem einst die Nonnen Besuch der Familie erhielten. Sichtkontakt war dabei kaum möglich durch das doppelte Holzgitter, wobei sich die Stäbe nicht überlagerten. In diesem beklemmenden Raum spricht uns die nette Dame in roter Jacke, schwarzer Hose und Sonnenbrille in gebrochenem Deutsch an. Dank ihr, erfahren wir sehr viele Details, die ich hier aber nicht wiederholen werde. Stattdessen atmen wir die Stimmung der kleinen Stadt ein.
Zu Beginn treten wir durch einen Bogen mit der Aufschrift SILENCIO. Das gilt nicht den Besuchern, sondern den Nonnen, die in diesem Bereich nicht reden durften. Eine tolle Idee, die sich auf andere Bereiche übertragen liesse.
Wir gelangen zuerst in den Trakt für die Novizinnen. Hier ist der ursprüngliche weiße Stein noch erhalten. Ein Baum prägt den Innenhof, von dem aus es in die Zimmer geht. Ein Wandelgang umgibt den Hof. Hier stehen vereinzelt Topfpflanzen, sehr fleischige Sukkulenten. Sträucher mit blau-gelben Blüten verströmen einen mir fremden Duft.

Alles in blau

Wir begeben uns in den Trakt für die Nonnen. Blaue Säulen, quadratisch und wuchtig, tragen den weißen Kreuzgang. Wobei einfache Bilder in wenigen leichten Farben von Säule zu Wand ländliche und natürliche Motive darstellen. Auch die abgehenden Räume tragen dieses satte Blau, das herrlich anzuschauen ist.
Es fällt auf, dass die Räume unterschiedlich groß sind. Wir erfahren auch den Grund dafür: der Geldbeutel der Eltern der jeweiligen Nonne entschied, wie groß ihr Raum war. Oder ob es eine getrennte Küche und andere Annehmlichkeiten gab. Auffällig auch, dass das Bett jeweils in einer Nische mit einem Bogen darüber stand. Dies diente der Nonne als Schutz vor den Erdbeben. Bei 10 Erdbeben am Tag, kommt auch mal ein stärkeres vor. Das Kloster hatte entsprechenden Erfahrungen, wie man an manchen Stellen sehen kann.

Spanische Straßen

Nun wechselt die Farbe zu einem warmen satten rot. Diese Farben werden übrigens natürlich hergestellt und färben ab.

Jetzt habe ich endgültig das Gefühl, in einem kleinen Städtchen gelandet zu sein. Straßen – benannt nach den spanischen Städten Cordova, Toledo, Sevilla, Burgos und Granada – führen entlang den Türen, die rechts und links der roten Wände abgehen. Davor sind Pflanzen, wie zum Beispiel Kakteen, gestellt und bilden einen wundervollen Kontrast. Die Straßen verlaufen nicht schnurgerade. So ergeben sich malerische Ecken und Nischen.

Lavanderia

Am Ende der Calle Toledo dann eine rätselhafte Konstruktion. 18 halbe Tongefäße unterschiedlicher Grüße liegen entlang einer schmalen wasserführenden Rinne. Das Wasser ergießt sich am Ende in eine steinerne Schale. Die Tongefäße haben riesige Ausmaße, teilweise kann man sich da locker reinlegen. Die offene Seite liegt nach oben, sodass sie wie Badewannen wirken. Es handelt sich um die Lavanderia – die Wäscherei. Mittels eines Steines konnte man Wasser aus der Rinne in eines der Gefäße umleiten und darin dann seine Kleider waschen. Also eine Art Open Air Waschsalon.
Die Calle Burgos hält eine nette Überraschung bereit – ein schöner gepflegter Garten mit einem riesigen Avocadobaum ist das erste, was man in dieser Straße sieht. Avocado. . . mmmhmm, davon hätte ich jetzt gern eine . . . 🤤

Misti?

Bevor wir auf die sehr breite Calle Granada gelangen, führt eine steile Treppe zwischen 2 Gebäude hindurch auf ein Dach. Von hier hätte man an klaren Tagen einen super Blick auf den Vulkan Misti. Heute sind nur Wolken und viel Nebel zu sehen.

Plaza Zocodober

Wir gehen die Treppe wieder runter und ich entdecke gegenüber eine kleine Türe. Ein Gärtner ist hier am wirken in einem kleinen Steingarten. Hier pausiere ich kurz und genieße den Anblick. Rechts dieser Türe weißblütige Blumen in einem Trog. Duften süßlich schwer. In einem Fenster steht eine riesige sukkulente Pflanze in einem Topf. Von hier geht eine breite Treppe zum Plaza Zocodober. Ein Brunnen mit hellgrünem Wasser steht hier im Zentrum und plätschert leise.
Diese Idylle und Ruhe endet jäh, als wir uns auf der Straße wiederfinden. Der übliche Lärm von Autos und deren Gehupe. Die Rücksichtlosigkeit, mit der hier Fußgänger auf Zebrastreifen behandelt werden. Man fragt sich, wozu die denn da sind. Aber was geschieht da? Ein uniformierter mit Sonnebrille und einem STOP-Schild – PARE – schreitet energisch ein und stoppt die Autos. Mit aller Deutlichkeit zwingt er die Fahrer, auf die Fußgängerüberwege zu achten. Kein Zweifel, der Mann ist mein Held des Tages. Ich zücke das iPhone, um ihn bei seiner Aktion zu fotografieren. Da dreht er sich zu mir, haut die Hacken lautstark zusammen, Handkante an die Schläfe und grinst breit. Woran hat er mich erkannt? Ach nein, er posiert für ein Foto. Ich knipse lachend und danke ihm per Handschlag . . . meinem Helden und Lebensretter.

Plaza de las Armas

Arequipa liegt nicht ganz so hoch wie Cusco auf etwa 2.335 Metern. Wie schon erwähnt, umgeben von hohen Vulkanen. Mit über 900.000 Einwohner fast eine Millionenstadt. Da wir aber im Centro Historico waren, also im historischen Stadtkern, wird einem das nicht so bewusst.

Im Zentrum liegt der Plaza de las Armas. Der Platz ist rechteckig, umgeben von 3 Seiten mit langen Gebäuden, die in den Arkaden Shops, Reisebüros und Restaurants beherbergen. Auf der zweiten Etage auf den Balkonen durchwegs Restaurants, von denen aus man einen wundervollen Blick auf den Platz hat. Beherrscht wird der Platz von der wuchtigen Kathedrale. Alle Gebäude sind aus dem weißen Vulkangestein der Gegend gebaut, was dem Platz eine gewisse Anmut und Würde verleiht.
Zwischen den Gebäuden und dem eigentlich Platz ist ein breiter gepflasterter Weg, der einst bestimmt mal Straße war. Nun versperren Blumenkübel die Zufahrt, sodass der Verkehr nur an einem der Gebäude entlang läuft, und das mit nur einer Spur in eine Richtung.
Der eigentliche Betrieb findet aber auf dem rechteckigen Platz in der Mitte statt. Er hat an den Flanken und den Ecken jeweils breite Zugänge. Zentral steht ein großer runder Brunnen mit mehreren Tellern auf drei Ebenen, die nach oben immer kleiner werden. Der Brunnen gehört komplett den Tauben, die hier in großer Schar vertreten sind. Nicht zuletzt, weil sie von den Menschen hier reichlich gefüttert werden. Und der Platz ist immer voller Menschen. Sie füllen den breiten Platz um den Brunnen, der ringsum mit Bänken versehen ist. Hinter den Bänken dann üppiges Grün – Bäume, Palmen, Sträucher und Gras.
Das Leben hier liefert Stoff für Sozialstudien, denn hier scheint alles vertreten zu sein. Sämtliche Parkbänke sind fast immer belegt. Schwer, mal einen freien Platz zu ergattern. Aber es lohnt sich. Denn dann kann man genüßlich in die Runde schauen. Was mit sofort auffiel, sind die markierten Personen. Mit gelben, orangenen und roten Warnwesten. Sie tun verschiedenes. Die einen pfeifen nur. Mit einer Trillerpfeife. Die sind von der Seguridad. Sie patrouillieren entlang der Wege und achten auf Verstöße. Wenn zum Beispiel ein Straßenhändler den Park betritt und Säfte, Süßigkeiten, Reisen oder sonst etwas anbietet . . . TRÖÖÖÖÖT! Schon eilen sie wieder weg. Einmal beobachten wir, wie eine junge Frau mehrere Polizisten mit Heißgetränken versorgt. Die bezahlen sie und die vier stehen zusammen und reden lachend. Dann zieht sie weiter mit ihrem Gefährt. Auf einmal TRÖÖÖÖÖT . . . eine Gelbjacke folgt ihr. Sie ergreift die Flucht unter die Arkaden. Er ihr nach. Sie biegt um die Ecke, er hat sie fast. Was dann hinter der Ecke geschah, ich weiß es nicht. Schüsse fielen jeden Falls nicht.
Schauen wir wieder in den Park. Auf die anderen Westen. Die orangenen haben alle schwere Kameras umhängen und gerade jetzt kommt eine Familie auf den Platz und winkt einen der orangenen zu sich. Sie bereden lebhaft und dann postiert sich die Familie vor dem Brunnen und der Fotograf schießt Bilder. Mitten in diesem Geschehen läuft ein kleiner Junge rückwärts auf die Szene zu. Unter dem Gejohle seiner Familie. Aus einer transparenten Tüte in seiner Hand fallen Körner – Mais? – und ein ganzes Heer von Tauben trabt ihm nach. Immer mehr von ihnen kommen aus allen Ecken der Plaza angeflogen. Irgendwann ist die Tüte leer und der Junge rennt zu seiner Familie mit. Die freuen sich, als wäre ein Kunstwerk geschafft. Währenddessen ist nun der Fotograf der glückliche Gewinner. Denn sein Foto wird nun durch eine Masse aus Tauben bereichert, die zu Füßen seines Fotomotivs sich an den Körnern laben.
Mein Blick wandert rechts von der Familie zu einem Pärchen, dass sich küssend um ein Selfie bemüht und dabei ins Wanken gerät. Selfiestick-Verkäufer laufen vorbei auf der Suche nach solchen, die es wagen, ohne solch einen Stick zu knipsen, oder die falsche Farbe gekauft haben, oder keines von ihnen benutzen. Das Pärchen winkt ihn herbei und jetzt mit dem Stick wird das was. Klick!
In einer roten Weste sitzt einer gebeugt vor einem Herrn auf einer Bank. Sein Kopf folgt den Bewegungen seiner Hand, die einen Schuh des Herrn ledern. Der Bediente liest dabei gemütlich in der Zeitung. Sein beiger Anzug und die Krawatte lassen vermuten, dass er gut gestellt ist. Mein Blick wandert weiter. Und die Ohren mit. Denn da brüllt einer, als wäre er auf dem Hamburger Fischmarkt. Mir wird bewusst, dass ich ihn schon eine Weile brüllen höre. Er steht vor einer Reihe von Bänken. Die Leute dort lassen sich nicht aus der Ruhe bringen, während er heftig gestikulierend aus der Bibel schmettert. Es ist spanisch, ich verstehe nichts. Aber einzelne Worte höre ich heraus. Jesus! Dabei fahren die Arme bebend gen Himmel. Er ist fanatisch bei der Sache und irgendwie muss ich ihn bewundern, wie er da sich einfach hinstellt und loslegt. Und wirklich hart arbeitet. Sein Gehilfe neben ihm blickt stoisch ruhig gen Boden, verzieht kaum eine Miene und trägt dabei die Tasche seines Meisterredners. Noch nach über 2 Stunden erscholl seine Stimme über den Platz. Respekt! Die Menschen, wie gesagt, sitzen weiter da, reden miteinander, hören zustimmend nickend zu oder dösen vor sich hin.
Ein Wägelchen mit Süßigkeiten fährt durch. Das TRÖÖÖÖÖT bleibt aus. Entwischt! An der dicken Kette des Brunnens, die den Zugang zum kühlen Nass verwehrt, toben drei Jungen. Die Kette schaukelt lustig, während die Jungs sich drauflegen und schaukeln. Und dabei herrlich lachen. Die Mütter sitzen ein paar Meter entfernt auf der Bank – eine mit dem Handy beschäftigt, die beiden anderen wohl im Gespräch vertieft. Drei der Seguridad-Gelbjacken stehen in einer Gruppe zusammen und guggen nur regungslos. Ich laufe in einer Diagonalen vom Platz und sehe da einen sitzen mit einer Schreibmaschine auf dem Schoß. Neben ihm wohl einer, der seine Dienste braucht. In der Schreibmaschine sind 2 Blatt Papier eingespannt, durch ein Durchschlagpapier voneinander getrennt. Der Schreiberling hört immer wieder zu, ist im Gespräch mit dem anderen . . . dann hämmert er wieder. Ich frage mich, was er wohl für ihn tippt. Einen Liebesbrief? Oder ist es etwas amtliches, das auszufüllen ist?
Ich laufe ein paar Meter und über einen Weg wieder Richtung Mitte. Da werden wir von von einem niedlichen Mädchen angesprochen. „Buenos! Restaurant? Balcon?“ Soweit die Worte, die ich verstehe. Günther hat seinen Spaß, dass ich es mal alleine versuchen darf, mit einem der Restaurantlockvögelchen zurecht zu kommen. Ich lass mir die Menükarte zeigen, da steht schon eine zweite bei ihr. Etwas älter, noch hübscher. Beide lachen und kichern andauernd. Wie alt werden die sein? Keine 18 jedenfalls. Die eine meint „Balcon!“ – „Aber die Restaurants sind doch alle auf Balcon!“ – „Aber unseres heißt Balcon!“. Das ist ein Argument, da bin ich sprachlos. Ich muss lauthals lachen. Wir alle lachen. Übrigens waren wir nie in diesem Restaurant. Aber in dem von der anderen . . . Die Menschen sind hier nett, und etwas plaudern und ein nettes „No“ funktioniert hier sehr gut.
Zurück auf dem Platz beobachte ich ein Pärchen mit hoch aufgetürmten Rucksäcken. Hellhäutig, blond und mit peruanischen Klamotten, die nur Touristen tragen. Die Peruaner kleiden sich einfach casual und normal. Unauffällig eher. Die meisten. Jeans, T-Shirt, Jogginganzüge usw. sind viel zu sehen. Jugendliche mit gestylten Haaren, Headset im Ohr oder telefonierend. Wobei das Handy hier eher selten ans Ohr gehalten wird. Hier bevorzugt man es, das Handy mit dem Mikro Richtung Mund flach vor sich herzutragen. Was auf mich lustig wirkt. Als wollten sie es verspeisen.
Ich trete wieder aus dem Zentrum heraus auf die Kathedrale zu. Zu ihr führt auf volle Breite des Gebäudes eine Treppe hinauf, weiß. Der ebenso lange Zaun wird von einem Tor unterbrochen. Die Treppen sind fast durchgehend von Leuten besetzt. Die meisten Jugendliche, aber auch ältere sitzen hier und tun dies oder das oder nichts. Hunde lümmeln sich auf dem breiten Weg zwischen Treppe und Platz. Einer mit einem Arm voll Sonnenbrillen kommt bei mir vorbei und bietet mir eine an. Müßig zu sagen dass die Sonne hinter Wolken verborgen ist. Gracias, No! Lächeln, weiter. Manchmal versucht einer es noch mit einem Amigo, will wissen, woher man kommt oder frägt nach dem Namen. Aber er geht weiter. Trifft auf einen, der seine Sonnenbrille hochgeschoben hat ins Haar. Er setzt sich neben ihn und die beiden reden. Es geht um den Preis. Ich spüre förmlich, wie der potentielle Kunde mit einem „No!“ kämpft, aber es nicht rausbringt. Schließlich schafft er es. Der Händler zieht von dannen. Der andere zieht seine Sonnenbrille vor die Augen und geht.
Es wird dunkel, die Lichter gehen an. Auch kühl wird es, schnell sogar. Warm das Licht in den Arkaden, kühles blau erleuchtet punktuell die Kathedrale. Fern höre ich das TRÖÖÖÖÖT der Seguridad und das ständige Hupen der Taxis, während wir zurück zum Hotel trollen.

Opti-Misti-sch

Bei der Anfahrt hatten wir ihn kurz für wenige Minuten nur gesehen. Blinzelnd gegen das aufsteigende Sonnenlicht. Und wußten doch nicht, dass er es war. Danach blieb er ein Mythos. Misti, der Haus- und Hofvulkan von Arequipa. Der Vulkan, der hier verehrt wird. Er ist mit 5822 Metern der kleine Bruder von Chachani – 6025 Meter – und der große von Pichu Pichu, 5664 Meter. So weit ganz nett, was man da so liest. Aber wo ist er? Bei einer Besichtigungstour gelangen wir auf eine Aussichtsplattform mit Panoramablick auf den Misti. Da sehen wir aber nur Wolken, grau und weiß. Egal wie angestrengt ich schaue – kein Berg zu erkennen.
Eines Morgens auf dem Plaza de las Armas erblicke ich ihn hinter der Basilica Catedral de Arequipa. Aber leider nicht so richtig klar. Und dann ist da der mächtige Bau im Weg. Wir suchen die ungefähre Richtung und entdecken, dass die eine Straße an Santa Catalina vorbei ungefähr auf die Vulkane zeigen sollte. Also laufen wir diese entlang, den Blick immer leicht nach oben durch das Gewusel. Ich setze mich auf einen Pflanztrog und achte nicht mal auf die Blumen. Ich bin optimistisch . . . gleich wird er sich zeigen – der Misti! Die Wolken bewegen sich schnell, schemenhaft ist da doch etwas zu erkennen. oder? Hmmmm. Irgendwie erkenn ich da etwas dunkles hinter den Wolken. Das könnte er sein, der mistische Berg. Oder auch nicht!? 🤔🗻🌋 Wir werden es nie erfahren. Vielleicht haben wir sogar in die falsche Richtung geschaut und der Vulkan hat uns von der Seite angegrinst.
Googlesuche, du bleibst meine letzte Hoffnung vorerst. Hasta la vista, oder überhaupt mal vista, Misti.

Cañon del Colca

Wer Cusco besucht, muss Machu Picchu besuchen. Und wer Arequipa besucht, der muss in den Cañon del Colca. Muss! Denn hier soll es den berühmten Kondor geben, das Highlight des Tals.
Ohne zögern buchten wir den Ausflug bei dem, der uns am seriösesten erschien. Sogar ins Hotel kam er, um über die Details zu reden. Und so einigten wir uns auf 60$ pro Person, inkl Frühstück, Mittagessen und allem, was das Tal zu bieten hat.
Damit man auch so richtig Spaß hat, wurden wir um 3 Uhr vom Hotel abgeholt. Nein, morgens. Gäääähn! Im Bus wurden die Vorhänge zugezogen, alles war still und wir fuhren ab. Eine ruhige Fahrt durch das peruanische Dunkel. Nur eines war zu spüren: die Luft war weg. Also nicht ganz, aber ich musste zweimal atmen, um für einmal zu tanken. Wir mussten also recht hoch sein. Ein Blick aus dem Fenster zeigte, das wir uns eine Passstraße hinaufwanden. Randlos und ohne Leitplanke. Es wurde schnell heller und die mondgleiche Landschaft wurde immer klarer zu erkennen. Nur dass es auf dem Mond keinen Schnee hat – hier schon. Wie hoch wir waren, erfuhren wir erst auf dem Rückweg. Wo ist hier nochmal die Luft?

Das Atmen fiel mir schwer und beim Schliessen der Augen wurde mir komisch. Also starrte ich nach draußen und atmete tief ein und aus. Es ging wieder abwärts in erträglichere Gegenden. Auf einmal kamen kleine Häuser in Sicht. Also Quader aus Stein gemauert, irgendwann in der Vergangenheit mal mit Farbe bestrichen. Die Straße asphaltiert, war gesäumt von kleinen Marktständen, bewusst auf traditionell gemacht – aus Holz mit Strohdach. Darin wurde praktisch an jedem Stand das gleiche verkauft. Das schmälert zwar den Gewinn für den einzelnen Händler, aber die Touristen verteilten sich besser. Vor, zwischen und neben den Ständen Frauen in traditioneller bunter Tracht. Mit einem Alpakababy oder einem Minilama an der Seite. Junge Burschen hatten neben sich eine Stange mit schönen Adlern. Lebend natürlich. Die Touristen stürzten aus dem Bus auf die Stände, Adler und Lamas zu. Es wurde wild fotografiert. Auch ich suchte mir einen kleinen Alpaka aus und durfte es für 1 Sol fotografieren. Wir blieben nicht lang. Nach den obligatorischen Aktionen fuhren wir weiter in die Stadt hinein zum Frühstück – Desayuno auf Spanisch. In einer kühlen Halle mit eckigen Säulen und gelben Wänden bekamen wir einen kleinen Tisch für 2 Personen – Brötchen mit viel Luft, Kaffeepulver und heißes Wasser, Butter in Kugelform und Erdbeermarmelade. Und Orangensaft, frisch gepresst. Es war nicht gemütlich und wir saßen schnell wieder im Bus.

El Condor Pasa

Es war inzwischen sehr warm. Der Bus fuhr wieder aufwärts und wir schauten auf die Stadt hinab. Die Reiseleiterin, die bestimmt perfekt spanisch sprach, erklärte alles auch nochmal in englisch. Mit einem großen Tempo erzählte sie von der Geschichte des Volkes vor den Inka, von dem Anbau auf den Terrassen entlang des Canon – Quinoa und Mais – und vielen anderen historischen und geografischen Besonderheiten. Zum Beispiel das an dem riesigen Berg dahinten der Amazonas entspringt. Das Tempo machte mir das folgen schwer. Und auch die fesselnde Landschaft. Terrassen schoben sich bis an den Fluß, dahinter türmten sich die Berge erst grün, dann felsig schroff. Kühe grasten vereinzelt auf den Parzellen. Bauern waren zu erkennen, die auf den Feldern arbeiteten.
Es wurde steiler und steiler, die Vegetation hatten wir weitestgehend zurückgelassen. Denn wir waren wegen des Kondors hier. Dem großen schwarzen Geier mit den weißen Flügelspitzen und dem roten Zinken. Wir waren ihm wohl nicht angekündigt worden – es war keiner zu sehen. Wir waren aber auch noch nicht zur berühmten Aussichtsplattform Cruz del Condor gelangt. Da aber in dieser Richtung deutlich Wolken bis ins Tal hinab hingen, war dort die Aussicht auf Erfolg eher gering. Meine Stimmung sank. Besonders, als mir Kishons Geschichte „Das Tal der Schmetterlinge“ einfiel. Sollte es uns hier genauso gehen? El Condor no pasa?
Wir hielten mit dem Bus ein gutes Stück vor dem Cruz del Condor an. Jemand aus der Gruppe schrie auf und entdeckte kurz nach mir den Kondor, der auf einem schrägen Felsen zu erkennen war. Ich hatte nicht geschrien, weil ich mich noch überzeugen wollte. Zu spät. Wie wild rannten alle los, um den besten Platz zu erwischen. Zu beobachten, wie sich der prächtige Vogel, der gerade die Größe eines Kommazeichens hatte, sich in die Lüfte erhebt, um majestätisch seine Kreise zu ziehen. Nach einigen Minuten war die Luft raus, er bewegte gerade mal den Kopf. Mehr nicht. Die Reiseleiterin – Maria Jesus – pfiff uns zurück in den Bus, um doch zur Aussichtsplattform weiterzufahren. Noch vor dem Einstieg sehe ich einen Kondor kreisen, genau hinter dem Bus, in entgegengesetzte Richtung. Ich rief es laut aus. Da gab es kein Halten mehr – die Leute stiegen wieder aus, während Maria versuchte, alle dazu zu überreden, zu der Stelle zu fahren, wo er kreiste. Schade, ich wäre gerne endlich gelaufen, nach 5 Stunden im Bus. Aber es half nichts . . .
Wir fuhren dort hin. Der Kondor kreiste natürlich nicht mehr. Dafür entdeckten wir jetzt 4-5 dieser kommagroßen Tiere weiter unten vor einem Abgrund. Sie saßen rund um einen Felsen. Mit etwas Geduld, konnte man Bewegung erkennen. Ab und zu ließ sich eines der stolzen Tiere herab, sich kurz ins Tal zu stürzen und dann gleitend zu entschwinden.
Wir fuhren wieder weiter – zu einem Markt. Pinkelpause. Alle vertieft in die Waren oder andere Geschäfte. Auch ich schaute mir gerade Eisbecher an, als auf einmal gekreischt und gejohlt wurde: „Kondoooooooor!“ Ein Gewusel wie beim Schlussverkauf. Ich drehte mich um. Unterhalb der Absperrung zum Tal, das hier steil abfiel, zog ein Kondorweibchen ziemlich nahe vorbei.
Woran erkennt man denn Weibchen und Männchen? Nichts einfacher als das – im Gegensatz zu den Menschen sehen die Weibchen irgendwie langweilig aus. Ton in Ton braun. Fertig. Und das hier war definitiv eines. Der Kondor – die Kondorin? – zog mehrfach seine Kreise über und unter uns. Mein iPhone glühte beim Filmen – es war sonnig und warm. Das Weibchen setzte sich elegant an die Felswand direkt an der Straße. Spannung! Stille! Ich sah mich um – erstarrte Menschen, angespannte Gesichter, gezückte Kameras und vorgestreckte Handys. Warten . . .
Nach gefühlten Stunden erhob sich das Mädchen wieder in die Lüfte, drehte noch einmal eine Runde und entschwand hinter einem Felsen. Das geschah so scheinbar mühelos, da der Vogel dank seiner großen Flügel die Thermik – also den Aufstieg der warmen Luft – super nutzen kann. Irgendwie waren wir jetzt alle zufrieden. Im Bus zu unserem nächsten Ziel hat sich die Stimmung merklich gebessert, alle waren am reden. Maria war sichtlich erleichtert, dass sie ihrer Gruppe solch ein Schauspiel bieten konnte.

Aguas Termales Copornaque

Nach einem guten Mittagsbuffet machten wir uns auf den Weg zu einem Thermalbad direkt am Colca-Fluß. Wer wollte, konnte sich hier ins Bad schmeißen oder einfach etwas laufen. Ich genoss die Bewegung und durchquerte die Therme. Anfänglich stank es nach fauligen Eier – Schwefel! Unterhalb der Bäder entdeckte ich eine Quelle, aus der links das schwefelhaltige sehr heiße Wasser austrat, rechts daneben klares kühles Wasser. Ich musste einfach meine Arme drunter halten und das Erlebnis geniessen.

Über eine Hängebrücke gelangt man über den Fluß. Dahinter eine Art Parkanlage mit Bänken und Unmengen riesiger Kakteen. Diese blühten zum Teil herrlich weiss, wogegen die meisten Blüten geschlossen und rabenschwarz waren. Leider war die Zeit schon wieder um. Hier wäre ich gerne den ganzen Nachmittag geblieben, wo die Sonne mich wärmte, neben dem rauschenden ungestümen Fluß mit seinen riesigen Felsen im Wasser.

Alpaka in Eis

Wir traten die Rückfahrt an, die uns vor allem zu den Reservas führen sollte – dem Ort, wo Alpakas frei rumlaufen. Ich hatte Platz im Rucksack gelassen, um mir ein kleines mitzunehmen. Nur ein klitzekleines.
Dazu musste wir aber erst mal wieder zurück in schwindelnde Höhe. 4.910 Meter hoch schlängelte sich der Pass. Da, wo Rinnsale und Bäche liefen, war es saftig grün. Kleine Seen an flacheren Stellen. Und immer wieder ganze Herden von Lamas und Alpaka, die da friedlich grasten. Wie gerne wäre ich doch jedesmal ausgestiegen!
An einem Punkt zog eine weiße Wand auf. Ich war überrascht, mit welchem Tempo sich die Wolke näherte und auf einmal fuhren wir durch starken Regen. Durch die Regenwand sah ich es dann – ein einzelnes Vicuña. Es stand dort im Regen nahe des Straßenrandes. Nicht futternd, sondern einfach so. Ein herrlicher Anblick, wenn auch nur für wenige Sekunden.
Auf dem höchsten Punkt des Passes wandelte sich der Regen in Schnee – die Landschaft weiß, mit dunklen Flecken von den Felsen. Die Straße mit Schnee überzogen. Bergab änderte sich dann das Bild wieder, aber der Regen blieb uns bis nach Arequipa erhalten. So wollte Maria wissen, ob wir an der Reserva überhaupt anhalten sollten, weil es doch so regnete. Aber ich wollte unbedingt die Alpaka sehen. Also hielt der Bus kurz und ich konnte im strömenden Eisregen wenigstens etwas fotografieren.
Es ist wirklich schade, dass das Wetter so umgeschlagen hatte. Aber es war trotzdem schön und die Bilder dieser Landschaft des Canon del Colca werden mir noch lange im Sinn bleiben.
Die Fahrt zurück zog sich und ich konnte von den kleine flauschigen Alpakababy träumen. Zuhause im Wohnzimmer an einem Winterabend. Draußen tobt ein Schneesturm und ich kuschel mich in meinen Alpaka rein, einen Matetee in der Hand, während aus dem Lautsprecher warm die peruanischen Flötentöne hauchen.

Taxi Taxi

Eine Besonderheit von Arequipa sind die wuseligen kleinen Taxi. In endlosen Kolonnen drehen sie wie aufgereihte Perlen eines Rosenkranzes ihre Runden durch die Stadt. Ich hab ihre Runden nie verfolgt. Aber am Plaza de Armas rollen sie schön aufgereiht vorbei, auch vor dem Hotel. Die Fahrzeuge sind immer in Bewegung. Taxistände wie in Deutschland oder auch in Paraguay findet man hier nicht.
Der Fahrer lässt die Scheibe runter, wenn ein potentielles Opfer zu sehen ist. Bei dem Gedränge auf den Straßen kein Problem. Oder er hupt kurz. Das Hupen selbst ist aber ein eigenes Thema… Hat das Taxi einen neuen Gast gefunden, hält der Fahrer an. Und dann stockt die gesamte Kette. Lautes Gehupe der anderen Taxis. Möööck, mööööck! Aber keine Chance, die Passagieren steigen ein, wieder aus, setzen sich anders hin, verstauen das Gepäck. Und das Hupkonzert wird immer lauter. Manch einer versucht, an dem haltenden Fahrzeug vorbeizukommen. Irgendwann sind alle eingestiegen und die Kolonne setzt sich wieder in Bewegung. Bis der nächste Passant winkt . . . mööööck, mööööck!

Nach Arequipa

Zwar landeten wir mit dem Flugzeug in Cusco. Da wir aber nicht lange blieben, sondern erst noch nach Arequipa weiterfuhren, packe ich die ersten Eindrücke von Cusco mit den letzten zusammen. Das wird ein spannender Mix. Später…
Jedenfalls nahmen wir den Bus – clever wie wir sind, war das einer, der die Nacht durch fuhr. Damit entfallen für Hin- und Rückfahrt die Hotelkosten. Und die Annehmlichkeiten auch. Wir nahmen den Cruz del Sur, der praktisch gleich um die Ecke nahe des Hotels sein Terminal hatte. Irgendwie hatte das ganze etwas von Flughafen: Wartebereich, Gepäckaufgabe und Kontrolle vor dem Einstieg. Ich schaute mir das genau bei dem Bus vor unserem an. Und dann fiel mir ein: Bustoiletten sind nicht immer die besten. Schnell noch hier auf’s Klo. Kurz: wäre ich lieber im Bus gegangen! Zuerst hing da ein Zettel von wegen Maintenance. Naja, in Spanisch, aber manchmal genügt mein Englisch, um zu verstehen. Ich wartete eine Weile und beim zweiten Anlauf war frei. Für größere Angelegenheiten – sagen wir: für große Lamas – gab es drei Kabinen. Alle nicht abschließbar. Ohne Brille. Ohne Klopapier. Hmmm…
Ich ging zur „Rezeption“, die hatte noch Reste einer Rolle parat. Ich marschierte triumphierend zurück. Es lief soweit gut, bis ich meine Hände waschen wollte. Ja, es gab Wasser. Pluspunkt! Aber keine Seife, keine Handtücher in der Halterung. Kein Problem, da hängt ja eines dieser modernen Gebläse. Hände drunter . . . nix. Hm, eventuell hab ich mich blöd angestellt. Ich nahm mehrere Anläufe aus unterschiedlichen Winkeln, mit Überraschungsmoment, mit Abwarten. Erfolglos. Ok, nach den vielen Versuchen sind die Hände sowieso trocken. Aber die Stirne klitschnass. Ich gab auf und setze mich wieder in den Wartebereich.

Embarque

Dann vorne an den Schaltern Unruhe. Einer in brauner Seguridad-Uniform und zwei vom Busunternehmen wurden rührig. Die Kofferwaage wurde angeworfen, der andere legte eine Liste auf ein Tischchen. Der von der Sicherheit stellte ein Stativ auf und schraubte eine Videokamera drauf. Ein größerer Tisch stand neben einer Absperrung auf dem Weg zum Ausgang Richtung Bus. Der blubberte sich schon vor der Türe warm, als sich der Himmel gerade in starkem Regen ergoss.
Wir hatten kein Gepäck abzugeben. Bleibt alles schön bei mir! Also gleich durch den CheckIn. Das heißt, Rucksack und Fototasche auf den Tisch. Der Uniformierte hatte einen Zauberstab in der Hand, den er eingeschaltet hatte. Damit scannte er mein Gepäck. Alles clean. Offenbar sucht er nur nach Waffen. Die hatte ich diesmal nicht dabei. Der Körper wurde auch gescannt und dann ab in den Bus. Stopp, erst noch in die Kamera guggen. Weiter.

Endlich mal beim Fahren schlafen

Es war ein Doppeldecker, und Günther hat uns die ersten beiden Plätze oben gebucht. Toll – freie Sicht die ganze Fahrt über. Eine Sternschnuppe nach der anderen erwartete uns. Ich wurde zappelig – wann geht’s los? Südamerikanisch pünktlich um 15 Minuten später. Der Bus schob sich vom Hof und bog in die Straße ein. Es war bereits Nacht. Der Seguridad-Mensch raste durch den Bus mit der Kamera nochmal. „Excuse me, poor favor“. Bevor du „NO!“ sagen konntest, war er weg. Jemand vom Staff kam und zog uns die Vorhänge zu. Die müssen während der Fahrt geschlossen bleiben! 😳😤
Ich war schon stinkig. Zum Trost gab es dann Abendessen, während wir in den riesigen Sitzen sanft geschaukelt wurden. Für die Füße gab es eine Ablage, Sitze 💺 konnte man nach hinten kippen. Bequem und butterweich. Ein flauschige blaue Decke – nein, kein Alpaka – zum Zudecken war auch dabei. Das Essen war unspektakulär, wie vom Flugzeug gewohnt. Nur haben die hübschere Stewardessen. Wir wurden von einem jungen Mann bedient, den wir immer nur ganz kurz sahen und nicht nett säuselte, was wir denn wünschen. Egal, wir sollen ja schlafen.
Der Regen trommelte an die Scheiben. Drunten beim Fahrer quietschten die Scheibenwischer. Es wurden die Lichter gelöscht, Ruhe kehrte ein. Immer wieder blitzen vom entgegenkommenden Verkehr die Lichter in mein Schlafgemach. Ich nahm die Umgebungsgeräusche wahr. Einer brummte schlafend vor sich hin, irgendwo bläkte ein Kind. Die Eltern war chancenlos. Ich warte vergeblich auf das erlösende „Klatsch!“.

Insomnia

Ich versuchte zu schlafen. Da fingen meine Beine an zu spinnen. „Wir wollen laufen!“ – „Ruhe da unten, ich will schlafen!“ Es war zum Verrücktwerden. Die Müdigkeit da, der Kopf schwer, Hirn schon aus, Arme, Herzfrequenz, Magen-Darm-Aktivitäten – alles runtergefahren. Nur die Beine spielten verrückt. Viel Alternativen bot der Platz nicht. Ausstrecken auf die Ablage unterm Fenster brachte nix, drehen nach links, nach rechts. Nix. Fußablage einklappen – auch nix. Ich probierte die ganze Nacht mehrere Optionen durch. Zum Glück waren die beiden Plätze rechts frei. Günther verzog sich dort hin. Nun hatte ich 2 Plätze. Yeah! Damit potenzierten sich meine Optionen. Vielleicht konnte ich mich so die ganze Nacht beschäftigen?
Wie sieht es mit quer über beide Sitze aus? Lehne hochgeklappt und Test. Hm, Kopf gegen das nasskalte Fenster – ekelig. Andersrum? Tatsächlich schien ich kurz weggetreten. Aber nur kurz, wie mir die Uhr verriet. Blödes Handy! Jetzt tat mir der Rücken weh, der sich gegen die Armlehne pressen musste. Wie ist es mit diagonal? Die Füße wieder: „Wir wollen laufen!!!“ – „Ich säg euch beide gleich ab!“ Mein Tonfall wurde zunehmend gereizter. Vielleicht sind wir ja schon bald da. Ja toll! Nicht mal die Hälfte geschafft. Mir gut zuredend fischte ich den iPod aus der Tasche. Guter Junge, hast echt was gedacht. Ich drücke auf den Einschalter. Nichts tut sich . . . Echt jetzt? Stimmt, das Teil hatte ich vor Wochen zuletzt geladen. Nie benutzt. Danke!
Ich hole das iPad hervor. Versuche zu lesen. Nach zwei Seiten fällt dem ganzen Körper auf, dass er müde ist. Lesen ist nich. Ich spähe am Vorhang vorbei nach draußen. Regen und Autos. So weit das Auge reicht, und das ist wirklich nicht weit. Die Decke gibt nicht mehr genug warm. Ich zupfe und zerre in der Dunkelheit. Da beginnt es zu dämmern. Ob ich nun wirklich noch etwas geschlafen hab, oder nicht – keine Ahnung. Wenn ja, woher soll ich das wissen, ich hab ja geschlafen?!
Es dämmert. Ich greife zur Flasche. Nehm einen kräftigen Schluck Wasser. Richte mich auf. Ah, die Beine hab ich drangelassen. Das beruhigt. Ich spüre leichte Halsschmerzen, nehm eine Ibuprofen. Ob das was bringt, keine Ahnung. Ich hab keine anderen Tabletten.

Die Anden

Vorsichtig ziehe ich den Vorhang etwas zur Seite – so dass es der Kollege vom Fahrer nicht merkt. Nehme ein Taschentuch und wische die dicke Schicht Wasser ab. Immer wieder. Dann beobachte ich die Landschaft – wie sich die Straße endlos durch sanfte grüne Hügel windet. Sind wir in Schottland? Bilder davon kommen hoch. Es wachsen kleine Büsche auf den Hängen, Felsen liegen in endloser Zahl dazwischen herum. Mehr und mehr mischen sich hohe Kakteen darunter. Die Hügel werden steiler, während immer mehr fette LKW vorbeibrummen. Die Landschaft wird rauher, die Felsen größer. Die Straße ist jetzt fast durchgehend in den Felsen gebrochen. Die Kakteen mehren sich. Auf den großen Felsbrocken steht in größeren Abständen PROB PRIV. Das steht für probriedad privada, also Privatbesitz. Die ersten Stromleitungen stehen in der Landschaft herum und führen irgendwo hin.
Eine große Fabrik taucht auf, während sich die Sonne hinter einem Berg hervorwagt. Ganz vorsichtig, um nicht das Elend zu radikal zu entblößen, das sich nun bald unserem Auge bietet. Wir gelangen an die ersten Behausungen vor Arequipa. Krumme halbhohe Mauern grenzen kleine Hütten ein. Ich denke, dass das irgendwelche Lager für Materialien sind. Da laufen Leute herum, barfuß, zerlumpt, schwer bepackt. Frauen, Kinder. Hunde dazwischen in großer Zahl. Erdstraßen, schlammige Wege. Dahinter ein riesiger Berg, saftig grün, weich gemustert mit Streifen. Es sind die ersten Siedlungen. Das wird mir da klar, als ich ein Firmenschild einer Telefongesellschaft erkenne. Der Straßenrand wird lebhafter, geschäftig. Einzelne Wohnquadrate sind durch sehr breite Erdstraßen, braun und von Gräben durchzogen, durch die der letzte Regen die Gebiete verliess, getrennt. Vereinzelt laufen hier Menschen, wirken auf diesen Straßen verloren. Beherrschend auch hier der Hund. Teilweise in Rudel streifen sie frei umher.
Die Häuser werden langsam besser, bekommen Fassade und Gesicht. Farbe. Es stehen Autos davor, klapprig und alt. Es fehlen Türen, Scheinwerfer. Aber sie fahren. Menschen sitzen in Gruppen zusammen, geschäftig, machen Erledigungen. Die erste Tankstelle ist zu sehen, während die Sonne nun endgültig erscheint und den Blick auf schneebedeckte schroffe Berge freigibt. Die Vulkane um Arequipa. Ich sehe eine Familie am Zaun stehen – sie beobachten den Sonnenaufgang. Der Misti, einer der Vulkane, thront hier mächtig. So langsam sieht es nach Stadt aus. Stromleitungen, „normale“ Autos, Läden, Geschäfte, Stadtbusse, falls es die gibt. Taxis in großer Zahl – kleine Autos mit Werbetafel statt dem Taxischild. Die wirken wuselig und die Marke ist mir fremd.

Arequipa

Der Bus irrt durch die Straßen kreuz und quer und fährt schliesslich in einen großen Hof, auf dem viele andere Busse schon stehen. Wir steigen aus, laufen in das Terminal. Hier ist reger Betrieb. Alles rennt durcheinander. Läden reihen sich an Läden. Unser nächstes Ziel ist die Tourist Information. Danach mit dem Taxi zum Hotel. Alles geht sehr schnell. Der Taxifahrer redet nichts, wir schweigen. Ich kämpfe noch mit den Bildern der Vorstadt, muss schwer schlucken. Das muss ich erst mal verdauen, will ich Arequipa geniessen.