Hotel Hasenstall

Nach dem Aufenthalt in Ciudad del Este kamen wir zurück nach Villarica. In ein anderes, ein günstigeres Hotel. Allerdings richtig weit vom Terminal entfernt. Mit gemischten Gefühlen schoben wir unsere Koffer – zum Glück mit Räder – quer durch die Stadt. Teils auf der Straße, teils auf den Gehwegen. Oder irgendwo dazwischen. Ständig musste man nach oben oder unten, rechts oder links rumpeln. Der Koffer vibrierte dabei mehrmals gefährlich und die Räder klangen so, als fielen sie gleich ab. Schließlich gegenüber einer Kirche kam das Hotel Asuncion in Sicht. Ein kleines gelbes Hüttchen als Empfang. Schlicht. Keine Rezeption, sondern wir wurden von einem Mädchen ums Haus gebeten. Im Innenhof bearbeitete eine ältere Frau in schwarz gerade eine große Pfanne mit Hackfleisch und gekochten Eiern. Der Jefe erschien. Nach kurzem Buenos tardes und Freundlichkeiten ging es auf die Zimmer im Nebengebäude. Erster Stock. Der sehr engen Flur entlang zum letzten Zimmer. Doppelzimmer. Betten bitte weit auseinander. Die Tür ging auf. Und wir waren im Hasenstall.
Zwischen den Betten etwas Platz, um vorsichtig quer durchzulaufen. Für meinen Koffer schon zu eng. Zwischen Fußende und Wand ebenso. Mühsam quetschte ich meinen Koffer dazwischen. Schrank? Nada! Das hieße: Koffer auf’s Bett, raus was man braucht, Koffer zu, verstauen – zB als Tritt hinüber ins Bett. Durchaus praktikabel – NICHT! Ich war erstaunt, wie verwahrlost das Zimmer ist. Und war gespannt auf das Bad. Da das Zimmer so klein war, ist die Suche schnell erledigt, halbe Drehung nach links. Ich schau durch die Türe und wußte: ich mag hier nicht bleiben. Waschbecken klein, aber ganz ok. Toilette gab es auch. Der Duschkopf direkt über der Toilette! Keine Duschwanne oder Stehfläche. Nada!
Ich fühlte mich wie ein verwöhnter Schnösel und wir liessen alles zurück. Stürzten kommentarlos ins Freie. Erst mal Licht!
Wir hatten beide das gleiche Ziel. Im Eiltempo liefen wir zu unserem alten Hotel. Wir stürmten atemlos die Lobby. Geräumig, kühl, einladen. Darf ich gleich hier schlafen? Am Empfang grüßte schon breit lächelnd unser alter Freund von der Rezeption. 2 Zimmer, noch heute? Die gleichen wie zuletzt? Tatsächlich? Sie sind mein Held!
So schnell wir konnten, holten wir unsere einsamen Koffer aus ihrem dunklen Verlies. Ich streichelte meinen beruhigend und versprach ihm ein besseres Zimmer. Kühl, geräumig und mit Licht. Den Weg zum Hotel Ybytyruzu machte der Koffer fast alleine. Mühelos hüpfte er über Gehsteige, Straßen, Schlaglöcher und Erdreich. Fröhlich wiehernd bäumte er sich vor dem Hotel auf und erklomm die Treppen. Ich kam kaum nach . . . Wir nahmen die Schlüssel in Empfang. 702. MEIN Zimmer. Da, wo ich immer das WLAN für Stunden verliere. Aber es ist hell da, es hat einen Balkon, ein großes Bad, eine Duschkabine und 3 Betten für mich alleine. In welchem schlafe ich heute Nacht? Hmmmm, darüber denke ich im Pool etwas nach.

Platsch!

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Chipa, Chipa

Wir trafen am Busterminal am späten Vormittag ein. Hier herrschte reges Getriebe, denn von hier aus starten Busse in alle Himmelsrichtungen: Argentinien, Bolivien, Uruguay, Brasilien und verschiedene Regionen Paraguays. Dazu werben riesige Schilder einzelner Gesellschaften über ihren Ticketshops, aufgereiht über die komplette Breite des Terminals. Wir fanden unsere Gesellschaft GUAIRENA, die uns nach Villarica bringen würde. Nach etwas Diskussion fanden wir eine günstige Fahrt, die 13:30 starten sollte.
Es waren noch 2 Stunden bis dorthin. Wir nahmen also auf der schattigen Terrasse direkt vor den Shops Platz und genossen die Aussicht auf die Umtriebe vor dem Terminal: Menschen, die sich im Schatten ihrem Terere widmeten, dösten. Eine Katze räkelte sich neben einem Polizisten, der gelangweilt seine Trillerpfeife herumwirbeln liess. Taxifahrer unterhielten sich angeregt, während weiter hinten unter einem wuchtigen Baum Händler versuchten, ihre Waren an den Mann zu bringen. Einer von ihnen liess Musik laut aus den Boxen scheppern. Nordamerikanische Musik leider…
Schließlich gegen 12:30 wuchteten wir unsere Koffer eine Etage tiefer. Es war dunkel da unten und proppenvoll. Shops entlang den Wänden, sodass keine Wand zu sehen war. Jeder Zentimeter ist Verkaufsfläche. Der übliche Tand . . . Direkt am Ausgang zu den Bussen – unser sollte an den Plataforma 19 – 24 abfahren – lungerten Menschen auf Sitzgelegenheiten ähnlich den Gates am Flughafen. Ca. 20 Reihen in knallorange standen da. Darauf Menschen unterschiedlichster Couleur: eindeutig indianische, klein, lederhäutig, schwarzes strähniges Haar. In verschmutzten TShirts warteten sie genauso wie das Mädchen, das in WhatsApp vertieft mit ihren langen Zöpfen spielte. Die Jeans durchlöchert, durchgestylt. Plötzlich zieht sie eins ihrer Schuhe aus und schlägt ihren Bruder damit. Gegenüber ein Pärchen, das europäisch aussieht. Sie beginnt ihr Kind zu stillen. Vor mir macht sich eine junge Frau in Casualklamotten an einer Handyladestation zu schaffen. Die nimmt das Kleingeld nicht an. Sie trottet weiter. Inzwischen werden an 2 Stellen neben den Sitzen Berge von Chipa aufgebaut – Gebäck aus Maismehl, das hier in Massen hergestellt und verkauft wird. Ich kaufe mir eines mittlerer Größe etwas zu teuer und beginne neugierig zu kauen. Unerwartet schmeckt es nach Fenchel und Anis, ist außen krustig mehlig, innen aber leicht feucht. Lecker! Ich packe den größten Teil wieder weg, denn wir sollten langsam Richtung Bus.
Der kommt auch schon wenige Minuten später. Der Gehilfe des Fahrers beklebt unser Gepäck mit einer Zahlenkombination, gibt uns den kleineren Abschnitt des Aufklebers als Nachweis für die Abholung. Dann verstaut er es und wir gehen auf unsere reservierten Plätze. Fast pünktlich geht ein Vibrieren durch den Bus, die Maschine brummt erwartungsvoll, wir setzen zurück. Der Bus ist mehr als halbvoll, als wir aus dem Terminal in die Stadt zurückfahren.
In Asuncion geht es sehr schleppend voran. Schon ein paar Meter in die „falsche“ Richtung, hält er an. Ein Ehepaar entnimmt dem Verschlag unter den Sitzen ein Paket, gibt dem Beifahrer im Gegenzug Waren. Einsteigen, weiter! Immer wieder halten wir, Leute steigen ein. Wir irren scheinbar ziellos durch die Stadt und suchen Leute, die mitfahren wollen. Der Gehilfe beginnt, die stehenden Fahrgäste nach hinten zu drängen. Sieht so aus, als kommen noch mehr. Irgendwann erreichen wir die Randbezirke und nehmen noch mehr Gäste auf. Die könnten kaum unterschiedlicher sein. So sitzt oder steht im Bus eine illustre Reisegruppe, während draußen sich das Bild zusehend ändert – raus aus der Stadt ist immer mehr üppiges Grün zu sehen, direkt am Straßenrand bis weit ins Landesinnere. Bäume, Sträucher, Gräser. Erinnert an Deutschland, es ist nur eine andere Flora. Mehr und mehr auch Tiere – ein Schaf, Kühe, Pferde. Die Kühe stehen extrem nahe am Straßenrand.
Es ändern sich auch die Haltestellen, die so gar nicht deutschem Standard entsprechen und auch nicht so gekennzeichnet sind. Anfangs standen da sehr viele Menschen, oder saßen, lagen. Das übliche Kännchen mit eisgekühltem Wasser, die Bombilla in der anderen Hand. Vertieft in das Handy oder dem Gespräch mit einem anderen. Wild gestikulierend bringen sie den Bus zum Halten. Der dampft und brüllt ein paar Mal und nimmt neue Gäste auf. Weiter aufs Land raus werden die Haltestellen idyllischer – in der üppigen Vegetation geht es manchmal kurz von der Ruta runter auf die typische rote Erde, den sandigen Boden. Die Haltebucht befindet sich meist in einer Gruppe heimischer Bäume, die nicht angelegt wirken. An einer Stelle liefert eine Mutter ihren Sohn ab und läuft winkend ans Auto zurück.
Wir kommen an vielen Höfen und kleinen Häuschen vorbei. Um diese Zeit und bei der Hitze sitzen alle irgendwo im Schatten. Meist als kleines Grüppchen. Trinken, Schwatzen. Einer liegt in der Hängematte und schaukelt gemütlich. Alles strahlt eine Ruhe aus, während wir durch die Landschaft jagen. Es kommen einige größere Hütten in Sicht. Etwas wie ein Restaurant. 2 Mädchen steigen zu. Die eine hat einen riesengroßen Korb auf die Schulter gewuchtet. Dieser ist bedeckt von einem hellblauen Tuch mit Stickereien, schön verziert. Sie piepst ihr „Chipa! Chipa!“ und die Leute greifen nach ihrem Geld. Hier gab es also auch die Chipa für so ziemlich den gleichen Preis. Mit großem Geschick entnimmt sie die entsprechende Größe aus dem Korb, gibt eine kleine Plastiktüte mit und kassiert – alles mit einer Hand. Die andere hält den Korb. Ich werde an mein Chipa im Rucksack erinnert und nehme mir vor, daran später weiter zu knabbern. Das andere Mädchen drängt sich hinter ihr durch die stehenden Fahrgäste. Sie reicht Saft oder Terere, ich kann’s nicht erkennen. Sehe nur an der Bewegung, dass sie Flüssigkeit aus einem Behälter in Becher gießt. Beim nächsten Halt steigen die beiden aus und ihr Schicksal verliert sich für mich aus dem Blickfeld. Aber nicht aus den Gedanken. Wie ist das wohl? Ist das ihr Job? Geht das den ganzen Tag Haltestelle rauf, Haltestelle runter?
Das Kind vor mir fängt an, mit mir zu spielen. Das leicht schwitzige Haar des kleinen Mädchen taucht über dem Sitz auf, dann die schwarzen Äuglein. Diese funkeln, wollen eine Reaktion. Ich tauche in meinen Sitz. Die Kleine quietscht vergnügt. Ich tauche wieder auf, sie sucht mich schon. Wir lachen. Das geht ne Weile so, dann ist wieder gut.
Wir nähern uns nämlich Villarica, nachdem wir schon eine ganze Ladung Gäste zuvor in Coronel Oviedo losgeworden waren. Die Sonne glitzert lustig durch die Bäume, die die Ruta säumen. In frischem Grün stehen die Blätter, der Tag wirkt jung, obwohl es schon gegen Abend ist. Oder ist es schon die Abendsonne, die hier so strahlt? Villarica empfängt uns mit einer ruhigeren Atmosphäre als Asuncion uns geboten hat. Alles wirkt hier gedämpfter, zurückhaltender. Am Busterminal angekommen, suchen wir zu Fuß den Weg zum Hotel. Ybytyruzu – der Name des Hotels, benannt nach einem Gebirge in der Nähe. Vom Hotelzimmer aus ist es zu sehen. Aber zuerst müssen wir uns etwas ausruhen . . . dann beginnt ein neues Abenteuer: Villarica!

Asuncion: dia dos

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El baño:

Ach war das schön – laaaange geschlafen in dem viel zu schmalen Bett. Aufgewacht nach deutscher Zeit! Kerzengerade im Bett, Handkante an die Schläfe! Blick zur Uhr – 4:00? Au weia, das ist definitiv zu früh. Nochmal umdrehen . . .
Zur „vernünftigen“ Zeit zweiter Versuch. Passt! Da das Hotel großzügig auf Handtücher verzichtet hat, muss mein Notfall-Handtuch mit. Runter unter die Dusche. Selbige ist so konstruiert, dass es eigentlich gleichgültig ist, wo im Bad man steht. Man wird überall gleich nass. Das Bad steht unter Wasser. Ein kleines Rinnsal verabschiedet sich Richtung Hotelzimmer. Soll ich Günther warnen?
Jetzt, wo ich nicht mehr so klebrig bin, regt sich der Magen. Was wird es wohl zum Frühstück geben? Paraguay ist kein Frühstücksland und so dürfen wir gespannt sein.
Wir dürfen auf die Terrasse. Drei große Kannen stehen bereit: Kaffee, Milch und Saft (Jugo). Daneben eine Tüte mit Toastbrotscheiben ohne Toaster. Ein paar Kekse, Butter, Marmelade unbekannter Herkunft und Obst – Apfel, Banane, Honigmelone und Orangen. Die Orangen haben es mir angetan. Sehen aus, als könnte man die nicht essen, grüngelbkränklich. Nach dem notwendigen Kaffeeschub schäle ich mir eine. Geht sehr schwer ab die Schale. Aber mmmhmmm, schmeckt sehr lecker.

Mercado gigantico:

Nach dem wir so gestärkt sind, marschieren wir los auf der Suche nach dem nächsten Bus. Haltestelle? Welche Linie wo hin? Keine Ahnung, da muss man sich durchfragen. Je mehr Leute man fragt, desto größer die Verwirrung. Letztendlich entscheiden wir nach Mehrheit und stellen uns an die Straße – dahin, wo schon ein paar stehen. Da kommt schon unsere Linea 27. Finger rausstrecken, Bus hält, einsteigen, 2000 Guaraní an den Fahrer – der schon wieder fährt, uns mit aller Wucht in den Rückraum buxieren will – und dann einen Sitzplatz suchen. Ratternd und knatternd werden wir durchgeschüttelt, bis es nur noch hupend im Schritttempo weitergeht. Draußen nehmen die Menschenmassen massiv zu und die Straße wird gesäumt von kleinen Hütten, Gestellen, Blechverschlägen. Das heißt, wir sind am Ziel. Willkommen auf dem Mercado 4! Wir steigen aus und flüchten von der Straße. Autos drängen sehr nahe ran an die kleinen Stände. Gehweg gibt es hier und da ein Stück. Geh mal nicht davon aus, dass dich einer davon retten wird.
Wir biegen in eine enge Gasse ein. Stände über Stände. Verkäufer(innen) sitzen Terere trinkend vor der Ware, meist ins Handy vertieft. Hier geht man freundlich miteinander um, wird aber nicht genervt. Freundlich darf man auch nach anderen Dingen fragen – wo es zB dies oder das gibt – und bekommt Auskunft. So irren wir durch dieses scheinbar endlose Labyrinth aus kleinen engen Gässchen. Zwischen endlos Schmuck, Waschmittel, Brillen, Elektroteilen, Handyhüllen, T-Shirts usw. Bis wir in eine größere Halle in diesem Meer von Ständen kommen. Hier ändert sich das Angebot, der Geruch, die Menschen, alles. Fleisch, Gemüse, Obst türmen sich neben Nudeln, Maismehl und Queso da Paraguay. Kistenweise kommt neue Ware an und wird aus der Folie geschält. Eine Frau schrubbt Maiskörner vom Kolben, ein Mann tritt an mich heran mit toten Hühner in einer Plastiktüte. Die gelben Beine recken sich leblos gen Himmel, der durch das dunkle Blechdach der Halle markiert wird.
Nach der Halle gelangen wir in eine edlere Zone mit Schaufenstern. Und Wachpersonal. Bis wir in ein regelrechtes Kaufhaus gelangen. Dort bietet mir ein Herr mit einem Stapel blauer Jeanstaschen vor sich eine dieser Tasche an. Ich lehne dankend ab, und verweise auf meine eigene. Er zeigt mir immer wieder, wie toll man meine in seine legen könnte. Wozu soll das gut sein? Ich geb das Gestikulieren auf und wir trotten davon. Da läuft er uns hinterher . . . es stellt sich heraus, dass wir in das Kaufhaus nicht mit unseren Taschen dürfen. Wir müssen sie in diese Tasche stecken oder gehen. Und freundlich bestimmt zeigt er uns den Ausgang – Salida.

Casa, Plaza, Museo

Irgendwann haben wir genug von der ewigen Dunkelheit und verlassen den Markt in Richtung Straße. Nach einigen Orientierungsproblemen verschärfen wir unsere Suche nach Handtücher (zu teuer), Hüte (zu eitel) und Sehenswürdigkeiten (Volltreffer). Wir besichtigen das Casa de la Independencia, in dem Paraguay als erstes Land Südamerikas seine Unabhängigkeit erklärte. Den Plaza Uruguaya – einen geräumigen quadratischen Park voller hoher Palmen und Menschen, die natürlich Terere geniessen. Ein Junge bekommt einen frisch angesetzten in die Hand gedrückt und läuft damit zu einem Herrn auf der Parkbank und reicht es ihm. Dann versucht er dessen Schuhe zu putzen. Der Mann lehnt dankend ab, lacht. Zieht an dem Pfeifchen. Wir laufen weiter, beobachten die Menschen und die hohen Palmen. Auf denen wachsen jeweils auch andere Pflanzen – Orchideen zum Beispiel. Beeindruckend!
Direkt im Anschluss an den Park finden wir das Museo Histórico Ferroviario – das historische Eisenbahnmuseum. Günther erklärt mir, dass Paraguay einmal eine Eisenbahn hatte. Diese wurde aber verkauft. Geblieben ist das Museum, gekommen sind Heerscharen von stinkenden Bussen.
Beinahe vergessen hätte ich das deutsche Restaurant – Munich. Sprich: Munitsch. Ein schöner Innenhof, eine Oase der Ruhe im hektischen Getriebe der Stadt. Und ich trinke ein Weizen, esse einen Salat, wir wollen ja heute Abend ins Restaurant Westfalia – hm, auch das klingt deutsch. Mit dem Besitzer aus Göppingen quatschen wir ne Weile nett.

Tormenta

Die Hitze wird schwül, drückend und brennt auf der Haut. Wir laufen zurück zum Hotel, ruhen uns aus. Später wollen wir nochmal los, wenn sich die Sonne wieder eingekriegt hat. Gegen 16:30 sind wir wieder am Start, da macht uns ein vertrautes Geräusch stutzig. Regen? Viel Regen!
Wir gehen auf die Terrasse, wo wir hautnah beobachten, wie es gerade irrsinnig schüttet. Ruckzuck verwandelt sich die Straße in einen Fluß, das Wasser strömt an der Wand runter auf die Terrasse. Während ich hier schreibe, bringe ich meine Füße in Sicherheit auf den Tischbeinen. Ein Angestellter vom Hotel schiebt das Wasser in den neu entstandenen Fluss, das inzwischen auch vom Treppenhaus nachläuft. jetzt aber wird es fast still . . . Der Regen ist vorüber. Plitsch platsch fällt hier und da ein Tropfen in den See unter meinen Füßen. Autos bahnen sich rauschend den Weg durch die Straße, die inzwischen nur noch sehr nass ist. Die Lichter gehen an. Ich starre raus auf das abfließende Wasser, beobachte das Spiel der Tropfen in den Pfützen, die lustigen Wellen der Rinnsale. Lächelnd.

Asuncion: dia uno

Der Flug durch die Nacht verlief reibungslos, unspektakulär. Über Asuncion schliesslich brach die Wolkendecke auf. Das kündigt mehr als nur einen neuen Tag an. Tatsächlich waren auch die Koffer von Frankfurt hier angekommen und so kamen wir zügig zur Passkontrolle. Der freundliche Beamte rammte seinen Stempel gekonnt auf den Personalausweis und raus waren wir.
Draußen war es sehr warm und feucht; es wehte angenehm ein leichtes Lüftchen.
Wir liefen zur nächsten Busstation außerhalb des Geländes und fuhren mit Linie 30 (Linia 30) bis zur c/Oliva, die Straße, in der unser Hotel liegt. War die Fahrt schon abenteuerlich – für 2000 Guaraní (ca 40ct) dennoch mehr eine günstige Achterbahnfahrt – war der Fußweg zum Hotel ein Erlebnis. Aber der Reihe nach:
Der bunt bemalte Bus kam über einen riesigen Kreisel auf uns zu. Der Busfahrer stämmig, freundlich, die Passagiere neugierig und hilfsbereit. Einer wollte sogar für Günther aufstehen. Gut, hätte ich auch gemacht…

Aber wir blieben tapfer stehen, was den Fahrspaß deutlich erhöht und eigentlich auch den Preis nach oben treiben sollte. Er raste grundsätzlich mit Hochgeschwindigkeit auf die nächste rote Ampel und zum nächsten Stau. Bei Schlaglöcher konnte er gar nicht widerstehen . . . Nochmal Gas geben und dann ins Loch reinbremsen. Wir taumelten und rammten mit Koffer und Rucksack die geduldigen Gäste. Einer von denen hatte übrigens ein bauchiges Gefäß mit einem Metallröhrchen in der Hand. Da sog er gelegentlich unbeeindruckt dran. Neben sich ein Wasserbehälter, gut 1 Liter. Das machte mich neugierig und ich schaute mich um. Der Busfahrer hatte auch so ein Ding, allerdings an der Fahrertür befestigt, aus Horn und sein Kanister war viel größer. Später in der Stadt, begegneten uns viele Leute, die diese Kombination spazieren trugen wie die Pariser ihr Baguette. Mehr und mehr fielen mir Shops auf, die zig von diesen Kanistern feilboten in allen möglichen Aisführungen.
Wir waren aber noch mit der Fahrt zum Hotel beschäftigt. Langsam schmerzten mir die Arme vom festkrallen an der Haltestange und abfangen an den Sitzen. Endlich – ENDLICH – wurden Sitzplätze frei. Es wurde doch deutlich angenehmer. Mehr und mehr Gäste stiegen aus und es wurde geräumig.
Ach übrigens Ausstieg – das läuft so: man schlappt vor zum Busfahrer und äußert – so meine Vermutung – seinen Ausstiegswunsch. Der öffnet daraufhin schon mal vorsorglich die Türe. Der Ausstiegswillige unterstreicht seinen Wunsch, indem er sich schon mal auf die unterste Stufe an der Türe stellt. So muss der Bus quasi fast nicht stehenbleiben und hat den Gast doch los. Clever!
Der Busfahrer nahm auf uns „Gringos“ Rücksicht. Wir wurden von ihm erinnert, wenn die c/Oliva erreicht war und liess uns dann raus. Entschlossen wuchteten wir die Koffer – Trollis mit niedlichen Rädchen – auf die . . . hm, nennen wir es mal großzügig Straße. Die halbgeöffneten Fenster des Busses täuschten darüber hinweg, dass es im Laufe des Vormittag deutlich wärmer geworden war. Teilweise richtig dämpfig bei 30 Grad. Und dann die Gehwege: allesamt mehr oder wenig in Bearbeitung oder schlicht bei der Fertigstellung vergessen. Die Straße zieht sich noch 3 Blöcke weiter und ist mit Fallen gespickt. Schwer, sich hier die Ruinen rechts und links anzuschauen. Oder gar auf die wenigen intakten Häuschen zu konzentrieren.
Das eine oder andere zog aber doch meine Aufmerksamkeit auf sich. Zuletzt ein Hof wie ein Motel aus amerikanischen Filmen. Im Zentrum dann eine Art Bistro mit Getränken und Essbarem. Schön in rot-weiß frisch bemalt. Kurz danach dann unser Hotel – auffällig und von einigen Metern schon klar erkennbar. Gut gepflegt, frisch gewischter Boden, Terasse mit Stühlen und Tischen. Der Innenraum angenehm – ist wahrscheinlich die Lobby. Es ist ein sehr kleines Hotel. An der Rezeption ein Junge von vielleicht 17, der alles freundlich abwickelte. Aber uns das Zimmer noch nicht gab – wir waren wesentlich zu früh dran. Verständlich – und so liessen wir das Gepäck zurück und zogen wie gierige Raubtiere auf Futtersuche los. Zogen durch die lärmenden Straßen, sprangen zwischen klar auf ihr Ziel fixierten Fahrern in ihren metallenen Gefährten hindurch. Immer wieder mal blieb ich stehen und musste einfach fotografieren: das unfassbare Kabelgewirr, bei dem Kabel auch kreuz und quer über Kreuzungen gespannt oder auf ein vorhandenes draufgelegt werden. Gigantische Hochhäuser im deutlichen Verfall begriffen, kleine Shops, die nicht mehr sind, Straßenhändler, die RayBan-Brillen anpreisen – in einer unfassbaren Anzahl. Und die vielen indianischen Frauen, auf dem Boden kauernd, die Schmuck anpreisen, während sie schon am nächsten Kettchen arbeiten. Die Menschen sowieso ein spannendes Gemisch: eben die genannten Händler, vor den Läden sitzende Ladenbesitzer, kaum Touristen und viele, die offensichtlich hier in Büros und Banken arbeiten und auf dem Weg in ein Restaurant sind.

Das sind wir auch. Und verschwinden schliesslich total ausgehungert in ein Restaurant, dass sich später auch mit eben diesen Angestellten füllt. Aber egal, wir haben unser Schnitzel und Kartoffelbrei. Und Bier – viel Bier, einheimisches Bier. Serviert in einem Blecheimer voll Eis. Genussvoll lass ich es in das Glas fliessen, spüre das kalte Glas an den Lippen und mit einem seufzen und geschlossenen Augen ergießt sich das wohlige Kühl in meinen Rachen. Augenblicklich weiß ich, wir sind angekommen.