Take the long way home

Von Anfang an begegneten sie uns überall. Während sie in Deutschland brav am Flughafen, Bahnhof oder vor dem Hotel warten, machen sie ab Paraguay Jagd auf dich – die Taxis.
Kaum bist du aus dem Flieger, erwischen sie dich, noch bevor du deinen Koffer hast. „Taxi, Taxi!“ schallt es von allen Seiten. Billige Ausreden wie: „Otra dia!“ lassen sie nicht gelten.
Oder auf der Straße – da wirst du von ihnen beinahe überfahren, so jagen sie dich! Du kannst dich verkleiden, so gut du willst. Sie finden und erkennen dich. Und fahren dich über den Haufen, wenn du nicht sofort einsteigst. In Paraguay sind sie ja noch gut getarnt, kaum zu unterscheiden von den anderen Fahrzeugen. War es in Peru schon etwas besser – die Taxis hatte etwas deutlichere Schilder und hupen dich an – konnte man sie in Argentinien schon zweifelsfrei erkennen. Sie sind schwarz, haben ein grünes Dach und sogar ein Lichtsignal an der Frontscheibe: LIBRE in grün für ein freies Taxi.
Genau so eines suchten wir, nachdem wir aus dem Hotel in Buenos Aires ausgecheckt hatten. Normal kein Problem, machen die doch fast 50% des Straßenverkehrs aus. Einfach an den Straßenrand stellen . . . und wenn so ein Gefährt in Sicht kommt, winken. Also ganz einfach. Nur – es war kaum eines zu sehen. Standen wir ungünstig? Die paar Taxis, die wir sahen, waren alle besetzt. Gekonnt fuhren sie an uns vorbei. Wir winkten, wedelten, sprangen auf die Fahrbahn. Keine Chance: die Straße hatte gut 4 Spuren und sie fuhren einfach in der Mitte.
Endlich hielt einer an und marschierte an uns vorbei. Wir wagten ihn anzusprechen, weil wir doch dringend zum Flughafen wollten. Nein, desculpa, ich muss hier nur mal auf Toilette! Weg war er . . . Gibt’s das? Dann wieder ein. Wir rissen schon die Türen auf. „Kann man bei ihnen auch mit Kreditkarte zahlen?“ – „Pesos“ – „oder mit Dollars?“ – „Pesos!!!“. Für die paar lausigen Pesos die wir noch hatten, hätte er uns spätestens auf der Mitte der Avenida rausgeschmissen. Also nix! Schon braust er davon.
Es dauert eine ganze Weile, bis endlich wieder einer hält. Wir fragen ganz vorsichtig . . . Dollars? „Siiiiii“ – wir trauen unseren Ohren kaum und verstauen die Koffer schnell und werfen uns ins Fahrzeug. Schnurstracks geht es raus zum Flughafen unten am Meer, das platt und ruhig da liegt, als wäre es die Rollbahn. Wir bezahlen tatsächlich in Dollar und bekommen jede Menge Pesos raus. Soviel, dass wir damit wieder in die Stadt fahren könnten. Zu spät, denn jetzt müssen wir auf den Flieger Richtung Heimat.

Aeroparque

Hm, um genau zu sein, erst mal nach Cordoba. Das liegt auch in Argentinien. Dort haben wir dann 3 Stunden Layover, also Zeit, auf den Anschlussflug zu warten. Wir überlegen, was wir in den 3 Stunden machen, während unsere Koffer schon auf dem Band verschwinden. Erst mal müssen wir aber hier warten. Und warten. Wir warten schon lange. Viel zu lange. Am Gate treibt sich Personal rum, die aber ungern Auskunft geben. „Bitte bleiben sie sitzen. Sie werden aufgerufen!“.
Das Flugzeug sollte schon 10 Minuten in der Luft sein. Da ist es schwer, einfach zu warten, bis man aufgerufen wird. Ständig kontrollieren wir die Anzeigetafeln: Gate 11. Und an Gate 11 steht BUENOS AIRES – ON TIME. Nur dass die Time schon abgelaufen war.
Wir reden uns mehrfach ein, dass schon alles ok ist. Was nicht stimmt. Die Uhr läßt uns die 3 Stunden Wartezeit in Cordoba schmelzen. Ok, 2 Stunden genügen auch noch. Hm, 1,5 Stunden werden knapp. Endlich läßt man uns an Bord! Wir schnallen uns an und signalisieren unsere Bereitschaft, sofort abzuheben – schliesslich wollen wir in Cordoba ja mindest einen Kaffee trinken. Die Pesos hätten wir ja.
Aber dann wird das Flugzeug erst mal betankt. Ja, so ein Abflug kommt eben immer etwas überraschend. 😉
Als wir schliesslich mit 1,5 Stunden Verspätung abfliegen, entspannen wir uns langsam. Es gibt einen leckeren Rotwein an Bord und ich schlummere sanft vor mich hin.

Cordoba

Schon landen wir in einem kleinen – einem sehr kleinen – Flughafen. Flugplatz wäre ungerecht, dazu ist er doch etwas zu groß. Das Innere der Halle überrascht mich – leer, sauber und aufgeräumt. Schnell gugg ich auf meiner App, ob wir nicht versehentlich in der Schweiz gelandet sind . . . nein, es ist definitiv Cordoba. Das Cordoba in Argentinien. Irgendetwas stimmt hier nicht. Aber wir freuen uns über diesen Flughafen und gehen direkt zum Kaffee über. 3 Stunden wären hier bestimmt nett gewesen. Von der Kaffeebar aus sehe ich, wie ein Mädchen Ausdruckstänze zu Klaviermusik vorführt, während sie von 2 Leuten gefilmt wird. Nett!
Der Kaffee ist flughafentypisch so teuer, dass die Pesos fast wieder weg sind. Auch gut! Das kann mich schon mal nicht mehr belasten. Die Pause hat gut getan und ist auch schnell vorbei. Ein bisschen Internet hat die Zeit schnell überbrückt. Ruckzuck sitzen wir im Flugzeug Richtung Heimat. Richtung – nicht nach Hause! Richtung heißt, nach Brasilien, São Paulo. Dort Zwischenstopp von fast 2 Stunden. Und diesmal sind wir richtig pünktlich. Naja, bei dem ordentlichen Flughafen nicht anders zu erwarten.

São Paulo

Auf dem Flug nach Brasilien passiert nichts späktakuläres. Unten die Landschaft, oben der Himmel. Dazwischen wir, lesend, trinkend, schlummernd oder aus dem Fenster starrend. Südamerika zieht vorrüber, als zöge jemand die Landkarte unter mir weg. Adios ihr Anden, adios ihr Mango, Papaya, Guave und Alpaka. Es keimt Freude auf zuhause auf.
Der Flughafen in São Paulo ist so riesig, dass die Zeit exakt reicht, um rechtzeitig zum Boarding am Gate zu sein. Das Warten findet im Stehen statt. Eine riesige Boing wartet auf uns und entsprechend auch der Andrang. Irgendwann sitzen wir eingekeilt in der mittleren Viererreihe in den beiden Mittelsitzen. Ein Traum! Nicht!
Kurzer Check mit dem iPad – ich kann hier definitiv das Ding nicht aufbauen: Ablage zu kurz, Schreibposition erlaubt kein Ausklappen der Ellbogen. iPad ist gestrichen. Dafür wartet vor mir ein Display mit Spielen auf mich. An Bord gibt es auch noch ein Abendessen und später ein Frühstück. Dazwischen versuch ich zu schlafen. Günther tauscht mit seinem Nebensitzer aus logistischen Gründen der Platz und ich sitze wach neben 2 Siebenschläfern. Wie machen die das?
Irgendwann kippe ich nach vorne und lege meine Stirn auf den Vordersitz ab. Und schlafe ein! Sofort! Eine neue Position entdeckt. Genial. Allerdings nix für dauerhaft. Trotzdem gelingt es mir, hier und da zu schlafen und ein gewisses Pensum zu erreichen. 12 Stunden geht das so. Und ich muss nicht auf Toilette. Darüber triumphiere ich noch, als wir schon zum Sinkflug ansetzen. Die Anschnallzeichen leuchten auf, Toiletten sind tabu. Da rumpelt es in mir. Und ich schaff es nicht bis zur Landung. Definitiv. Ich stolpere hinter zum freundlichen Steward und bekomme die Erlaubnis zu tun, was ich tun muss. Allerdings ist schon alles abgeschaltet und verräumt. Reden wir nicht darüber. Die Gesundheit geht vor.

Steward

Übrigens der Steward. Der war der Knaller. Ein etwa 40jähriger Brasilianer, vor ein paar Tagen das letzte Mal rasiert. Groß, kräftig und immer zu Scherzen aufgelegt. Für jeden hatte er einen Spruch parat und wechselte ein paar nette Worte. Vorzugsweise in dessen Sprache, wenn er sie rausbekommen hatte. Irgendwo saß ein Russe und er hatte ein paar Brocken für den. Für den Inder hinter mir auch. Mich nahm er auch auf die Schippe und ich freute mich über so viel Aufmerksamkeit. Bitte liebe Fluggesellschaften: nur noch solche Leute und schickt die bei dem in die Schule!

Frankfurt

Hey, das war schon der letzte Flug. Über einen Tunnel geht es in die Verliese des Frankfurter Flughafens. Schon wieder interessiert sich jemand für meinen Pass. Für mein Gepäck. Das zieht sich wie Kaugummi. Hunderte von Fingerabdrücken zieren wahrscheinlich schon den Ausweis. Endlich, endlich bekomme ich meinen Koffer wieder. Aber oh weh, in welchem Zustand. Das Rad ist wieder ab. Aber diesmal endgültig. Keiner hat es mit auf’s Band gelegt oder an den Koffer geklebt. Ein Glück sind wir schon fast daheim.
Ich eiere mit dem Dreirad nach draußen zum Fernbahnhof, der glücklicherweise im selben Gebäude liegt. Über die Bahnfahrt gibt es nicht viel zu schreiben – ja, wir mussten auch hier 2 mal umsteigen: in Heidelberg vom ICE auf die S-Bahn und in Mannheim auf eine andere S-Bahn. Die Landschaft draußen wurde vertrauter und schliesslich kam wir sogar in Aglasterhausen an. Der vetraute Geruch ländlicher Luft, sanfte grüne Hügel und Menschen zu sehen, auf die man sich freut. Zuhause!

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Hinfluch

Eigentlich verlief der Start sehr gut. Perfekt geschlafen – vermutlich weil ich am Vorabend mich intensiv um die offene Weinflasche gekümmert hatte.
Dann am späten Vormittag zu Günther, gemeinsam zu Mittag gegessen und gedöst, bis endlich die Bahn uns Richtung Flughafen bringen würde. Da denkt man sich bei Hinfluch doch gleich: mit der Bahn hätten wir schon einen Tatverdächtigen. Aber weit gefehlt. Auch wenn nicht alles hundertprozentig war, die beiden Umstiege verliefen reibungslos, wir hatten bequeme Plätze und wurden dann sogar noch in Mannheim besucht – von der weltbesten Schwägerin!
Bis zum Flughafen – oder soll ich sagen Fluchhafen? – also alles gut und entspannt. Dann aber wurden wir daran erinnert, dass ja schon der Online CheckIn nicht funktionierte. Das komplifizierte CheckIn-Terminal ganz im letzten Winkel des Gebäudes spuckte irgendwann unsere Tickets aus. Mit etwas technischem Geschick schafft man das. Allerdings nur der Weiterflug von Sao Paulo nach Asuncion. Wie dahin kommen?

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Egal, gibt es wohl später. Also Koffer abliefern. Keine Warteschlange – yay, wir waren eben früh dran. Hier ging es ratzfatz zum Scannen von Handgepäck und meines Mageninhalts. Hinter dem Personenscan dann wieder dieses Dejavu – warten. Auf dem Band kommen keine Kästen mit Jacken, Tablets, Rucksäcke mehr an. Mir schwant was, schaue vor zum Scanner und da – mein Rucksack. Wird nochmal gescannt, dann nochmal. Ok, der ist schön, aber so arg? Oder hat man es auf mein Hanuta abgesehen?
Endlich kommt einer mit dem Rucksack, aber er läuft an einen anderen Tisch. Dann schaut er fragend in die Runde… wer zuckt zusammen? Ich natürlich. Er zitiert mich zu sich. „Wir müssen uns gemeinsam den Inhalt anschauen!“ – „Warum?“ – „Wir können den nicht scannen, zu viele schwarze Flecken“ Seufz. Also zieht er sich die blauen Gummihandschuhe an und los geht’s: Stativ, Tasche mit Kleinteilen, Kamera . . . wühl wühl. „Wir haben beim Scan 2 Schlösser gesehen. Kann da sein?“ „Ah, da sind die. Die habe ich vorhin beim Aufgeben des Koffers schon gesucht.“ Schlösser raus, weiter. „Was ist das?“ – „Ein Solarpanel“ – „Und das?“ „Tasche mit Akkus und Kabel“. Irgendwann war er zufrieden und meine tolle Sortierung – Mandarinen und Hanuta ganz oben – im Eimer. Thank you, Officer!
Aber da wir wie erwähnt früh dran waren, gingen wir also entspannt zum Gate. B48. Öhm, früh dran? Alle waren schon da – wir waren quasi die letzten. Hiiiilfeeee. Ok, cool bleiben. Da ist ein Schalter, an dem kaum jemand steht. Hin zu dem Mann. „Wir würden gerne nebeneinander sitzen“ – „Bitte warten Sie bis 19:00 Uhr. Sie werden aufgerufen“ – „Und bekommen dann Plätze nebeneinander?“ – „Das ist sehr kompliziert. Wenden sie sich bitte an meinen Kollegen am Schalter da drüben“. Gut, da stehen nur 3 Leute davor – wir stellen uns dazu. Warten, warten. Warten! Dann endlich . . . Was? „Die Plätze kann ich nicht zuweisen. Das macht mein Kollege da drüben“ Wir folgen der Richtung des Fingers. . . „Der da ganz am Ende?“ „Ja, dort bekommen sie ihre Plätze“ – „Aber er schickt uns doch gerade zu ihnen“ – „Ich kann ihnen leider nicht helfen. Es tut mir leid.“ . . . Ja, uns auch. @#***

Wieder zurück. Anstehen. Einer kommt und platziert die Schlange im flachen Winkel. Warten. Warten. Gähn. Die Füße schmerzen. Warten. Endlich . . . eine bebrillte offensichtlich brasilianische Dame bedient uns. „Alle Plätze am Gang sind belegt“. Dann starrt sie in den Bildschirm, tippt, starrt, tippt, starrt. Sind wir noch da? Durchsichtig? Sie starrt weiter. Und tippt natürlich. Druckt Bordkarten aus und tippt weiter, und starrt natürlich. Klar! Endlich sagt sie, während sie starrt: „Keine Sorge, ihre Plätze habe ich. Habe nur ein Problem mit dem System.“ Ja, das ist uns ja bekannt. Wir lächeln weiter, evtl klappt’s so ja. Nach einer gefühlten Ewigkeit – die Füße existieren für meinen Kopf nicht mehr, er hat die Nerven dort unten einfach deaktiviert – bekommen wir schliesslich die Bordkarten, die alten werden konfisziert. Und hey, Plätze nebeneinander, Plätze außen. Was will man mehr!

Nun hat das ganze so lange gedauert, wir marschieren fast direkt ins Flugzeug. Wobei wir erst noch 15 min in einer Schlange stehen. Dann fast schlagartig saugt uns der Flieger ein und wir landen in einem gemütlichen Bereich. Menschen lümmeln sich in den Sitzen, widmen sich Zeitung, Notebook, Tablet oder sich selbst. Geräumig hier – erste Klasse hier! Wir werden dahinter buxiert. Plätze in einer Sardinendose. Uff, so eng saß ich in noch keinem Flieger. Wenn ich aber die Arme ganz an den Körper drücke, gelingt es mir, ein bisschen zu tippen. Die Finger werden langsam gefühllos, taub. Ew riwd remmi schrewre dua Tstn ztrffon… Päusle!