Nach Arequipa

Zwar landeten wir mit dem Flugzeug in Cusco. Da wir aber nicht lange blieben, sondern erst noch nach Arequipa weiterfuhren, packe ich die ersten Eindrücke von Cusco mit den letzten zusammen. Das wird ein spannender Mix. Später…
Jedenfalls nahmen wir den Bus – clever wie wir sind, war das einer, der die Nacht durch fuhr. Damit entfallen für Hin- und Rückfahrt die Hotelkosten. Und die Annehmlichkeiten auch. Wir nahmen den Cruz del Sur, der praktisch gleich um die Ecke nahe des Hotels sein Terminal hatte. Irgendwie hatte das ganze etwas von Flughafen: Wartebereich, Gepäckaufgabe und Kontrolle vor dem Einstieg. Ich schaute mir das genau bei dem Bus vor unserem an. Und dann fiel mir ein: Bustoiletten sind nicht immer die besten. Schnell noch hier auf’s Klo. Kurz: wäre ich lieber im Bus gegangen! Zuerst hing da ein Zettel von wegen Maintenance. Naja, in Spanisch, aber manchmal genügt mein Englisch, um zu verstehen. Ich wartete eine Weile und beim zweiten Anlauf war frei. Für größere Angelegenheiten – sagen wir: für große Lamas – gab es drei Kabinen. Alle nicht abschließbar. Ohne Brille. Ohne Klopapier. Hmmm…
Ich ging zur „Rezeption“, die hatte noch Reste einer Rolle parat. Ich marschierte triumphierend zurück. Es lief soweit gut, bis ich meine Hände waschen wollte. Ja, es gab Wasser. Pluspunkt! Aber keine Seife, keine Handtücher in der Halterung. Kein Problem, da hängt ja eines dieser modernen Gebläse. Hände drunter . . . nix. Hm, eventuell hab ich mich blöd angestellt. Ich nahm mehrere Anläufe aus unterschiedlichen Winkeln, mit Überraschungsmoment, mit Abwarten. Erfolglos. Ok, nach den vielen Versuchen sind die Hände sowieso trocken. Aber die Stirne klitschnass. Ich gab auf und setze mich wieder in den Wartebereich.

Embarque

Dann vorne an den Schaltern Unruhe. Einer in brauner Seguridad-Uniform und zwei vom Busunternehmen wurden rührig. Die Kofferwaage wurde angeworfen, der andere legte eine Liste auf ein Tischchen. Der von der Sicherheit stellte ein Stativ auf und schraubte eine Videokamera drauf. Ein größerer Tisch stand neben einer Absperrung auf dem Weg zum Ausgang Richtung Bus. Der blubberte sich schon vor der Türe warm, als sich der Himmel gerade in starkem Regen ergoss.
Wir hatten kein Gepäck abzugeben. Bleibt alles schön bei mir! Also gleich durch den CheckIn. Das heißt, Rucksack und Fototasche auf den Tisch. Der Uniformierte hatte einen Zauberstab in der Hand, den er eingeschaltet hatte. Damit scannte er mein Gepäck. Alles clean. Offenbar sucht er nur nach Waffen. Die hatte ich diesmal nicht dabei. Der Körper wurde auch gescannt und dann ab in den Bus. Stopp, erst noch in die Kamera guggen. Weiter.

Endlich mal beim Fahren schlafen

Es war ein Doppeldecker, und Günther hat uns die ersten beiden Plätze oben gebucht. Toll – freie Sicht die ganze Fahrt über. Eine Sternschnuppe nach der anderen erwartete uns. Ich wurde zappelig – wann geht’s los? Südamerikanisch pünktlich um 15 Minuten später. Der Bus schob sich vom Hof und bog in die Straße ein. Es war bereits Nacht. Der Seguridad-Mensch raste durch den Bus mit der Kamera nochmal. „Excuse me, poor favor“. Bevor du „NO!“ sagen konntest, war er weg. Jemand vom Staff kam und zog uns die Vorhänge zu. Die müssen während der Fahrt geschlossen bleiben! 😳😤
Ich war schon stinkig. Zum Trost gab es dann Abendessen, während wir in den riesigen Sitzen sanft geschaukelt wurden. Für die Füße gab es eine Ablage, Sitze 💺 konnte man nach hinten kippen. Bequem und butterweich. Ein flauschige blaue Decke – nein, kein Alpaka – zum Zudecken war auch dabei. Das Essen war unspektakulär, wie vom Flugzeug gewohnt. Nur haben die hübschere Stewardessen. Wir wurden von einem jungen Mann bedient, den wir immer nur ganz kurz sahen und nicht nett säuselte, was wir denn wünschen. Egal, wir sollen ja schlafen.
Der Regen trommelte an die Scheiben. Drunten beim Fahrer quietschten die Scheibenwischer. Es wurden die Lichter gelöscht, Ruhe kehrte ein. Immer wieder blitzen vom entgegenkommenden Verkehr die Lichter in mein Schlafgemach. Ich nahm die Umgebungsgeräusche wahr. Einer brummte schlafend vor sich hin, irgendwo bläkte ein Kind. Die Eltern war chancenlos. Ich warte vergeblich auf das erlösende „Klatsch!“.

Insomnia

Ich versuchte zu schlafen. Da fingen meine Beine an zu spinnen. „Wir wollen laufen!“ – „Ruhe da unten, ich will schlafen!“ Es war zum Verrücktwerden. Die Müdigkeit da, der Kopf schwer, Hirn schon aus, Arme, Herzfrequenz, Magen-Darm-Aktivitäten – alles runtergefahren. Nur die Beine spielten verrückt. Viel Alternativen bot der Platz nicht. Ausstrecken auf die Ablage unterm Fenster brachte nix, drehen nach links, nach rechts. Nix. Fußablage einklappen – auch nix. Ich probierte die ganze Nacht mehrere Optionen durch. Zum Glück waren die beiden Plätze rechts frei. Günther verzog sich dort hin. Nun hatte ich 2 Plätze. Yeah! Damit potenzierten sich meine Optionen. Vielleicht konnte ich mich so die ganze Nacht beschäftigen?
Wie sieht es mit quer über beide Sitze aus? Lehne hochgeklappt und Test. Hm, Kopf gegen das nasskalte Fenster – ekelig. Andersrum? Tatsächlich schien ich kurz weggetreten. Aber nur kurz, wie mir die Uhr verriet. Blödes Handy! Jetzt tat mir der Rücken weh, der sich gegen die Armlehne pressen musste. Wie ist es mit diagonal? Die Füße wieder: „Wir wollen laufen!!!“ – „Ich säg euch beide gleich ab!“ Mein Tonfall wurde zunehmend gereizter. Vielleicht sind wir ja schon bald da. Ja toll! Nicht mal die Hälfte geschafft. Mir gut zuredend fischte ich den iPod aus der Tasche. Guter Junge, hast echt was gedacht. Ich drücke auf den Einschalter. Nichts tut sich . . . Echt jetzt? Stimmt, das Teil hatte ich vor Wochen zuletzt geladen. Nie benutzt. Danke!
Ich hole das iPad hervor. Versuche zu lesen. Nach zwei Seiten fällt dem ganzen Körper auf, dass er müde ist. Lesen ist nich. Ich spähe am Vorhang vorbei nach draußen. Regen und Autos. So weit das Auge reicht, und das ist wirklich nicht weit. Die Decke gibt nicht mehr genug warm. Ich zupfe und zerre in der Dunkelheit. Da beginnt es zu dämmern. Ob ich nun wirklich noch etwas geschlafen hab, oder nicht – keine Ahnung. Wenn ja, woher soll ich das wissen, ich hab ja geschlafen?!
Es dämmert. Ich greife zur Flasche. Nehm einen kräftigen Schluck Wasser. Richte mich auf. Ah, die Beine hab ich drangelassen. Das beruhigt. Ich spüre leichte Halsschmerzen, nehm eine Ibuprofen. Ob das was bringt, keine Ahnung. Ich hab keine anderen Tabletten.

Die Anden

Vorsichtig ziehe ich den Vorhang etwas zur Seite – so dass es der Kollege vom Fahrer nicht merkt. Nehme ein Taschentuch und wische die dicke Schicht Wasser ab. Immer wieder. Dann beobachte ich die Landschaft – wie sich die Straße endlos durch sanfte grüne Hügel windet. Sind wir in Schottland? Bilder davon kommen hoch. Es wachsen kleine Büsche auf den Hängen, Felsen liegen in endloser Zahl dazwischen herum. Mehr und mehr mischen sich hohe Kakteen darunter. Die Hügel werden steiler, während immer mehr fette LKW vorbeibrummen. Die Landschaft wird rauher, die Felsen größer. Die Straße ist jetzt fast durchgehend in den Felsen gebrochen. Die Kakteen mehren sich. Auf den großen Felsbrocken steht in größeren Abständen PROB PRIV. Das steht für probriedad privada, also Privatbesitz. Die ersten Stromleitungen stehen in der Landschaft herum und führen irgendwo hin.
Eine große Fabrik taucht auf, während sich die Sonne hinter einem Berg hervorwagt. Ganz vorsichtig, um nicht das Elend zu radikal zu entblößen, das sich nun bald unserem Auge bietet. Wir gelangen an die ersten Behausungen vor Arequipa. Krumme halbhohe Mauern grenzen kleine Hütten ein. Ich denke, dass das irgendwelche Lager für Materialien sind. Da laufen Leute herum, barfuß, zerlumpt, schwer bepackt. Frauen, Kinder. Hunde dazwischen in großer Zahl. Erdstraßen, schlammige Wege. Dahinter ein riesiger Berg, saftig grün, weich gemustert mit Streifen. Es sind die ersten Siedlungen. Das wird mir da klar, als ich ein Firmenschild einer Telefongesellschaft erkenne. Der Straßenrand wird lebhafter, geschäftig. Einzelne Wohnquadrate sind durch sehr breite Erdstraßen, braun und von Gräben durchzogen, durch die der letzte Regen die Gebiete verliess, getrennt. Vereinzelt laufen hier Menschen, wirken auf diesen Straßen verloren. Beherrschend auch hier der Hund. Teilweise in Rudel streifen sie frei umher.
Die Häuser werden langsam besser, bekommen Fassade und Gesicht. Farbe. Es stehen Autos davor, klapprig und alt. Es fehlen Türen, Scheinwerfer. Aber sie fahren. Menschen sitzen in Gruppen zusammen, geschäftig, machen Erledigungen. Die erste Tankstelle ist zu sehen, während die Sonne nun endgültig erscheint und den Blick auf schneebedeckte schroffe Berge freigibt. Die Vulkane um Arequipa. Ich sehe eine Familie am Zaun stehen – sie beobachten den Sonnenaufgang. Der Misti, einer der Vulkane, thront hier mächtig. So langsam sieht es nach Stadt aus. Stromleitungen, „normale“ Autos, Läden, Geschäfte, Stadtbusse, falls es die gibt. Taxis in großer Zahl – kleine Autos mit Werbetafel statt dem Taxischild. Die wirken wuselig und die Marke ist mir fremd.

Arequipa

Der Bus irrt durch die Straßen kreuz und quer und fährt schliesslich in einen großen Hof, auf dem viele andere Busse schon stehen. Wir steigen aus, laufen in das Terminal. Hier ist reger Betrieb. Alles rennt durcheinander. Läden reihen sich an Läden. Unser nächstes Ziel ist die Tourist Information. Danach mit dem Taxi zum Hotel. Alles geht sehr schnell. Der Taxifahrer redet nichts, wir schweigen. Ich kämpfe noch mit den Bildern der Vorstadt, muss schwer schlucken. Das muss ich erst mal verdauen, will ich Arequipa geniessen.

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Chipa, Chipa

Wir trafen am Busterminal am späten Vormittag ein. Hier herrschte reges Getriebe, denn von hier aus starten Busse in alle Himmelsrichtungen: Argentinien, Bolivien, Uruguay, Brasilien und verschiedene Regionen Paraguays. Dazu werben riesige Schilder einzelner Gesellschaften über ihren Ticketshops, aufgereiht über die komplette Breite des Terminals. Wir fanden unsere Gesellschaft GUAIRENA, die uns nach Villarica bringen würde. Nach etwas Diskussion fanden wir eine günstige Fahrt, die 13:30 starten sollte.
Es waren noch 2 Stunden bis dorthin. Wir nahmen also auf der schattigen Terrasse direkt vor den Shops Platz und genossen die Aussicht auf die Umtriebe vor dem Terminal: Menschen, die sich im Schatten ihrem Terere widmeten, dösten. Eine Katze räkelte sich neben einem Polizisten, der gelangweilt seine Trillerpfeife herumwirbeln liess. Taxifahrer unterhielten sich angeregt, während weiter hinten unter einem wuchtigen Baum Händler versuchten, ihre Waren an den Mann zu bringen. Einer von ihnen liess Musik laut aus den Boxen scheppern. Nordamerikanische Musik leider…
Schließlich gegen 12:30 wuchteten wir unsere Koffer eine Etage tiefer. Es war dunkel da unten und proppenvoll. Shops entlang den Wänden, sodass keine Wand zu sehen war. Jeder Zentimeter ist Verkaufsfläche. Der übliche Tand . . . Direkt am Ausgang zu den Bussen – unser sollte an den Plataforma 19 – 24 abfahren – lungerten Menschen auf Sitzgelegenheiten ähnlich den Gates am Flughafen. Ca. 20 Reihen in knallorange standen da. Darauf Menschen unterschiedlichster Couleur: eindeutig indianische, klein, lederhäutig, schwarzes strähniges Haar. In verschmutzten TShirts warteten sie genauso wie das Mädchen, das in WhatsApp vertieft mit ihren langen Zöpfen spielte. Die Jeans durchlöchert, durchgestylt. Plötzlich zieht sie eins ihrer Schuhe aus und schlägt ihren Bruder damit. Gegenüber ein Pärchen, das europäisch aussieht. Sie beginnt ihr Kind zu stillen. Vor mir macht sich eine junge Frau in Casualklamotten an einer Handyladestation zu schaffen. Die nimmt das Kleingeld nicht an. Sie trottet weiter. Inzwischen werden an 2 Stellen neben den Sitzen Berge von Chipa aufgebaut – Gebäck aus Maismehl, das hier in Massen hergestellt und verkauft wird. Ich kaufe mir eines mittlerer Größe etwas zu teuer und beginne neugierig zu kauen. Unerwartet schmeckt es nach Fenchel und Anis, ist außen krustig mehlig, innen aber leicht feucht. Lecker! Ich packe den größten Teil wieder weg, denn wir sollten langsam Richtung Bus.
Der kommt auch schon wenige Minuten später. Der Gehilfe des Fahrers beklebt unser Gepäck mit einer Zahlenkombination, gibt uns den kleineren Abschnitt des Aufklebers als Nachweis für die Abholung. Dann verstaut er es und wir gehen auf unsere reservierten Plätze. Fast pünktlich geht ein Vibrieren durch den Bus, die Maschine brummt erwartungsvoll, wir setzen zurück. Der Bus ist mehr als halbvoll, als wir aus dem Terminal in die Stadt zurückfahren.
In Asuncion geht es sehr schleppend voran. Schon ein paar Meter in die „falsche“ Richtung, hält er an. Ein Ehepaar entnimmt dem Verschlag unter den Sitzen ein Paket, gibt dem Beifahrer im Gegenzug Waren. Einsteigen, weiter! Immer wieder halten wir, Leute steigen ein. Wir irren scheinbar ziellos durch die Stadt und suchen Leute, die mitfahren wollen. Der Gehilfe beginnt, die stehenden Fahrgäste nach hinten zu drängen. Sieht so aus, als kommen noch mehr. Irgendwann erreichen wir die Randbezirke und nehmen noch mehr Gäste auf. Die könnten kaum unterschiedlicher sein. So sitzt oder steht im Bus eine illustre Reisegruppe, während draußen sich das Bild zusehend ändert – raus aus der Stadt ist immer mehr üppiges Grün zu sehen, direkt am Straßenrand bis weit ins Landesinnere. Bäume, Sträucher, Gräser. Erinnert an Deutschland, es ist nur eine andere Flora. Mehr und mehr auch Tiere – ein Schaf, Kühe, Pferde. Die Kühe stehen extrem nahe am Straßenrand.
Es ändern sich auch die Haltestellen, die so gar nicht deutschem Standard entsprechen und auch nicht so gekennzeichnet sind. Anfangs standen da sehr viele Menschen, oder saßen, lagen. Das übliche Kännchen mit eisgekühltem Wasser, die Bombilla in der anderen Hand. Vertieft in das Handy oder dem Gespräch mit einem anderen. Wild gestikulierend bringen sie den Bus zum Halten. Der dampft und brüllt ein paar Mal und nimmt neue Gäste auf. Weiter aufs Land raus werden die Haltestellen idyllischer – in der üppigen Vegetation geht es manchmal kurz von der Ruta runter auf die typische rote Erde, den sandigen Boden. Die Haltebucht befindet sich meist in einer Gruppe heimischer Bäume, die nicht angelegt wirken. An einer Stelle liefert eine Mutter ihren Sohn ab und läuft winkend ans Auto zurück.
Wir kommen an vielen Höfen und kleinen Häuschen vorbei. Um diese Zeit und bei der Hitze sitzen alle irgendwo im Schatten. Meist als kleines Grüppchen. Trinken, Schwatzen. Einer liegt in der Hängematte und schaukelt gemütlich. Alles strahlt eine Ruhe aus, während wir durch die Landschaft jagen. Es kommen einige größere Hütten in Sicht. Etwas wie ein Restaurant. 2 Mädchen steigen zu. Die eine hat einen riesengroßen Korb auf die Schulter gewuchtet. Dieser ist bedeckt von einem hellblauen Tuch mit Stickereien, schön verziert. Sie piepst ihr „Chipa! Chipa!“ und die Leute greifen nach ihrem Geld. Hier gab es also auch die Chipa für so ziemlich den gleichen Preis. Mit großem Geschick entnimmt sie die entsprechende Größe aus dem Korb, gibt eine kleine Plastiktüte mit und kassiert – alles mit einer Hand. Die andere hält den Korb. Ich werde an mein Chipa im Rucksack erinnert und nehme mir vor, daran später weiter zu knabbern. Das andere Mädchen drängt sich hinter ihr durch die stehenden Fahrgäste. Sie reicht Saft oder Terere, ich kann’s nicht erkennen. Sehe nur an der Bewegung, dass sie Flüssigkeit aus einem Behälter in Becher gießt. Beim nächsten Halt steigen die beiden aus und ihr Schicksal verliert sich für mich aus dem Blickfeld. Aber nicht aus den Gedanken. Wie ist das wohl? Ist das ihr Job? Geht das den ganzen Tag Haltestelle rauf, Haltestelle runter?
Das Kind vor mir fängt an, mit mir zu spielen. Das leicht schwitzige Haar des kleinen Mädchen taucht über dem Sitz auf, dann die schwarzen Äuglein. Diese funkeln, wollen eine Reaktion. Ich tauche in meinen Sitz. Die Kleine quietscht vergnügt. Ich tauche wieder auf, sie sucht mich schon. Wir lachen. Das geht ne Weile so, dann ist wieder gut.
Wir nähern uns nämlich Villarica, nachdem wir schon eine ganze Ladung Gäste zuvor in Coronel Oviedo losgeworden waren. Die Sonne glitzert lustig durch die Bäume, die die Ruta säumen. In frischem Grün stehen die Blätter, der Tag wirkt jung, obwohl es schon gegen Abend ist. Oder ist es schon die Abendsonne, die hier so strahlt? Villarica empfängt uns mit einer ruhigeren Atmosphäre als Asuncion uns geboten hat. Alles wirkt hier gedämpfter, zurückhaltender. Am Busterminal angekommen, suchen wir zu Fuß den Weg zum Hotel. Ybytyruzu – der Name des Hotels, benannt nach einem Gebirge in der Nähe. Vom Hotelzimmer aus ist es zu sehen. Aber zuerst müssen wir uns etwas ausruhen . . . dann beginnt ein neues Abenteuer: Villarica!

Asuncion: dia uno

Der Flug durch die Nacht verlief reibungslos, unspektakulär. Über Asuncion schliesslich brach die Wolkendecke auf. Das kündigt mehr als nur einen neuen Tag an. Tatsächlich waren auch die Koffer von Frankfurt hier angekommen und so kamen wir zügig zur Passkontrolle. Der freundliche Beamte rammte seinen Stempel gekonnt auf den Personalausweis und raus waren wir.
Draußen war es sehr warm und feucht; es wehte angenehm ein leichtes Lüftchen.
Wir liefen zur nächsten Busstation außerhalb des Geländes und fuhren mit Linie 30 (Linia 30) bis zur c/Oliva, die Straße, in der unser Hotel liegt. War die Fahrt schon abenteuerlich – für 2000 Guaraní (ca 40ct) dennoch mehr eine günstige Achterbahnfahrt – war der Fußweg zum Hotel ein Erlebnis. Aber der Reihe nach:
Der bunt bemalte Bus kam über einen riesigen Kreisel auf uns zu. Der Busfahrer stämmig, freundlich, die Passagiere neugierig und hilfsbereit. Einer wollte sogar für Günther aufstehen. Gut, hätte ich auch gemacht…

Aber wir blieben tapfer stehen, was den Fahrspaß deutlich erhöht und eigentlich auch den Preis nach oben treiben sollte. Er raste grundsätzlich mit Hochgeschwindigkeit auf die nächste rote Ampel und zum nächsten Stau. Bei Schlaglöcher konnte er gar nicht widerstehen . . . Nochmal Gas geben und dann ins Loch reinbremsen. Wir taumelten und rammten mit Koffer und Rucksack die geduldigen Gäste. Einer von denen hatte übrigens ein bauchiges Gefäß mit einem Metallröhrchen in der Hand. Da sog er gelegentlich unbeeindruckt dran. Neben sich ein Wasserbehälter, gut 1 Liter. Das machte mich neugierig und ich schaute mich um. Der Busfahrer hatte auch so ein Ding, allerdings an der Fahrertür befestigt, aus Horn und sein Kanister war viel größer. Später in der Stadt, begegneten uns viele Leute, die diese Kombination spazieren trugen wie die Pariser ihr Baguette. Mehr und mehr fielen mir Shops auf, die zig von diesen Kanistern feilboten in allen möglichen Aisführungen.
Wir waren aber noch mit der Fahrt zum Hotel beschäftigt. Langsam schmerzten mir die Arme vom festkrallen an der Haltestange und abfangen an den Sitzen. Endlich – ENDLICH – wurden Sitzplätze frei. Es wurde doch deutlich angenehmer. Mehr und mehr Gäste stiegen aus und es wurde geräumig.
Ach übrigens Ausstieg – das läuft so: man schlappt vor zum Busfahrer und äußert – so meine Vermutung – seinen Ausstiegswunsch. Der öffnet daraufhin schon mal vorsorglich die Türe. Der Ausstiegswillige unterstreicht seinen Wunsch, indem er sich schon mal auf die unterste Stufe an der Türe stellt. So muss der Bus quasi fast nicht stehenbleiben und hat den Gast doch los. Clever!
Der Busfahrer nahm auf uns „Gringos“ Rücksicht. Wir wurden von ihm erinnert, wenn die c/Oliva erreicht war und liess uns dann raus. Entschlossen wuchteten wir die Koffer – Trollis mit niedlichen Rädchen – auf die . . . hm, nennen wir es mal großzügig Straße. Die halbgeöffneten Fenster des Busses täuschten darüber hinweg, dass es im Laufe des Vormittag deutlich wärmer geworden war. Teilweise richtig dämpfig bei 30 Grad. Und dann die Gehwege: allesamt mehr oder wenig in Bearbeitung oder schlicht bei der Fertigstellung vergessen. Die Straße zieht sich noch 3 Blöcke weiter und ist mit Fallen gespickt. Schwer, sich hier die Ruinen rechts und links anzuschauen. Oder gar auf die wenigen intakten Häuschen zu konzentrieren.
Das eine oder andere zog aber doch meine Aufmerksamkeit auf sich. Zuletzt ein Hof wie ein Motel aus amerikanischen Filmen. Im Zentrum dann eine Art Bistro mit Getränken und Essbarem. Schön in rot-weiß frisch bemalt. Kurz danach dann unser Hotel – auffällig und von einigen Metern schon klar erkennbar. Gut gepflegt, frisch gewischter Boden, Terasse mit Stühlen und Tischen. Der Innenraum angenehm – ist wahrscheinlich die Lobby. Es ist ein sehr kleines Hotel. An der Rezeption ein Junge von vielleicht 17, der alles freundlich abwickelte. Aber uns das Zimmer noch nicht gab – wir waren wesentlich zu früh dran. Verständlich – und so liessen wir das Gepäck zurück und zogen wie gierige Raubtiere auf Futtersuche los. Zogen durch die lärmenden Straßen, sprangen zwischen klar auf ihr Ziel fixierten Fahrern in ihren metallenen Gefährten hindurch. Immer wieder mal blieb ich stehen und musste einfach fotografieren: das unfassbare Kabelgewirr, bei dem Kabel auch kreuz und quer über Kreuzungen gespannt oder auf ein vorhandenes draufgelegt werden. Gigantische Hochhäuser im deutlichen Verfall begriffen, kleine Shops, die nicht mehr sind, Straßenhändler, die RayBan-Brillen anpreisen – in einer unfassbaren Anzahl. Und die vielen indianischen Frauen, auf dem Boden kauernd, die Schmuck anpreisen, während sie schon am nächsten Kettchen arbeiten. Die Menschen sowieso ein spannendes Gemisch: eben die genannten Händler, vor den Läden sitzende Ladenbesitzer, kaum Touristen und viele, die offensichtlich hier in Büros und Banken arbeiten und auf dem Weg in ein Restaurant sind.

Das sind wir auch. Und verschwinden schliesslich total ausgehungert in ein Restaurant, dass sich später auch mit eben diesen Angestellten füllt. Aber egal, wir haben unser Schnitzel und Kartoffelbrei. Und Bier – viel Bier, einheimisches Bier. Serviert in einem Blecheimer voll Eis. Genussvoll lass ich es in das Glas fliessen, spüre das kalte Glas an den Lippen und mit einem seufzen und geschlossenen Augen ergießt sich das wohlige Kühl in meinen Rachen. Augenblicklich weiß ich, wir sind angekommen.