Sacsayhuamán

Wartet noch jemand auf einen Bericht von Machu Picchu? Ja? Ich auch! Denn selbst werde ich da nicht hingehen. 250 € lassen sich sinnvoller ausgeben. Und billiger wird es auf keinen Fall, eher teurer. Die Inka müssen doch noch andere schöne Spuren hinterlassen haben…
Haben sie. Zum einen wurde uns Ollantaytambo empfohlen. Das liegt 60 km von Cusco weg. Nachdem es aber doch recht kalt und regnerisch war, entschieden wir uns, einfach das zu besichtigen, was uns Cusco zu bieten hat. Wenn es dann regnet oder zu kalt wird, hat man sich schnell in Sicherheit gebracht und ist nicht zu sehr enttäuscht.
Cusco hat gleich vier solcher Anlagen oben auf den Hügeln über der Stadt. Die gesparten 250€ konnten wir entspannt in eine Taxifahrt investieren. Ein paar Minuten später waren wir schon oben und erstanden uns ein Tagesticket für 70 Soles, das entspricht ca. 20€ für alle Anlagen. Und wir waren binnen Minuten oben. Wir betraten die Anlage bei leichter Bewölkung in 3.600 Meter Höhe. Das sollte bis zum Verlassen der Anlage Konsequenzen haben. Dazu später…

Mir fielen gleich die grasenden Alpaka ins Auge, sodass die hohen Mauern der Inka in den Hintergrund meines Interesses traten. Zottiges langes Fell und den Kopf immer im Gras arbeiteten sie sich wie Rasenmäher vorwärts. Man konnte sich ihnen wirklich bis auf Berührung nähern, das störte sie gar nicht.
Gleich hinter den grasenden Tieren führte eine in den Fels gehauene Treppe einen Hügel hinauf, aus dem der Fels tonnenförmig herausragte. Bis zu einer solchen Höhe ragte der Fels hervor, dass er eine herrliche Rutsche bildete. Ich konnte nicht verhindern, dass auch ich zweimal auf dem Hosenboden runterrutschte. Ein herrliches Vergnügen!
Von dort oben hatte man schon einen gigantischen Ausblick über ganz Cusco und den umgebenden Bergen. Auf einem benachbarten Hügel thront eine Christusfigur wie in Rio. Dort marschierten wir hinüber. Wir mussten einen schmalen Pfad hinauf, der sich durch das Gebüsch wand. Oben angekommen hatten wir einen atemberaubenden Ausblick über die Stadt. Von rechts kamen immer wieder Flugzeuge aus den Wolken gebrochen und man sah sie auf die Stadt herniedersinken und landen. Wir blieben nicht lange, es sah nach Regen aus. Als liefen wir den Pfad wieder hinunter und rauf auf die Ruinen, die wir zuvor ausgelassen hatten. In einem Zickzack waren die Felsen angelegt und ragten als hohe Mauer auf. Mehrfache gab es trapezförmige Durchgänge, wie sie für die Inka typisch sind. Ich bestaunte mal wieder die Kunstfertigkeit, mit der diese Mauern gebaut wurden. Lückenlos sitzen die Felsen auf Felsen. Man könnte sie einfach einzeln mitnehmen, wären sie nicht so schwer.
Am Ende der Anlage lege ich mich auf die Grasfläche und genieße die wärmenden Strahlen der Sonne. Hab meinen Kopf die ganze Zeit schon bedeckt, seit die Sonne rausgekommen ist. Die Sonne brennt mir heiß auf die Beine, die ich entblößt hatte, damit ich nicht allzu käsig nach Hause komme. Aber die Hitze ist unangenehm. Auch der Kopf spannt gewaltig und schmerzt.
Im Hotel werfe ich einen Blick in den Spiegel und bin entsetzt: die Kopfhaut sieht aus wie eine Pizza ohne Belag, nur rote Soße und Käse blubbern da oben. Offenbar habe ich diese „Höhensonne“ nicht ertragen, die hier durch die Wolken dringt. Nervös hole ich mir Rat ein und erstehe in der Apotheke einen grünen Glibber, der meinen Kopf mit Aloe Vera kühlt. Ab jetzt verlasse ich das Zimmer nur noch mit dicker Schicht Sonnencreme, auch bei Regen . . .

Machu Picchu schau ich mir auf YouTube an.

Stadtbesichtigung Cusco

Wir schaffen es irgendwie über die Straße auf den breiten Fußgängerweg. Hier und da sitzt jemand auf einer der Bänke. Nach einem Brunnen, der außer Funktion ist, gelangen wir unter ein langgezogenes Dach – aus Glas und über die volle Breite. Es ist leicht gebogen und belebt das Straßenbild und bietet Schutz vor dem Regen. Denn mit dem muss man immer rechnen. Unter dem Dach studieren mehrere junge Peruaner gemeinsam einen Tanz ein, der mich irgendwie an die Indianertänze aus dem Fernsehen erinnert.
Ich drehe mich um, die Straße hinunterblickend in Richtung des Königs. Die Berge ringsum reichen in die Wolken. Kleine Häuschen krabbeln bis in die Wolken hinein. Auf den unbewohnten Hügeln gibt es riesige Zeichen, die irgendwie dort in die Natur eingebracht wurden. Zum Beispiel VIVA EL PERU. Oder ein Kreuz. Wie gesagt, gigantische Ausmaße. Die Wolken und die Kälte machen mir bewusst, dass wir hier über 3.000 Meter sind. So hoch liegt in Deutschland nicht mal ein Dorf. Aber das hier ist eine Großstadt mit nahezu 400.000 Einwohner.

Centro Historico

Wir laufen in Richtung Centro Historico, weg vom ernst dreinblickenden König. Sein Blick folgt uns noch lange, während wir irgendwann vom Mittelstreifen runtermüssen, der in einer kleinen Parkanlage endet. Wir entscheiden uns für die Avenida El Sol. Eine große Markthalle präsentiert Unmengen an Shops mit Souvenirs à la Peru. Lamas und Alpaka in allen Größen und Farben, natürlich nur als Figuren, keine echte. Alpaka-Pulli, bunte Taschen, Rucksäcke, Geldbörsen. Decken aus Alpakafell, verschieden gemustert. Schmuck, Edelsteine, Gemälde mit lokalen Motiven. Und historischen, denn die Inkas sind überall in Cusco. Und sie bringen immer noch viel Gold ans Licht – zahlen per VISA, MASTERCARD, AMERICAN EXPRESS, alles kein Problem. Allein diese Halle hat bestimmt 50 Shops, dicht bepackt mit Waren, dass die Ladenhüter kaum zu sehen ist. Wenn sie einen erkennen, stürmen sie gleich winkend aus dem hinteren Eck: „Adelante!“ Immer freundlich und erklären gerne alles. Und traurig, wenn man dann doch nichts kauft. Manche schlafen, dösen oder schauen Fern. Auch Handy ist als Ablenkung beliebt.
An einem Brunnen, der ebenfalls trocken ist und aus einer riesigen blauen Wand besteht, die auf der Rückseite bunt bemalt ist, laufen wir vorbei und der Betrieb auf der Straße nimmt zu. Buntes Getümmel, immer wieder kleine fahrbare Läden auf der Straße mit einem alten Mütterchen dahinter, drin oder daneben. Freundlich zahnloses Lächeln.

Straßenhändler

Wir erreichen bald den Kern, denn die Zahl der Straßenhändler, die vor allem für Touren werben, nimmt zu. „Ello Sir! City Tour?“ oder „Matschu Pitschu, Rainbow Mauntins“. Viele Touren werden einem angeboten. Dabei redet nicht einer alleine. Alle stürmen auf uns los, reden gleichzeitig und schalten sich so gegenseitig aus. Obwohl ich manchmal drauf eingehe – sein Ziel erreicht man über „einfach weiterlaufen und nicht reagieren“ oder ein freundliches Nicken begleitet von einem „No! Gracias“. Manchmal antworte ich auch in Deutsch. Besonders wenn Massagen angeboten werden: „Danke, ich bin gesund“, „Es geht mir gut“. Oder bei Bilderverkäufern: „Mir fehlt jegliches Kunstverständnis“, „Meine Fotos sind besser als deine Bilder“. Am Ende muss man einfach wissen, was man will.

Plaza de las Armas

Wir erreichen den Plaza de las Armas. Namentlich identisch mit dem in Arequipa, hat er nur wenig mit ihm gemein. Er hat einen Brunnen in der Mitte, allerdings unbetäubt (falls das so heißt, wenn es keine Tauben auf ihm gibt). Es tummeln sich hier zahllose Menschen. Er ist rechteckig. Soweit die Gemeinsamkeiten. Schon die Menschen sind ganz andere als in Arequipa: hier sind ganz klar die Touristen tonangebend. Der Brunnen, mit einem wichtigen Inka oben drauf, dient als beliebtestes Fotomotiv, vor dem man sich selbst, Freund, Freundin oder Reisegruppe postiert. Schuhputzer gibt es hier auch, sind aber aggressiver, als die Kollegen aus Arequipa. Sowieso ist Cusco viel aufdringlicher und dadurch weniger genießbar. Auf Moskitos hatte ich mich vorbereitet, aber diese Flut an Händler oder wie man diese Leute nennen will, ist furchtbar. Da hilft kein Mückenspray und es ist zumindest verständlich, warum manche einfach durch die Menschen hindurchlaufen. Reine Überlebensstrategie in der Hoffnung, das andere Ende des Platzes zu erreichen. Sie werfen sich dir vor die Kameralinse, ins Gespräch, dass du gerade führst und wenn du gerade aus einem Restaurant pappsatt herauskommst. Schon will der nächste dich in ein anderes Restaurant zerren. Zum Glück ist es auf dem Platz selbst recht friedlich, denn hier begegnen uns wieder die trillerpfeifenden Polizisten.
Der Platz ist umgeben von kleineren Gebäuden, dicht an dicht. Restaurants und Reisebüros, Läden verschiedenster Art. Fast alle dieser kleinen Häuschen haben einen hölzernen Balkon in blau, braun, gelb. Vereinzelt sitzen dort Leute, trinken, essen. Auf einer Stirnseite eine riesige Kirche in braun, die Iglesia de Compania de Jesus. Zu einem weiteren Gebäude im rechten Winkel dazu führen breit angelegte Treppen, auf denen sich mehrere müde Leute lümmeln oder fotografieren. Das Gebäude ist die berühmte Kathedrale von Cusco. Vor der Kathedrale haben sich mehrere Maler niedergelassen. Auf ihren Staffeleien stehen Bilder – bunt mit knalligen Farben. Mystische Szenen aus dem indianischen, Szenen aus der Stadt, Gesichter. Fertige Bilder stehen an die Staffeleien gelehnt oder liegen auf dem Boden. Überall auf dem Platz schwärmen junge Studenten aus mit Mappen voller Bilder mit eigentlich den immer gleichen Motiven. Sie sprechen die Touristen an und erhöhen damit den „Lärmpegel“, den man hier empfindet.
Entflieht man in die Seitengassen, kann man dem Trubel etwas entfliehen. Die Mauern rechts und links entstammen deutlich der Inkazeit. Unregelmäßig geformt, verzahnen sich die riesigen Blöcke miteinander. Dabei sind sie so sauber gefertigt, dass sie nahtlos aufeinander liegen, keine Mörtel dazwischen. Nicht einmal ein Blatt Papier kann man hier dazwischenschieben. Wirklich beeindruckend.
Es beginnt zu regnen. Wir flüchten in die Arkaden des Platzes und beschliessen, dass wir die Ruinen oberhalb der Stadt besichtigen sollten, die Inkaruinen von Sacsayhuaman.

Ankunft in Cusco

Cusco steht zuerst einmal für Höhe: 3.300 Meter hoch liegt diese Großstadt und ist von hohen grünen Bergen umgeben. Unser Hotel liegt einen kleinen Fußmarsch entfernt vom Busterminal. Auf dem Weg passieren wir eine riesige Statue des Inkakönigs Pachacutec.

Verkehr

Die Straße ist hier mehrspurig, geteilt durch eine breite Fußgängerpassage mit Bänken. Das kleine Hotel Samychai fällt kaum auf, außer dass es eine saubere Fassade hat. Dies trotz des russigen Verkehrs, der sich hier ständig hupend vorbeischiebt. In Cusco fällt mir als kofferrollender Touri eines sofort auf: die Gehwege sind durchgehend vorhanden, unbeschädigt und weitestgehend sauber. Die Autofahrer hupen bei allem, was irgendwie interessant ist. Fußgänger entdeckt – TRÖÖÖÖÖT. Anderes Auto langsamer – TRÖÖÖÖÖT. Zwei Fußgänger – TRÖÖÖÖÖT, TRÖÖÖÖÖT. Den Code konnte ich nicht weiter entschlüsseln.
Obwohl Cusco über Ampeln verfügt – und auch Zebrastreifen – sollen diese nur die Stadt optisch aufwerten und auf internationales Niveau heben. Funktionell sind diese nicht vorhanden, was man gerne als Fußgänger testen darf. Den Kampf wirst du verlieren. Gelegentlich regeln adrett in olivgrün gekleidete Polizistinnen den Verkehr – trotz Ampelbetrieb. Womit klar wird: Ampeln gelten erst unter Polizeischutz. Mit Trillerpfeife wird hier dem Status der Ampel Nachdruck verliehen und Zebrastreifen funktionieren auf einmal. Peru hat eine Lösung für ein weltweites Problem gefunden! Tadaaaaah!

Hotel SamyPchai

Wir treten in die Minilobby des Hotels – kleiner geht kaum. Eine kleine Theke, auf der ein schwarzer 17″ Monitor thront. 1 Couch gegenüber, eine weitere im rechten Winkel dazu. Beide mit braunem Kunstleder bezogen. Wir werden sehr freundlich begrüßt und Zertifikate an der Wand bestätigen, dass Booking.com auch ganz zufrieden mit dem Hotel ist. Höchstbewertung war 8,6. Die Formalitäten sind südamerikanischer Standard und in Kürze geklärt. Schon werden wir durch die Glastüre durch einen kleinen Garten geführt zu einer weiteren Glastüre zu dem angrenzenden Gebäude. 5 Zimmer zähle ich auf die Schnelle – 3 unten, 2 oben. Ein grüner Papagei heißt uns willkommen. Auf Spanisch, wie ich vermute.

Unsere Zimmer liegen im ersten Stock, ich bekomme 201. Frühstück gibt es im Vorraum hinter der Glastüre – mit Blick auf den Papagei. Dort steht auch den ganzen Tag – und Abend – eine 2,5 Liter Kanne mit heißem Wasser bereit samt einer Kisten mit 6 verschiedenen Teesorten in Beutel. Feudal! Mein Zimmer wirkt freundlich: Parkettboden, meterhohe Bettdecken in mehreren Schichten. Die oberste in königlichem Gold-Braun. Ein kleiner Tisch mit Stuhl, ein Fenster zum Flur, respektive Innenhof, eines nach hinten raus, um den Regen zu studieren. Eine Türe führt ins Bad mit großzügiger Dusche, Toilette und großem Waschbecken. Als heavy Elektrogeräteuser zähle ich schnell die Steckdosen durch – 5. Das reicht!
Kurz lasse ich mir den kostenlosen Safe erklären und schon mache ich es mir bequem. Erst mal in Ruhe ankommen, bevor wir die Stadt erobern.

Nach Arequipa

Zwar landeten wir mit dem Flugzeug in Cusco. Da wir aber nicht lange blieben, sondern erst noch nach Arequipa weiterfuhren, packe ich die ersten Eindrücke von Cusco mit den letzten zusammen. Das wird ein spannender Mix. Später…
Jedenfalls nahmen wir den Bus – clever wie wir sind, war das einer, der die Nacht durch fuhr. Damit entfallen für Hin- und Rückfahrt die Hotelkosten. Und die Annehmlichkeiten auch. Wir nahmen den Cruz del Sur, der praktisch gleich um die Ecke nahe des Hotels sein Terminal hatte. Irgendwie hatte das ganze etwas von Flughafen: Wartebereich, Gepäckaufgabe und Kontrolle vor dem Einstieg. Ich schaute mir das genau bei dem Bus vor unserem an. Und dann fiel mir ein: Bustoiletten sind nicht immer die besten. Schnell noch hier auf’s Klo. Kurz: wäre ich lieber im Bus gegangen! Zuerst hing da ein Zettel von wegen Maintenance. Naja, in Spanisch, aber manchmal genügt mein Englisch, um zu verstehen. Ich wartete eine Weile und beim zweiten Anlauf war frei. Für größere Angelegenheiten – sagen wir: für große Lamas – gab es drei Kabinen. Alle nicht abschließbar. Ohne Brille. Ohne Klopapier. Hmmm…
Ich ging zur „Rezeption“, die hatte noch Reste einer Rolle parat. Ich marschierte triumphierend zurück. Es lief soweit gut, bis ich meine Hände waschen wollte. Ja, es gab Wasser. Pluspunkt! Aber keine Seife, keine Handtücher in der Halterung. Kein Problem, da hängt ja eines dieser modernen Gebläse. Hände drunter . . . nix. Hm, eventuell hab ich mich blöd angestellt. Ich nahm mehrere Anläufe aus unterschiedlichen Winkeln, mit Überraschungsmoment, mit Abwarten. Erfolglos. Ok, nach den vielen Versuchen sind die Hände sowieso trocken. Aber die Stirne klitschnass. Ich gab auf und setze mich wieder in den Wartebereich.

Embarque

Dann vorne an den Schaltern Unruhe. Einer in brauner Seguridad-Uniform und zwei vom Busunternehmen wurden rührig. Die Kofferwaage wurde angeworfen, der andere legte eine Liste auf ein Tischchen. Der von der Sicherheit stellte ein Stativ auf und schraubte eine Videokamera drauf. Ein größerer Tisch stand neben einer Absperrung auf dem Weg zum Ausgang Richtung Bus. Der blubberte sich schon vor der Türe warm, als sich der Himmel gerade in starkem Regen ergoss.
Wir hatten kein Gepäck abzugeben. Bleibt alles schön bei mir! Also gleich durch den CheckIn. Das heißt, Rucksack und Fototasche auf den Tisch. Der Uniformierte hatte einen Zauberstab in der Hand, den er eingeschaltet hatte. Damit scannte er mein Gepäck. Alles clean. Offenbar sucht er nur nach Waffen. Die hatte ich diesmal nicht dabei. Der Körper wurde auch gescannt und dann ab in den Bus. Stopp, erst noch in die Kamera guggen. Weiter.

Endlich mal beim Fahren schlafen

Es war ein Doppeldecker, und Günther hat uns die ersten beiden Plätze oben gebucht. Toll – freie Sicht die ganze Fahrt über. Eine Sternschnuppe nach der anderen erwartete uns. Ich wurde zappelig – wann geht’s los? Südamerikanisch pünktlich um 15 Minuten später. Der Bus schob sich vom Hof und bog in die Straße ein. Es war bereits Nacht. Der Seguridad-Mensch raste durch den Bus mit der Kamera nochmal. „Excuse me, poor favor“. Bevor du „NO!“ sagen konntest, war er weg. Jemand vom Staff kam und zog uns die Vorhänge zu. Die müssen während der Fahrt geschlossen bleiben! 😳😤
Ich war schon stinkig. Zum Trost gab es dann Abendessen, während wir in den riesigen Sitzen sanft geschaukelt wurden. Für die Füße gab es eine Ablage, Sitze 💺 konnte man nach hinten kippen. Bequem und butterweich. Ein flauschige blaue Decke – nein, kein Alpaka – zum Zudecken war auch dabei. Das Essen war unspektakulär, wie vom Flugzeug gewohnt. Nur haben die hübschere Stewardessen. Wir wurden von einem jungen Mann bedient, den wir immer nur ganz kurz sahen und nicht nett säuselte, was wir denn wünschen. Egal, wir sollen ja schlafen.
Der Regen trommelte an die Scheiben. Drunten beim Fahrer quietschten die Scheibenwischer. Es wurden die Lichter gelöscht, Ruhe kehrte ein. Immer wieder blitzen vom entgegenkommenden Verkehr die Lichter in mein Schlafgemach. Ich nahm die Umgebungsgeräusche wahr. Einer brummte schlafend vor sich hin, irgendwo bläkte ein Kind. Die Eltern war chancenlos. Ich warte vergeblich auf das erlösende „Klatsch!“.

Insomnia

Ich versuchte zu schlafen. Da fingen meine Beine an zu spinnen. „Wir wollen laufen!“ – „Ruhe da unten, ich will schlafen!“ Es war zum Verrücktwerden. Die Müdigkeit da, der Kopf schwer, Hirn schon aus, Arme, Herzfrequenz, Magen-Darm-Aktivitäten – alles runtergefahren. Nur die Beine spielten verrückt. Viel Alternativen bot der Platz nicht. Ausstrecken auf die Ablage unterm Fenster brachte nix, drehen nach links, nach rechts. Nix. Fußablage einklappen – auch nix. Ich probierte die ganze Nacht mehrere Optionen durch. Zum Glück waren die beiden Plätze rechts frei. Günther verzog sich dort hin. Nun hatte ich 2 Plätze. Yeah! Damit potenzierten sich meine Optionen. Vielleicht konnte ich mich so die ganze Nacht beschäftigen?
Wie sieht es mit quer über beide Sitze aus? Lehne hochgeklappt und Test. Hm, Kopf gegen das nasskalte Fenster – ekelig. Andersrum? Tatsächlich schien ich kurz weggetreten. Aber nur kurz, wie mir die Uhr verriet. Blödes Handy! Jetzt tat mir der Rücken weh, der sich gegen die Armlehne pressen musste. Wie ist es mit diagonal? Die Füße wieder: „Wir wollen laufen!!!“ – „Ich säg euch beide gleich ab!“ Mein Tonfall wurde zunehmend gereizter. Vielleicht sind wir ja schon bald da. Ja toll! Nicht mal die Hälfte geschafft. Mir gut zuredend fischte ich den iPod aus der Tasche. Guter Junge, hast echt was gedacht. Ich drücke auf den Einschalter. Nichts tut sich . . . Echt jetzt? Stimmt, das Teil hatte ich vor Wochen zuletzt geladen. Nie benutzt. Danke!
Ich hole das iPad hervor. Versuche zu lesen. Nach zwei Seiten fällt dem ganzen Körper auf, dass er müde ist. Lesen ist nich. Ich spähe am Vorhang vorbei nach draußen. Regen und Autos. So weit das Auge reicht, und das ist wirklich nicht weit. Die Decke gibt nicht mehr genug warm. Ich zupfe und zerre in der Dunkelheit. Da beginnt es zu dämmern. Ob ich nun wirklich noch etwas geschlafen hab, oder nicht – keine Ahnung. Wenn ja, woher soll ich das wissen, ich hab ja geschlafen?!
Es dämmert. Ich greife zur Flasche. Nehm einen kräftigen Schluck Wasser. Richte mich auf. Ah, die Beine hab ich drangelassen. Das beruhigt. Ich spüre leichte Halsschmerzen, nehm eine Ibuprofen. Ob das was bringt, keine Ahnung. Ich hab keine anderen Tabletten.

Die Anden

Vorsichtig ziehe ich den Vorhang etwas zur Seite – so dass es der Kollege vom Fahrer nicht merkt. Nehme ein Taschentuch und wische die dicke Schicht Wasser ab. Immer wieder. Dann beobachte ich die Landschaft – wie sich die Straße endlos durch sanfte grüne Hügel windet. Sind wir in Schottland? Bilder davon kommen hoch. Es wachsen kleine Büsche auf den Hängen, Felsen liegen in endloser Zahl dazwischen herum. Mehr und mehr mischen sich hohe Kakteen darunter. Die Hügel werden steiler, während immer mehr fette LKW vorbeibrummen. Die Landschaft wird rauher, die Felsen größer. Die Straße ist jetzt fast durchgehend in den Felsen gebrochen. Die Kakteen mehren sich. Auf den großen Felsbrocken steht in größeren Abständen PROB PRIV. Das steht für probriedad privada, also Privatbesitz. Die ersten Stromleitungen stehen in der Landschaft herum und führen irgendwo hin.
Eine große Fabrik taucht auf, während sich die Sonne hinter einem Berg hervorwagt. Ganz vorsichtig, um nicht das Elend zu radikal zu entblößen, das sich nun bald unserem Auge bietet. Wir gelangen an die ersten Behausungen vor Arequipa. Krumme halbhohe Mauern grenzen kleine Hütten ein. Ich denke, dass das irgendwelche Lager für Materialien sind. Da laufen Leute herum, barfuß, zerlumpt, schwer bepackt. Frauen, Kinder. Hunde dazwischen in großer Zahl. Erdstraßen, schlammige Wege. Dahinter ein riesiger Berg, saftig grün, weich gemustert mit Streifen. Es sind die ersten Siedlungen. Das wird mir da klar, als ich ein Firmenschild einer Telefongesellschaft erkenne. Der Straßenrand wird lebhafter, geschäftig. Einzelne Wohnquadrate sind durch sehr breite Erdstraßen, braun und von Gräben durchzogen, durch die der letzte Regen die Gebiete verliess, getrennt. Vereinzelt laufen hier Menschen, wirken auf diesen Straßen verloren. Beherrschend auch hier der Hund. Teilweise in Rudel streifen sie frei umher.
Die Häuser werden langsam besser, bekommen Fassade und Gesicht. Farbe. Es stehen Autos davor, klapprig und alt. Es fehlen Türen, Scheinwerfer. Aber sie fahren. Menschen sitzen in Gruppen zusammen, geschäftig, machen Erledigungen. Die erste Tankstelle ist zu sehen, während die Sonne nun endgültig erscheint und den Blick auf schneebedeckte schroffe Berge freigibt. Die Vulkane um Arequipa. Ich sehe eine Familie am Zaun stehen – sie beobachten den Sonnenaufgang. Der Misti, einer der Vulkane, thront hier mächtig. So langsam sieht es nach Stadt aus. Stromleitungen, „normale“ Autos, Läden, Geschäfte, Stadtbusse, falls es die gibt. Taxis in großer Zahl – kleine Autos mit Werbetafel statt dem Taxischild. Die wirken wuselig und die Marke ist mir fremd.

Arequipa

Der Bus irrt durch die Straßen kreuz und quer und fährt schliesslich in einen großen Hof, auf dem viele andere Busse schon stehen. Wir steigen aus, laufen in das Terminal. Hier ist reger Betrieb. Alles rennt durcheinander. Läden reihen sich an Läden. Unser nächstes Ziel ist die Tourist Information. Danach mit dem Taxi zum Hotel. Alles geht sehr schnell. Der Taxifahrer redet nichts, wir schweigen. Ich kämpfe noch mit den Bildern der Vorstadt, muss schwer schlucken. Das muss ich erst mal verdauen, will ich Arequipa geniessen.

Holá Peru 🇵🇪

Die Ausreise aus Paraguay lief so glatt, als wollte man uns loswerden. Eine gemütliche Taxifahrt, freundliches CheckIn und ich bekam meinen Ausreisestempel. Das Flugzeug nach Lima war nicht voll besetzt, und so setzte ich mich ans Fenster. Schaute runter auf die Landschaft, die in saftigem Grün unter uns vorbeizog, langsam brauner wurde, felsiger und von flach nach hügelig sich zu bergig änderte. Zuerst war es ein sich schlängelnder Fluss – braun wie Milchkaffee -, der aus einer langgezogenen Kette kam. Nach der Kette ein Tal, danach noch eine Kette. Der Fluss querte beide Ketten in Schlangenlinien, als würde ihn Berge nicht interessieren. Entlang des Tals dazwischen, flossen wiederum hellbraune Flüsse in diesen großen Fluss, sodass eine Art Kreuz entstand.

Die Berge wurden höher, teils weiß bedeckt. Die Wolken verdichteten sich, sodass nur noch vereinzelt verschneite Kuppen herausstanden. Bis auf einmal der Pazifik sichtbar wurde – wie eine große blaue Platte, ohne Schaumkronen. Wir kurvten raus auf’s Meer und nahmen Anlauf auf Lima, flogen entlang der Küsten und ich konnte sehen, wie das Land braun ist, schnell ins Landesinnere zu Hügel und Bergen anstieg und sich dort im Dunst verlor. Braune Gebäude wie Legosteine übereinander getürmt zogen vorbei. Industrielle Anlagen konnte ich noch sehen, da landeten wir auch schon. Raus aus dem Flieger erwartete uns eine warme Luft. Das Hemd, das ich sicherheitshalber angezogen hatte, wollte ich wieder loswerden. Aufgeknöpft, Ärmel hoch!

nach Cusco

In dem netten aufgeräumten Flughafen begann nun eine kleine umständliche Prozedur, da wir ins Land einreisten, aber wieder komplett neu einchecken mussten für den Inlandsflug nach Cusco. Als wir uns durchgekämpft hatten, setzten wir uns in einen leicht überfüllten Bereich mit mehreren Schnellrestaurants. Papa John’s hatte Pizzen für uns und das nette Mädel sprach Englisch. Das Essen war nix besonderes, also konnte man sich getrost umschauen in diesem Gewusel. Hier sind die Besucher doch ganz anders wie noch zuvor in Asuncion. Deutlich mehr Touristen in Funktionskleidern und hohen Türmen von Rucksack, Schlafsack und weiteren Säcken auf dem Rücken. Als klare Fans des Landes tragen sie manchmal landestypische Mützen, vermutlich aus Alpaka.
Ein letzter Check noch, dann sitzen wir am Gate 11 in der Abflughalle. Hier können wir nochmals unsere Handys laden . . . Huawei sei dank! Gekrümmte Monitore zeigen Sehenswürdigkeiten dieser Welt. Neckarsulm ist nicht dabei . . . warum nur? Nach etwas Gedöse sind wir auch schon wieder im Flugzeug. Ich sitze in der dritten Reihe am Gang. Neben mir ein dunkelhäutiges Ehepaar. Ich denke, es sind Amerikaner und spreche sie auf englisch an. Aber es kommt nichts an. Die deutlich spanische Antwort lässt keinen Zweifel… die sprechen kein Englisch. „Hablar ingles?“ – Kopfschütteln.
Die beiden sind sichtlich nervös. Beide so einiges über 60. Er sitzt am Fenster und ist klar der aufgeregtere. Sie sitzt zwischen uns als Sicherheitspuffer für mich und verändert ihre Position nicht einmal während des Fluges. Ihr fülliger Körper erlaubt es ihr, die Handtasche zwischen sich und dem Sitz davor zu klemmen und ihren nervösen Gatten ständig mit dem dringend benötigten Handy zu bedienen. Denn er sitzt am Fenster und muss die Bilder machen. Dabei ist er aber den kompletten Flug ständig aus dem Häuschen. Andauernd tuscheln sie, reden etwas. Der Griff geht in die Handtasche, Entsperrzeremonie, Knipsen.
Manchmal nimmt er Blickkontakt mit mir auf, wenn es besonders aufregend wird und seine Frau alleine das nicht kompensieren kann. Ich lächle bestätigend und aufmunternd zu, Daumen hoch und helfe beim Rausguggen. Dabei seh ich fast nichts. Außer dass es total grün ist draußen. Ich denke: Wow, totale Schräglage. Mein Blick geht zum Fenster rechts: da ist es genauso grün. Ähem, was ist da los? Ich brauche ein paar Sekunden um zu verstehen, dass wir zwischen Hügel hindurchfliegen. Auf den stehen kleine weiße Häuschen, wie eine Herde Alpaka auf dem Weg zum Gipfel. Jetzt fliegen wir eine Kurve und je schräger die Lage, desto mehr erkenne ich, dass diese Häuser richtig viele werden, je weiter unten sie am Hügel stehen. Wir schwenken in die andere Richtung. Die grünen Hügel drängen sich näher, es fühlt sich an wie ein Unglück. Aber es ist der ganz normale Landeanflug auf Cusco. 😉

A warm welcome to Cuzco

Hier hat man Stil: mit traditionellen Klängen unterlegt scheppern Lautsprecher am Gepäckband ein herzliches Willkommen in Spanisch und Englisch. Meinen Koffer lockt das nicht. Der läßt auf sich warten, während alle schon freudestrahlend zu den Taxis laufen. Günther filmt, während ich nervös warte. Da spielen sie doch tatsächlich El Condor Pasa, was mein Koffer wohl als El Koffer Pasa interpretiert – wir beherrschen kein Spanisch – und er stolpert, sehnsüchtig zu mir schielend, vom Band. Dabei bricht er sich ein Bein, also ein Rädchen. Jetzt passt er endgültig zu mir! Jetzt haben wir beide ein Rad ab. Ich repariere notdürftig und hab jetzt ein Argument, den Kofferträgern gar nicht mehr zu trauen. Selbst ist der Mann und wir schleppen unsere Koffer ins Freie. Die Taxifahrer reden in einem Schwall auf uns ein. Aber ich kann sie nicht hören . . . bin ergriffen von der überwältigenden Umgebung. Ringsum riesige, wohlgeformte Hügel, wie aus einem Kitschmalbuch. Linien ziehen sich durch die grüne Landschaft, Häuschen bilden kleine Punkte, als hätte ein Pointillist gemalt. Irgendwann lassen wir uns von einem Taxifahrer mitschleppen, aber nur, weil er ein Alpakafell auf seiner Ablage hat. Für ein paar Soles – 15, um genau zu sein, was ca. 4,34 € entspricht (für 4 km) – kurvt er uns exakt vor das schnuckelige Hotel. Ich mag es sofort. Es liegt zwar an einer viel befahrenen Straße, aber es ist so schön klein und unauffällig. Aber davon später mehr. Wir müssen uns erst mal ausruhen . . .