Take the long way home

Von Anfang an begegneten sie uns überall. Während sie in Deutschland brav am Flughafen, Bahnhof oder vor dem Hotel warten, machen sie ab Paraguay Jagd auf dich – die Taxis.
Kaum bist du aus dem Flieger, erwischen sie dich, noch bevor du deinen Koffer hast. „Taxi, Taxi!“ schallt es von allen Seiten. Billige Ausreden wie: „Otra dia!“ lassen sie nicht gelten.
Oder auf der Straße – da wirst du von ihnen beinahe überfahren, so jagen sie dich! Du kannst dich verkleiden, so gut du willst. Sie finden und erkennen dich. Und fahren dich über den Haufen, wenn du nicht sofort einsteigst. In Paraguay sind sie ja noch gut getarnt, kaum zu unterscheiden von den anderen Fahrzeugen. War es in Peru schon etwas besser – die Taxis hatte etwas deutlichere Schilder und hupen dich an – konnte man sie in Argentinien schon zweifelsfrei erkennen. Sie sind schwarz, haben ein grünes Dach und sogar ein Lichtsignal an der Frontscheibe: LIBRE in grün für ein freies Taxi.
Genau so eines suchten wir, nachdem wir aus dem Hotel in Buenos Aires ausgecheckt hatten. Normal kein Problem, machen die doch fast 50% des Straßenverkehrs aus. Einfach an den Straßenrand stellen . . . und wenn so ein Gefährt in Sicht kommt, winken. Also ganz einfach. Nur – es war kaum eines zu sehen. Standen wir ungünstig? Die paar Taxis, die wir sahen, waren alle besetzt. Gekonnt fuhren sie an uns vorbei. Wir winkten, wedelten, sprangen auf die Fahrbahn. Keine Chance: die Straße hatte gut 4 Spuren und sie fuhren einfach in der Mitte.
Endlich hielt einer an und marschierte an uns vorbei. Wir wagten ihn anzusprechen, weil wir doch dringend zum Flughafen wollten. Nein, desculpa, ich muss hier nur mal auf Toilette! Weg war er . . . Gibt’s das? Dann wieder ein. Wir rissen schon die Türen auf. „Kann man bei ihnen auch mit Kreditkarte zahlen?“ – „Pesos“ – „oder mit Dollars?“ – „Pesos!!!“. Für die paar lausigen Pesos die wir noch hatten, hätte er uns spätestens auf der Mitte der Avenida rausgeschmissen. Also nix! Schon braust er davon.
Es dauert eine ganze Weile, bis endlich wieder einer hält. Wir fragen ganz vorsichtig . . . Dollars? „Siiiiii“ – wir trauen unseren Ohren kaum und verstauen die Koffer schnell und werfen uns ins Fahrzeug. Schnurstracks geht es raus zum Flughafen unten am Meer, das platt und ruhig da liegt, als wäre es die Rollbahn. Wir bezahlen tatsächlich in Dollar und bekommen jede Menge Pesos raus. Soviel, dass wir damit wieder in die Stadt fahren könnten. Zu spät, denn jetzt müssen wir auf den Flieger Richtung Heimat.

Aeroparque

Hm, um genau zu sein, erst mal nach Cordoba. Das liegt auch in Argentinien. Dort haben wir dann 3 Stunden Layover, also Zeit, auf den Anschlussflug zu warten. Wir überlegen, was wir in den 3 Stunden machen, während unsere Koffer schon auf dem Band verschwinden. Erst mal müssen wir aber hier warten. Und warten. Wir warten schon lange. Viel zu lange. Am Gate treibt sich Personal rum, die aber ungern Auskunft geben. „Bitte bleiben sie sitzen. Sie werden aufgerufen!“.
Das Flugzeug sollte schon 10 Minuten in der Luft sein. Da ist es schwer, einfach zu warten, bis man aufgerufen wird. Ständig kontrollieren wir die Anzeigetafeln: Gate 11. Und an Gate 11 steht BUENOS AIRES – ON TIME. Nur dass die Time schon abgelaufen war.
Wir reden uns mehrfach ein, dass schon alles ok ist. Was nicht stimmt. Die Uhr läßt uns die 3 Stunden Wartezeit in Cordoba schmelzen. Ok, 2 Stunden genügen auch noch. Hm, 1,5 Stunden werden knapp. Endlich läßt man uns an Bord! Wir schnallen uns an und signalisieren unsere Bereitschaft, sofort abzuheben – schliesslich wollen wir in Cordoba ja mindest einen Kaffee trinken. Die Pesos hätten wir ja.
Aber dann wird das Flugzeug erst mal betankt. Ja, so ein Abflug kommt eben immer etwas überraschend. 😉
Als wir schliesslich mit 1,5 Stunden Verspätung abfliegen, entspannen wir uns langsam. Es gibt einen leckeren Rotwein an Bord und ich schlummere sanft vor mich hin.

Cordoba

Schon landen wir in einem kleinen – einem sehr kleinen – Flughafen. Flugplatz wäre ungerecht, dazu ist er doch etwas zu groß. Das Innere der Halle überrascht mich – leer, sauber und aufgeräumt. Schnell gugg ich auf meiner App, ob wir nicht versehentlich in der Schweiz gelandet sind . . . nein, es ist definitiv Cordoba. Das Cordoba in Argentinien. Irgendetwas stimmt hier nicht. Aber wir freuen uns über diesen Flughafen und gehen direkt zum Kaffee über. 3 Stunden wären hier bestimmt nett gewesen. Von der Kaffeebar aus sehe ich, wie ein Mädchen Ausdruckstänze zu Klaviermusik vorführt, während sie von 2 Leuten gefilmt wird. Nett!
Der Kaffee ist flughafentypisch so teuer, dass die Pesos fast wieder weg sind. Auch gut! Das kann mich schon mal nicht mehr belasten. Die Pause hat gut getan und ist auch schnell vorbei. Ein bisschen Internet hat die Zeit schnell überbrückt. Ruckzuck sitzen wir im Flugzeug Richtung Heimat. Richtung – nicht nach Hause! Richtung heißt, nach Brasilien, São Paulo. Dort Zwischenstopp von fast 2 Stunden. Und diesmal sind wir richtig pünktlich. Naja, bei dem ordentlichen Flughafen nicht anders zu erwarten.

São Paulo

Auf dem Flug nach Brasilien passiert nichts späktakuläres. Unten die Landschaft, oben der Himmel. Dazwischen wir, lesend, trinkend, schlummernd oder aus dem Fenster starrend. Südamerika zieht vorrüber, als zöge jemand die Landkarte unter mir weg. Adios ihr Anden, adios ihr Mango, Papaya, Guave und Alpaka. Es keimt Freude auf zuhause auf.
Der Flughafen in São Paulo ist so riesig, dass die Zeit exakt reicht, um rechtzeitig zum Boarding am Gate zu sein. Das Warten findet im Stehen statt. Eine riesige Boing wartet auf uns und entsprechend auch der Andrang. Irgendwann sitzen wir eingekeilt in der mittleren Viererreihe in den beiden Mittelsitzen. Ein Traum! Nicht!
Kurzer Check mit dem iPad – ich kann hier definitiv das Ding nicht aufbauen: Ablage zu kurz, Schreibposition erlaubt kein Ausklappen der Ellbogen. iPad ist gestrichen. Dafür wartet vor mir ein Display mit Spielen auf mich. An Bord gibt es auch noch ein Abendessen und später ein Frühstück. Dazwischen versuch ich zu schlafen. Günther tauscht mit seinem Nebensitzer aus logistischen Gründen der Platz und ich sitze wach neben 2 Siebenschläfern. Wie machen die das?
Irgendwann kippe ich nach vorne und lege meine Stirn auf den Vordersitz ab. Und schlafe ein! Sofort! Eine neue Position entdeckt. Genial. Allerdings nix für dauerhaft. Trotzdem gelingt es mir, hier und da zu schlafen und ein gewisses Pensum zu erreichen. 12 Stunden geht das so. Und ich muss nicht auf Toilette. Darüber triumphiere ich noch, als wir schon zum Sinkflug ansetzen. Die Anschnallzeichen leuchten auf, Toiletten sind tabu. Da rumpelt es in mir. Und ich schaff es nicht bis zur Landung. Definitiv. Ich stolpere hinter zum freundlichen Steward und bekomme die Erlaubnis zu tun, was ich tun muss. Allerdings ist schon alles abgeschaltet und verräumt. Reden wir nicht darüber. Die Gesundheit geht vor.

Steward

Übrigens der Steward. Der war der Knaller. Ein etwa 40jähriger Brasilianer, vor ein paar Tagen das letzte Mal rasiert. Groß, kräftig und immer zu Scherzen aufgelegt. Für jeden hatte er einen Spruch parat und wechselte ein paar nette Worte. Vorzugsweise in dessen Sprache, wenn er sie rausbekommen hatte. Irgendwo saß ein Russe und er hatte ein paar Brocken für den. Für den Inder hinter mir auch. Mich nahm er auch auf die Schippe und ich freute mich über so viel Aufmerksamkeit. Bitte liebe Fluggesellschaften: nur noch solche Leute und schickt die bei dem in die Schule!

Frankfurt

Hey, das war schon der letzte Flug. Über einen Tunnel geht es in die Verliese des Frankfurter Flughafens. Schon wieder interessiert sich jemand für meinen Pass. Für mein Gepäck. Das zieht sich wie Kaugummi. Hunderte von Fingerabdrücken zieren wahrscheinlich schon den Ausweis. Endlich, endlich bekomme ich meinen Koffer wieder. Aber oh weh, in welchem Zustand. Das Rad ist wieder ab. Aber diesmal endgültig. Keiner hat es mit auf’s Band gelegt oder an den Koffer geklebt. Ein Glück sind wir schon fast daheim.
Ich eiere mit dem Dreirad nach draußen zum Fernbahnhof, der glücklicherweise im selben Gebäude liegt. Über die Bahnfahrt gibt es nicht viel zu schreiben – ja, wir mussten auch hier 2 mal umsteigen: in Heidelberg vom ICE auf die S-Bahn und in Mannheim auf eine andere S-Bahn. Die Landschaft draußen wurde vertrauter und schliesslich kam wir sogar in Aglasterhausen an. Der vetraute Geruch ländlicher Luft, sanfte grüne Hügel und Menschen zu sehen, auf die man sich freut. Zuhause!

Buenos Aires

In Buenos Aires landeten wir nach einem ereignislosen Flug von Cusco über Lima. Peru stempelte ein „hasta la vista“ in den Pass und weg waren wir. Die Temperaturen hätten unterschiedlicher kaum sein können. Bei ca. 6 Grad verließen wir Cusco und kamen bei über 30 Grad in Buenos Aires an. Das Taxi kutschierte uns in das Zentrum von Buenos Aires durch eine Stadt, die an Europa erinnerte. Breite bequeme Straßen genossen wir in einem sauberen Chevrolet-Taxi. Übrigens sind die Taxi hier einheitlich gefärbt, schwarz mit grünem Dach. Das erste Mal in Südamerika, dass ich das sehe.
Am Straßenrand vertraute Bilder: es ist Sonntag und die Leute vergnügen sich im Park. Rechts und links der Straße ziehen sie sich entlang mit schönen ausladenden Bäumen. Menschen grillen, spielen und dösen in der Sonne. Die Bäume stehen zum großen Teil in Blüte. Ich denke spontan: du bist hier in der Akklimatisierungsschleuse nach Europa. Ein gutes Gefühl!
Die enge Sträßchen und hohen Häuser im Zentrum fallen sofort auf. Auch dass hier Fußgängerzone ist. Die letzten Meter ins Hotel mussten wir laufen.

Hotel El Cabildo

Den Eingang zum Hotel verpassten wir zuerst einmal. Der ist so schmal, da ist der Hauseingang zuhause breiter. Der extrem schmale Flur – hier passe ich gerade samt Koffer hin, vorbei kann einer nur per Saldo über mich drüber – wird durch einen vollflächigen Spiegel künstlich verbreitert. Links windet sich eine Treppe nach oben. Geradeaus am Ende des Ganges ein kleiner Schreibtisch mit einem Herrn mit gebügelter Hose, gestreiftem Hemd, Krawatte, Brille und verbindlichem Lächeln. Unser Zimmer ist im ersten Stock. Davor ein Wasserspender mit kaltem und heißem Wasser. Ich juble innerlich – der Wasservorrat ist gesichert.

Cambio

Das kleine Zimmer hat eine Pritsche für mich. Das reicht. Raus auf die Straße! Das Trillern und Hupen, das noch aus Peru nachhallt, ist hier nicht mehr zu hören. Dafür schallt es alle paar Meter „Cambio!“ – „Cambio, Cambio, Cambio; Dolares, Euro!“ Menschen in Zivil stehen auf der Straße herum und bieten Geldwechsel – Cambio – an. Irgendwann muss ich mal tatsächlich Geld tauschen, 10 Dollar gegen . . . ja, gegen wieviel eigentlich? Ich schnappe meine UmrechnungsApp – die sagt, 154 Peso sollte ich bekommen. Tatsächlich bekomme ich 150 von einem Büro, in das uns der Typ schleppt. Ich bin damit zufrieden.
Bei einer anderen Gelegenheit will ich nochmals wechseln. Auf einmal sind die Typen nicht mehr zu finden. Endlich haben wir einen. Der will mir nur 120 dafür geben und reißt mir die 10 Dollar beinahe aus der Hand. Ich bin nicht einverstanden! Da beginnt er zu schimpfen und sich mit einem Geldschein symbolisch den Hintern zu putzen. Ich denke nicht, dass er der richtige ist. Kurz danach der nächste. Der will mir nur 100 geben. Der Kurs stürzt. Egal, so nicht!
Dann kommt uns die glorreiche Idee, 2 Flaschen Wasser zu erstehen, mit den 10 Dollar zu bezahlen und uns den Rest in Peso auszahlen zu lassen. Das war der bisher beste Kurs!
In dem Laden erkennt uns ein Argentinier mit riesigen Muskeln – noch größer als meine – als Deutsche. Über seinem grellen gelben T-Shirt erstrahlt ein breites Grinsen. Auch seine blonde Frau freut sich sichtlich. Er wirft mit ein paar Brocken Deutsch um sich: „Willkommen in Argentina!“, „Wie geht’s?“ Und „Dankeschön“. Dabei freut er sich tierisch. Auf der Straße begegnen wir den beiden wieder. Ich sehe, dass er auf dem Nacken „Gott mit uns“ tätowiert hatte. Auf der Wade den deutschen Reichsadler. Den Spruch fand er toll, weil es um „dios“ (Gott) geht. Ahja!

Stadtbesichtigung

In den 2 Tagen, die wir hier verbringen, besichtigen wir die vier Hafenbecken von Puerto Madera und den Stadtteil La Boca, ein besonders bunter Stadtteil. Die vielen Kilometer, die wir dabei zu Fuß zurücklegen, beweisen, dass das eine riesige Stadt ist und wir nur daran schnuppern. Die Sonne scheint nicht so unbarmherzig und die Stadt Buenos Aires macht ihrem Namen dadurch alle Ehre, dass ständig ein recht starkes Lüftchen weht.

Die Hafenbecken sind riesig lang und es ist nicht sehr viel Betrieb. Yachten liegen im Hafen, in den Restaurants und Cafės treiben sich Menschen rum, im europäischen Stil – sag ich jetzt als Europäer – gekleidet. Radfahrer, Jogger und Skater düsen vorbei. Es ist eine gute Stimmung zum Laufen, Flanieren. Riesige Kräne zeugen davon, dass hier mal früher Frachten verladen wurden. 2 Kräne tragen die Aufschrift VEB Eberswalde – die alte DDR läßt grüßen.
Immer wieder kommen Flugzeuge rein, da in der Nähe ein Flughafen direkt am Meer liegt – der Aeroparque, von dem aus wir unseren Rückflug antreten werden. Die Flieger scheinen durch die hohen Bürogebäude hindurchzufliegen, was ich unbedingt fotografieren muss. Wir kommen an eine große weiße Brücke, die offensichtlich schwenkbar ist. Sie sieht mit ihren vielen Seilen zwischen einem langen schräg aufragenden Pfosten und dem Fußweg wie eine riesige Harfe aus.
Erwähnenswert ist sicher auch das Casa Rosada. Das ist der argentinische Präsidentenpalast am Plaza de Mayo. Evita Péron fällt mir ein und in meinem Kopf singt Madonna „Don’t Cry For Me, Argentina“. Jede Zufahrt ist mit dicken Metallblockaden massiv versperrt, in denen ein kleiner Durchlass gelassen wurde. Schwer gepanzerte Polizeifahrzeuge überall zeugen von Schwierigkeiten. Hier ist es nicht gemütlich. Schnell weiter.

La Boca

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p dir=“ltr“>Ein Taxi kutschiert uns raus nach La Boca. Kaum sind wir aus dem Taxi raus, sehen wir Unmengen an Menschen vor uns. Lästige Touristen wie wir. Hier wird das Fotografieren und Filmen extrem schwer. Denn das tun hier fast alle. Der Rest wird verführt vom Speise- und Kitschangebot – Souvenirs so weit man sehen kann. Das ist nicht sehr weit bei den engen Gässchen. Aber die sehr bunten Häuschen in knalligen Farben locken uns alle an wie die Fliegen. Wir winden uns einen Weg durch die Massen. Man kann sich hier mit einer spärlich bekleideten Tangotänzerin so knispen lassen, dass es aussieht, als könne man tanzen. Ich widerstehe dem Fake und umtänzle die 4-5 Station gekonnt. Wenn ich mich etwas abseits halte, kann ich sogar fotografieren und hab keine Menschen drauf. Keine Verkaufsstände mit x Gemälde, groß und klein. In einer Seitenstraße, eher einem kleinen Fußweg zwischen Gebäuden und Gleisen, werden tonnenweise Fleischbrocken auf einen ächzenden Grill geworfen. Der Rauch steigt auf und verströmt einen lockenden Duft. Irgendwann werden uns die Menschen zu viel und wir lassen uns vom Taxi zurück in die Stadt bringen. Das vertraute „Cambio!“ wirkt geradezu beruhigend nach dem Gedränge und Geschubse. Zeit, hier nach etwas Essbarem zu suchen . . .

Holá Peru 🇵🇪

Die Ausreise aus Paraguay lief so glatt, als wollte man uns loswerden. Eine gemütliche Taxifahrt, freundliches CheckIn und ich bekam meinen Ausreisestempel. Das Flugzeug nach Lima war nicht voll besetzt, und so setzte ich mich ans Fenster. Schaute runter auf die Landschaft, die in saftigem Grün unter uns vorbeizog, langsam brauner wurde, felsiger und von flach nach hügelig sich zu bergig änderte. Zuerst war es ein sich schlängelnder Fluss – braun wie Milchkaffee -, der aus einer langgezogenen Kette kam. Nach der Kette ein Tal, danach noch eine Kette. Der Fluss querte beide Ketten in Schlangenlinien, als würde ihn Berge nicht interessieren. Entlang des Tals dazwischen, flossen wiederum hellbraune Flüsse in diesen großen Fluss, sodass eine Art Kreuz entstand.

Die Berge wurden höher, teils weiß bedeckt. Die Wolken verdichteten sich, sodass nur noch vereinzelt verschneite Kuppen herausstanden. Bis auf einmal der Pazifik sichtbar wurde – wie eine große blaue Platte, ohne Schaumkronen. Wir kurvten raus auf’s Meer und nahmen Anlauf auf Lima, flogen entlang der Küsten und ich konnte sehen, wie das Land braun ist, schnell ins Landesinnere zu Hügel und Bergen anstieg und sich dort im Dunst verlor. Braune Gebäude wie Legosteine übereinander getürmt zogen vorbei. Industrielle Anlagen konnte ich noch sehen, da landeten wir auch schon. Raus aus dem Flieger erwartete uns eine warme Luft. Das Hemd, das ich sicherheitshalber angezogen hatte, wollte ich wieder loswerden. Aufgeknöpft, Ärmel hoch!

nach Cusco

In dem netten aufgeräumten Flughafen begann nun eine kleine umständliche Prozedur, da wir ins Land einreisten, aber wieder komplett neu einchecken mussten für den Inlandsflug nach Cusco. Als wir uns durchgekämpft hatten, setzten wir uns in einen leicht überfüllten Bereich mit mehreren Schnellrestaurants. Papa John’s hatte Pizzen für uns und das nette Mädel sprach Englisch. Das Essen war nix besonderes, also konnte man sich getrost umschauen in diesem Gewusel. Hier sind die Besucher doch ganz anders wie noch zuvor in Asuncion. Deutlich mehr Touristen in Funktionskleidern und hohen Türmen von Rucksack, Schlafsack und weiteren Säcken auf dem Rücken. Als klare Fans des Landes tragen sie manchmal landestypische Mützen, vermutlich aus Alpaka.
Ein letzter Check noch, dann sitzen wir am Gate 11 in der Abflughalle. Hier können wir nochmals unsere Handys laden . . . Huawei sei dank! Gekrümmte Monitore zeigen Sehenswürdigkeiten dieser Welt. Neckarsulm ist nicht dabei . . . warum nur? Nach etwas Gedöse sind wir auch schon wieder im Flugzeug. Ich sitze in der dritten Reihe am Gang. Neben mir ein dunkelhäutiges Ehepaar. Ich denke, es sind Amerikaner und spreche sie auf englisch an. Aber es kommt nichts an. Die deutlich spanische Antwort lässt keinen Zweifel… die sprechen kein Englisch. „Hablar ingles?“ – Kopfschütteln.
Die beiden sind sichtlich nervös. Beide so einiges über 60. Er sitzt am Fenster und ist klar der aufgeregtere. Sie sitzt zwischen uns als Sicherheitspuffer für mich und verändert ihre Position nicht einmal während des Fluges. Ihr fülliger Körper erlaubt es ihr, die Handtasche zwischen sich und dem Sitz davor zu klemmen und ihren nervösen Gatten ständig mit dem dringend benötigten Handy zu bedienen. Denn er sitzt am Fenster und muss die Bilder machen. Dabei ist er aber den kompletten Flug ständig aus dem Häuschen. Andauernd tuscheln sie, reden etwas. Der Griff geht in die Handtasche, Entsperrzeremonie, Knipsen.
Manchmal nimmt er Blickkontakt mit mir auf, wenn es besonders aufregend wird und seine Frau alleine das nicht kompensieren kann. Ich lächle bestätigend und aufmunternd zu, Daumen hoch und helfe beim Rausguggen. Dabei seh ich fast nichts. Außer dass es total grün ist draußen. Ich denke: Wow, totale Schräglage. Mein Blick geht zum Fenster rechts: da ist es genauso grün. Ähem, was ist da los? Ich brauche ein paar Sekunden um zu verstehen, dass wir zwischen Hügel hindurchfliegen. Auf den stehen kleine weiße Häuschen, wie eine Herde Alpaka auf dem Weg zum Gipfel. Jetzt fliegen wir eine Kurve und je schräger die Lage, desto mehr erkenne ich, dass diese Häuser richtig viele werden, je weiter unten sie am Hügel stehen. Wir schwenken in die andere Richtung. Die grünen Hügel drängen sich näher, es fühlt sich an wie ein Unglück. Aber es ist der ganz normale Landeanflug auf Cusco. 😉

A warm welcome to Cuzco

Hier hat man Stil: mit traditionellen Klängen unterlegt scheppern Lautsprecher am Gepäckband ein herzliches Willkommen in Spanisch und Englisch. Meinen Koffer lockt das nicht. Der läßt auf sich warten, während alle schon freudestrahlend zu den Taxis laufen. Günther filmt, während ich nervös warte. Da spielen sie doch tatsächlich El Condor Pasa, was mein Koffer wohl als El Koffer Pasa interpretiert – wir beherrschen kein Spanisch – und er stolpert, sehnsüchtig zu mir schielend, vom Band. Dabei bricht er sich ein Bein, also ein Rädchen. Jetzt passt er endgültig zu mir! Jetzt haben wir beide ein Rad ab. Ich repariere notdürftig und hab jetzt ein Argument, den Kofferträgern gar nicht mehr zu trauen. Selbst ist der Mann und wir schleppen unsere Koffer ins Freie. Die Taxifahrer reden in einem Schwall auf uns ein. Aber ich kann sie nicht hören . . . bin ergriffen von der überwältigenden Umgebung. Ringsum riesige, wohlgeformte Hügel, wie aus einem Kitschmalbuch. Linien ziehen sich durch die grüne Landschaft, Häuschen bilden kleine Punkte, als hätte ein Pointillist gemalt. Irgendwann lassen wir uns von einem Taxifahrer mitschleppen, aber nur, weil er ein Alpakafell auf seiner Ablage hat. Für ein paar Soles – 15, um genau zu sein, was ca. 4,34 € entspricht (für 4 km) – kurvt er uns exakt vor das schnuckelige Hotel. Ich mag es sofort. Es liegt zwar an einer viel befahrenen Straße, aber es ist so schön klein und unauffällig. Aber davon später mehr. Wir müssen uns erst mal ausruhen . . .