Eine Stadt in einer Stadt

Ist Arequipa im großen und ganzen von dem weißen Vulkangestein Sillar geprägt. Dieser Stein wurde zwar auch für die Klosteranlage Santa Catalina verwendet. Jedoch erhielt er einen farbigen Anstrich, der dieser Anlage das Gefühl verleiht, eine völlige andere Welt zu betreten.
Laufen wir einmal gemeinsam durch die Stadt in einer Stadt, eine kleine Ciudad. Wir nehmen uns eine nette Führung mit, die uns in dem Raum begegnet, in dem einst die Nonnen Besuch der Familie erhielten. Sichtkontakt war dabei kaum möglich durch das doppelte Holzgitter, wobei sich die Stäbe nicht überlagerten. In diesem beklemmenden Raum spricht uns die nette Dame in roter Jacke, schwarzer Hose und Sonnenbrille in gebrochenem Deutsch an. Dank ihr, erfahren wir sehr viele Details, die ich hier aber nicht wiederholen werde. Stattdessen atmen wir die Stimmung der kleinen Stadt ein.
Zu Beginn treten wir durch einen Bogen mit der Aufschrift SILENCIO. Das gilt nicht den Besuchern, sondern den Nonnen, die in diesem Bereich nicht reden durften. Eine tolle Idee, die sich auf andere Bereiche übertragen liesse.
Wir gelangen zuerst in den Trakt für die Novizinnen. Hier ist der ursprüngliche weiße Stein noch erhalten. Ein Baum prägt den Innenhof, von dem aus es in die Zimmer geht. Ein Wandelgang umgibt den Hof. Hier stehen vereinzelt Topfpflanzen, sehr fleischige Sukkulenten. Sträucher mit blau-gelben Blüten verströmen einen mir fremden Duft.

Alles in blau

Wir begeben uns in den Trakt für die Nonnen. Blaue Säulen, quadratisch und wuchtig, tragen den weißen Kreuzgang. Wobei einfache Bilder in wenigen leichten Farben von Säule zu Wand ländliche und natürliche Motive darstellen. Auch die abgehenden Räume tragen dieses satte Blau, das herrlich anzuschauen ist.
Es fällt auf, dass die Räume unterschiedlich groß sind. Wir erfahren auch den Grund dafür: der Geldbeutel der Eltern der jeweiligen Nonne entschied, wie groß ihr Raum war. Oder ob es eine getrennte Küche und andere Annehmlichkeiten gab. Auffällig auch, dass das Bett jeweils in einer Nische mit einem Bogen darüber stand. Dies diente der Nonne als Schutz vor den Erdbeben. Bei 10 Erdbeben am Tag, kommt auch mal ein stärkeres vor. Das Kloster hatte entsprechenden Erfahrungen, wie man an manchen Stellen sehen kann.

Spanische Straßen

Nun wechselt die Farbe zu einem warmen satten rot. Diese Farben werden übrigens natürlich hergestellt und färben ab.

Jetzt habe ich endgültig das Gefühl, in einem kleinen Städtchen gelandet zu sein. Straßen – benannt nach den spanischen Städten Cordova, Toledo, Sevilla, Burgos und Granada – führen entlang den Türen, die rechts und links der roten Wände abgehen. Davor sind Pflanzen, wie zum Beispiel Kakteen, gestellt und bilden einen wundervollen Kontrast. Die Straßen verlaufen nicht schnurgerade. So ergeben sich malerische Ecken und Nischen.

Lavanderia

Am Ende der Calle Toledo dann eine rätselhafte Konstruktion. 18 halbe Tongefäße unterschiedlicher Grüße liegen entlang einer schmalen wasserführenden Rinne. Das Wasser ergießt sich am Ende in eine steinerne Schale. Die Tongefäße haben riesige Ausmaße, teilweise kann man sich da locker reinlegen. Die offene Seite liegt nach oben, sodass sie wie Badewannen wirken. Es handelt sich um die Lavanderia – die Wäscherei. Mittels eines Steines konnte man Wasser aus der Rinne in eines der Gefäße umleiten und darin dann seine Kleider waschen. Also eine Art Open Air Waschsalon.
Die Calle Burgos hält eine nette Überraschung bereit – ein schöner gepflegter Garten mit einem riesigen Avocadobaum ist das erste, was man in dieser Straße sieht. Avocado. . . mmmhmm, davon hätte ich jetzt gern eine . . . 🤤

Misti?

Bevor wir auf die sehr breite Calle Granada gelangen, führt eine steile Treppe zwischen 2 Gebäude hindurch auf ein Dach. Von hier hätte man an klaren Tagen einen super Blick auf den Vulkan Misti. Heute sind nur Wolken und viel Nebel zu sehen.

Plaza Zocodober

Wir gehen die Treppe wieder runter und ich entdecke gegenüber eine kleine Türe. Ein Gärtner ist hier am wirken in einem kleinen Steingarten. Hier pausiere ich kurz und genieße den Anblick. Rechts dieser Türe weißblütige Blumen in einem Trog. Duften süßlich schwer. In einem Fenster steht eine riesige sukkulente Pflanze in einem Topf. Von hier geht eine breite Treppe zum Plaza Zocodober. Ein Brunnen mit hellgrünem Wasser steht hier im Zentrum und plätschert leise.
Diese Idylle und Ruhe endet jäh, als wir uns auf der Straße wiederfinden. Der übliche Lärm von Autos und deren Gehupe. Die Rücksichtlosigkeit, mit der hier Fußgänger auf Zebrastreifen behandelt werden. Man fragt sich, wozu die denn da sind. Aber was geschieht da? Ein uniformierter mit Sonnebrille und einem STOP-Schild – PARE – schreitet energisch ein und stoppt die Autos. Mit aller Deutlichkeit zwingt er die Fahrer, auf die Fußgängerüberwege zu achten. Kein Zweifel, der Mann ist mein Held des Tages. Ich zücke das iPhone, um ihn bei seiner Aktion zu fotografieren. Da dreht er sich zu mir, haut die Hacken lautstark zusammen, Handkante an die Schläfe und grinst breit. Woran hat er mich erkannt? Ach nein, er posiert für ein Foto. Ich knipse lachend und danke ihm per Handschlag . . . meinem Helden und Lebensretter.

Opti-Misti-sch

Bei der Anfahrt hatten wir ihn kurz für wenige Minuten nur gesehen. Blinzelnd gegen das aufsteigende Sonnenlicht. Und wußten doch nicht, dass er es war. Danach blieb er ein Mythos. Misti, der Haus- und Hofvulkan von Arequipa. Der Vulkan, der hier verehrt wird. Er ist mit 5822 Metern der kleine Bruder von Chachani – 6025 Meter – und der große von Pichu Pichu, 5664 Meter. So weit ganz nett, was man da so liest. Aber wo ist er? Bei einer Besichtigungstour gelangen wir auf eine Aussichtsplattform mit Panoramablick auf den Misti. Da sehen wir aber nur Wolken, grau und weiß. Egal wie angestrengt ich schaue – kein Berg zu erkennen.
Eines Morgens auf dem Plaza de las Armas erblicke ich ihn hinter der Basilica Catedral de Arequipa. Aber leider nicht so richtig klar. Und dann ist da der mächtige Bau im Weg. Wir suchen die ungefähre Richtung und entdecken, dass die eine Straße an Santa Catalina vorbei ungefähr auf die Vulkane zeigen sollte. Also laufen wir diese entlang, den Blick immer leicht nach oben durch das Gewusel. Ich setze mich auf einen Pflanztrog und achte nicht mal auf die Blumen. Ich bin optimistisch . . . gleich wird er sich zeigen – der Misti! Die Wolken bewegen sich schnell, schemenhaft ist da doch etwas zu erkennen. oder? Hmmmm. Irgendwie erkenn ich da etwas dunkles hinter den Wolken. Das könnte er sein, der mistische Berg. Oder auch nicht!? 🤔🗻🌋 Wir werden es nie erfahren. Vielleicht haben wir sogar in die falsche Richtung geschaut und der Vulkan hat uns von der Seite angegrinst.
Googlesuche, du bleibst meine letzte Hoffnung vorerst. Hasta la vista, oder überhaupt mal vista, Misti.