Stadtbesichtigung Cusco

Wir schaffen es irgendwie über die Straße auf den breiten Fußgängerweg. Hier und da sitzt jemand auf einer der Bänke. Nach einem Brunnen, der außer Funktion ist, gelangen wir unter ein langgezogenes Dach – aus Glas und über die volle Breite. Es ist leicht gebogen und belebt das Straßenbild und bietet Schutz vor dem Regen. Denn mit dem muss man immer rechnen. Unter dem Dach studieren mehrere junge Peruaner gemeinsam einen Tanz ein, der mich irgendwie an die Indianertänze aus dem Fernsehen erinnert.
Ich drehe mich um, die Straße hinunterblickend in Richtung des Königs. Die Berge ringsum reichen in die Wolken. Kleine Häuschen krabbeln bis in die Wolken hinein. Auf den unbewohnten Hügeln gibt es riesige Zeichen, die irgendwie dort in die Natur eingebracht wurden. Zum Beispiel VIVA EL PERU. Oder ein Kreuz. Wie gesagt, gigantische Ausmaße. Die Wolken und die Kälte machen mir bewusst, dass wir hier über 3.000 Meter sind. So hoch liegt in Deutschland nicht mal ein Dorf. Aber das hier ist eine Großstadt mit nahezu 400.000 Einwohner.

Centro Historico

Wir laufen in Richtung Centro Historico, weg vom ernst dreinblickenden König. Sein Blick folgt uns noch lange, während wir irgendwann vom Mittelstreifen runtermüssen, der in einer kleinen Parkanlage endet. Wir entscheiden uns für die Avenida El Sol. Eine große Markthalle präsentiert Unmengen an Shops mit Souvenirs à la Peru. Lamas und Alpaka in allen Größen und Farben, natürlich nur als Figuren, keine echte. Alpaka-Pulli, bunte Taschen, Rucksäcke, Geldbörsen. Decken aus Alpakafell, verschieden gemustert. Schmuck, Edelsteine, Gemälde mit lokalen Motiven. Und historischen, denn die Inkas sind überall in Cusco. Und sie bringen immer noch viel Gold ans Licht – zahlen per VISA, MASTERCARD, AMERICAN EXPRESS, alles kein Problem. Allein diese Halle hat bestimmt 50 Shops, dicht bepackt mit Waren, dass die Ladenhüter kaum zu sehen ist. Wenn sie einen erkennen, stürmen sie gleich winkend aus dem hinteren Eck: „Adelante!“ Immer freundlich und erklären gerne alles. Und traurig, wenn man dann doch nichts kauft. Manche schlafen, dösen oder schauen Fern. Auch Handy ist als Ablenkung beliebt.
An einem Brunnen, der ebenfalls trocken ist und aus einer riesigen blauen Wand besteht, die auf der Rückseite bunt bemalt ist, laufen wir vorbei und der Betrieb auf der Straße nimmt zu. Buntes Getümmel, immer wieder kleine fahrbare Läden auf der Straße mit einem alten Mütterchen dahinter, drin oder daneben. Freundlich zahnloses Lächeln.

Straßenhändler

Wir erreichen bald den Kern, denn die Zahl der Straßenhändler, die vor allem für Touren werben, nimmt zu. „Ello Sir! City Tour?“ oder „Matschu Pitschu, Rainbow Mauntins“. Viele Touren werden einem angeboten. Dabei redet nicht einer alleine. Alle stürmen auf uns los, reden gleichzeitig und schalten sich so gegenseitig aus. Obwohl ich manchmal drauf eingehe – sein Ziel erreicht man über „einfach weiterlaufen und nicht reagieren“ oder ein freundliches Nicken begleitet von einem „No! Gracias“. Manchmal antworte ich auch in Deutsch. Besonders wenn Massagen angeboten werden: „Danke, ich bin gesund“, „Es geht mir gut“. Oder bei Bilderverkäufern: „Mir fehlt jegliches Kunstverständnis“, „Meine Fotos sind besser als deine Bilder“. Am Ende muss man einfach wissen, was man will.

Plaza de las Armas

Wir erreichen den Plaza de las Armas. Namentlich identisch mit dem in Arequipa, hat er nur wenig mit ihm gemein. Er hat einen Brunnen in der Mitte, allerdings unbetäubt (falls das so heißt, wenn es keine Tauben auf ihm gibt). Es tummeln sich hier zahllose Menschen. Er ist rechteckig. Soweit die Gemeinsamkeiten. Schon die Menschen sind ganz andere als in Arequipa: hier sind ganz klar die Touristen tonangebend. Der Brunnen, mit einem wichtigen Inka oben drauf, dient als beliebtestes Fotomotiv, vor dem man sich selbst, Freund, Freundin oder Reisegruppe postiert. Schuhputzer gibt es hier auch, sind aber aggressiver, als die Kollegen aus Arequipa. Sowieso ist Cusco viel aufdringlicher und dadurch weniger genießbar. Auf Moskitos hatte ich mich vorbereitet, aber diese Flut an Händler oder wie man diese Leute nennen will, ist furchtbar. Da hilft kein Mückenspray und es ist zumindest verständlich, warum manche einfach durch die Menschen hindurchlaufen. Reine Überlebensstrategie in der Hoffnung, das andere Ende des Platzes zu erreichen. Sie werfen sich dir vor die Kameralinse, ins Gespräch, dass du gerade führst und wenn du gerade aus einem Restaurant pappsatt herauskommst. Schon will der nächste dich in ein anderes Restaurant zerren. Zum Glück ist es auf dem Platz selbst recht friedlich, denn hier begegnen uns wieder die trillerpfeifenden Polizisten.
Der Platz ist umgeben von kleineren Gebäuden, dicht an dicht. Restaurants und Reisebüros, Läden verschiedenster Art. Fast alle dieser kleinen Häuschen haben einen hölzernen Balkon in blau, braun, gelb. Vereinzelt sitzen dort Leute, trinken, essen. Auf einer Stirnseite eine riesige Kirche in braun, die Iglesia de Compania de Jesus. Zu einem weiteren Gebäude im rechten Winkel dazu führen breit angelegte Treppen, auf denen sich mehrere müde Leute lümmeln oder fotografieren. Das Gebäude ist die berühmte Kathedrale von Cusco. Vor der Kathedrale haben sich mehrere Maler niedergelassen. Auf ihren Staffeleien stehen Bilder – bunt mit knalligen Farben. Mystische Szenen aus dem indianischen, Szenen aus der Stadt, Gesichter. Fertige Bilder stehen an die Staffeleien gelehnt oder liegen auf dem Boden. Überall auf dem Platz schwärmen junge Studenten aus mit Mappen voller Bilder mit eigentlich den immer gleichen Motiven. Sie sprechen die Touristen an und erhöhen damit den „Lärmpegel“, den man hier empfindet.
Entflieht man in die Seitengassen, kann man dem Trubel etwas entfliehen. Die Mauern rechts und links entstammen deutlich der Inkazeit. Unregelmäßig geformt, verzahnen sich die riesigen Blöcke miteinander. Dabei sind sie so sauber gefertigt, dass sie nahtlos aufeinander liegen, keine Mörtel dazwischen. Nicht einmal ein Blatt Papier kann man hier dazwischenschieben. Wirklich beeindruckend.
Es beginnt zu regnen. Wir flüchten in die Arkaden des Platzes und beschliessen, dass wir die Ruinen oberhalb der Stadt besichtigen sollten, die Inkaruinen von Sacsayhuaman.

Ankunft in Cusco

Cusco steht zuerst einmal für Höhe: 3.300 Meter hoch liegt diese Großstadt und ist von hohen grünen Bergen umgeben. Unser Hotel liegt einen kleinen Fußmarsch entfernt vom Busterminal. Auf dem Weg passieren wir eine riesige Statue des Inkakönigs Pachacutec.

Verkehr

Die Straße ist hier mehrspurig, geteilt durch eine breite Fußgängerpassage mit Bänken. Das kleine Hotel Samychai fällt kaum auf, außer dass es eine saubere Fassade hat. Dies trotz des russigen Verkehrs, der sich hier ständig hupend vorbeischiebt. In Cusco fällt mir als kofferrollender Touri eines sofort auf: die Gehwege sind durchgehend vorhanden, unbeschädigt und weitestgehend sauber. Die Autofahrer hupen bei allem, was irgendwie interessant ist. Fußgänger entdeckt – TRÖÖÖÖÖT. Anderes Auto langsamer – TRÖÖÖÖÖT. Zwei Fußgänger – TRÖÖÖÖÖT, TRÖÖÖÖÖT. Den Code konnte ich nicht weiter entschlüsseln.
Obwohl Cusco über Ampeln verfügt – und auch Zebrastreifen – sollen diese nur die Stadt optisch aufwerten und auf internationales Niveau heben. Funktionell sind diese nicht vorhanden, was man gerne als Fußgänger testen darf. Den Kampf wirst du verlieren. Gelegentlich regeln adrett in olivgrün gekleidete Polizistinnen den Verkehr – trotz Ampelbetrieb. Womit klar wird: Ampeln gelten erst unter Polizeischutz. Mit Trillerpfeife wird hier dem Status der Ampel Nachdruck verliehen und Zebrastreifen funktionieren auf einmal. Peru hat eine Lösung für ein weltweites Problem gefunden! Tadaaaaah!

Hotel SamyPchai

Wir treten in die Minilobby des Hotels – kleiner geht kaum. Eine kleine Theke, auf der ein schwarzer 17″ Monitor thront. 1 Couch gegenüber, eine weitere im rechten Winkel dazu. Beide mit braunem Kunstleder bezogen. Wir werden sehr freundlich begrüßt und Zertifikate an der Wand bestätigen, dass Booking.com auch ganz zufrieden mit dem Hotel ist. Höchstbewertung war 8,6. Die Formalitäten sind südamerikanischer Standard und in Kürze geklärt. Schon werden wir durch die Glastüre durch einen kleinen Garten geführt zu einer weiteren Glastüre zu dem angrenzenden Gebäude. 5 Zimmer zähle ich auf die Schnelle – 3 unten, 2 oben. Ein grüner Papagei heißt uns willkommen. Auf Spanisch, wie ich vermute.

Unsere Zimmer liegen im ersten Stock, ich bekomme 201. Frühstück gibt es im Vorraum hinter der Glastüre – mit Blick auf den Papagei. Dort steht auch den ganzen Tag – und Abend – eine 2,5 Liter Kanne mit heißem Wasser bereit samt einer Kisten mit 6 verschiedenen Teesorten in Beutel. Feudal! Mein Zimmer wirkt freundlich: Parkettboden, meterhohe Bettdecken in mehreren Schichten. Die oberste in königlichem Gold-Braun. Ein kleiner Tisch mit Stuhl, ein Fenster zum Flur, respektive Innenhof, eines nach hinten raus, um den Regen zu studieren. Eine Türe führt ins Bad mit großzügiger Dusche, Toilette und großem Waschbecken. Als heavy Elektrogeräteuser zähle ich schnell die Steckdosen durch – 5. Das reicht!
Kurz lasse ich mir den kostenlosen Safe erklären und schon mache ich es mir bequem. Erst mal in Ruhe ankommen, bevor wir die Stadt erobern.

Villarica – die reiche Stadt

Quadratisch, praktisch, gut

Das erste, was in Villarica auffällt: die Straßen gehen alle in eine Richtung – geradeaus. Kein Zickzack, keine Kurven, Biegungen, Kreisel. So spricht man hier von quadras. Die ganze Stadt ist in eine Vielzahl von Quadraten eingeteilt. Wie eine Tafel Schokolade.

Üppigkeit

Das zweite, was mir Tag für Tag mehr ins Auge stürzt, ist die üppige Vegetation. Anders als in Deutschland scheint man hier nicht mühsam anpflanzen, gießen und hegen zu müssen. Nutzpflanzen wachsen hier wie Unkraut. Riesig groß die Mangobäume in saftigem Grün. Dicht an dicht hängen die länglichen Blätter herab. Schon aus der Hotellobby heraus sehe ich zwei von den massigen Bäumen. Einen hatten wir gesehen, der hing voller violetter Früchte – zum Anbeißen. Leider ist nicht die Zeit für Mangos – eine Quälerei. Auf die hatte ich mich doch so gefreut.

Stadtbild

Bei einem Spaziergang entlang der Quadrate ändert sich das Straßenbild, je mehr man aus dem Zentrum kommt. Wo zuerst ein Shop nach dem anderen steht, teils sehr modern ausgestattet, werden irgendwann die Shops seltener und . . . sagen wir mal rustikaler. Die bunte Farbe bereits am abblättern, soweit da jemals ein drauf war. Meist wurde auf eine Auffrischung ganz verzichtet. Typisch sind die Rolltore mit einem kleinen Türchen. Immer mehr findet man nun Wohnhäuser die unterschiedlicher kaum sein könnten. Protzige Villen, die dann und wann auch überhaupt nicht zur Umgebung passen, sind ebenso zu sehen wie kleine zurückstehende Häuschen, niedlich, liebevoll gestaltet, mit viel grün. Gelegentlich umzäunt eine hohe Mauer das Gelände, da Diebstahl keine Seltenheit ist. Aber fast immer werden die Mauern von hohen Bananenstauden überragt, deren Blätter im Wind rauschen. Hier und da Papaya.

Der Straßenbelag hat inzwischen von Asphalt zu einer Art Kopfsteinpflaster gewechselt. Das ist nicht etwa glatt und eng zusammengefügt. Die groben rotbraunen Steine liegen verkantet mit größerem Abstand, wirken hingeworfen. Vermutlich sind sie so bei Regen griffiger und dieser kann auch besser ablaufen, ohne dass es rutschig wird. Naja, so ist meine eigene Erklärung. Der Gehweg liegt in der Regel deutlich über der Fahrbahn, teilweise über kleine Treppchen erreichbar. Zwischen Gehweg und der Straße befinden sich meist Bäume, wie Orangen, Pomela, Mango und viele weitere, deren Namen ich nicht kenne. Immer wieder beobachtet man bei den gelbblütigen Bäumen auch Kolibris.

vegetación

Die Bäume genauer anzuschauen, bringt mich zum Staunen. Die Rinde ist meist selbst wieder ein kleines Biotop, das von Flechten, Orchideen und anderen Pflanzen besetzt wird. Hier und da sieht man einen Specht – Pájaro carpintero – mit knallgelber Brust und schwarz-weiß maskiert.
Die Vogelgeräusche sind mir völlig fremd und verstärken den tropischen Eindruck. Meinen Füßen fällt angenehm auf, dass nun inzwischen die Straßen viel breiter geworden sind und der Gehweg ist einer breiten Grasfläche gewichen. Die Gegend ist nun sehr angenehm für’s Auge – nur noch Wohnhäuser in großzügigem Abstand zueinander, keine Läden mehr. Und vor allem – Ruhe. Ab und zu knattert ein Motorrad vorbei, das dann gleich 3 Menschen transportiert. Aber hauptsächlich hat man hier ein friedliches Bild vor sich.
Ich schau mich um, sehe diese Üppigkeit um mich auf allen Etagen, vom Gras, zu den Pflanzen, Büschen und Bäumen, auf denen wieder Pflanzen wachsen. Und mir fällt auf, dass hier der Mensch „seine“ Flächen wohl der Natur abtrotzen muss. Kümmert er sich einmal nicht darum, holt sie sich alles wieder zurück. So drängt sie auch in die bebauten Flächen massiver rein und beeinflusst das Stadtbild wesentlich mehr.

mercados

Entsprechend sind die Märkte schwer bepackt mit riesigen dunkelbraunen Kartoffeln, Maniok – die schmecken ähnlich wie Kartoffeln und erinnern an Kerzen, weil sie einen „Docht“ im Kern haben -, Tomaten, Bananen, Zwiebeln, Pomela, Limonen, Orangen – die hier nicht orange sind -, Kürbissen und vielem mehr. Das Angebot ist gigantisch. Die Marktstände selbst sind meist verbogene alte Bretter auf alten Metallgestellen, teils mit Farbanstrich. Mit carritos – Pferdekarren -, Autos und Transportern wird die Ware angekarrt. Alles läuft chaotisch und in völliger Ruhe ab. Ich höre keinen brüllen oder schreien. Die Ware wird einsortiert und dann setzt man sich hin und widmet sich seinem Tereré.

Parque Manuel Ortiz Guerrero

Im Anschluss an den Markt befindet sich ein Park neben einer Sporthalle. Die Halle ist nicht die neueste, sieht aber imposant aus mit ihrem roten Anstrich auf dem Ziegelstein. Die Bögen, die wohl als Stützen vom Gebäude wegführen, sind ganz in weiß gehalten. Der Park selbst wird beherrscht von einem großen See in unregelmäßiger Form, der aber komplett umlaufen werden kann. Der Pfad ist sehr abwechslungsreich und gibt manchmal das Gefühl, durch einen Dschungel zu laufen, weil auch hier dichter Bewuchs herrscht. Hier gibt es einen bunten Spielplatz, eine Plattform, die in den See hineinragt, eine kleine Halbinsel an deren Ende ein schönes, von einem Schmetterling gekröntes Denkmal, einen Dichter ehrt. Man läuft an einem öffentlichen Bad vorbei, überquert einen Bach, in dem sich kurze, dickliche Fischlein tummeln. Nach 2 riesengroßen Bäumen aber sehen wir etwas total spannendes . . . Tiere, die ich nur aus dem Zoo kannte. Tatsächlich stehen da 2 Wasserschweine – Capybara, hier Carpincho genannt – am Seeufer in halbhohen Pflanzen und fressen genüsslich. Lassen sich nicht stören. Völlig geräuschlos arbeiten sie sich durch ihr Futter. Was für ein Anblick!
Mir schlägt mein Herz höher. Was ist das doch, trotz all der Probleme, die dieses Land haben mag, für eine reichhaltige, fruchtbare und wunderschöne Region. Schützenswert.