Das Fleischfest

Als besonderen Abschluss unseres Paraguay-Trip besuchten wir das Restaurant La Tranquera. Berühmt für ihren Asado – eine Art Grillpfanne. Da das Restaurant nicht vor 20:00 öffnet und ziemlich außerhalb liegt, liessen wir uns mit dem Taxi hinfahren. Die Straßen waren fast durchgehend frisch geteert und der Fahrer fuhr bedächtig und gemütlich. So waren wir sehr entspannt und zugleich gespannt.
Durch den großzügigen Saal gelangten wir ins Freie. Ein sehr großer ummauerter Garten, mit Laternen ausgeleuchtet und vielen dekorierten Tischen unterschiedlicher Größe. Am Rand war die Rasenfläche üppig bepflanzt mit den landestypischen Pflanzen, die wir zuhause als Zierpflanzen eher als Miniausgabe kennen. Dazwischen ragten riesige Palmen und hochgewachsene Yukka empor.

Der Kellner brachte uns Getränke, die hier üblicherweise eiskalt serviert werden. Das hat den Vorteil, dass zB. alle Biersorten gleich schmecken. Bei der Kälte gibt es keinen Unterschied mehr. Ich bevorzugte aber eine Cola. Meine beiden Begleiter vereinbarten das Essen, auf eine Karte verzichteten sie. Da wir uns aber bereits im Taxi auf Asado geeinigt hatten, konnte ich dem flüssigen Spanisch teilnahmslos lauschen und nebenher etwas fotografieren. Lautsprecher wurden aufgestellt, um uns zu beschallen. Julio Iglesias . . . ich bedauerte, kein Bier bestellt zu haben, um ihn zu ertragen. Dann ABBA „Fernando“, ok, immerhin jetzt Musik.

Die Bedienung kam wieder. Man war sich wohl über die Bestellung einig geworden. Er stellt einen kleinen Holztisch neben uns. Kurz danach einen kleinen massiven Grill, auf dem heiß und fettspritzend das Fleisch lag. Es spritzte so sehr, dass der Tisch weiter weg musste. Wir zerlegten es und verteilten es auf unsere Teller. Berge von Fleisch! Maniok und Palmherzen samt einigen Gewürzen, Öl und Essig standen schon bereit. Ich starrte das Fleisch an, schaute auf meinen Bauch. Rein physikalisch müsste ich einige Organe umfunktionieren, soll diese Menge in meinen Magen. Etwas weiches streifte meinen Fuß – ein kleiner schwarzer Hund. Er setzte sich neben mich, und schnüffelnd bot er seine Hilfe an. Danke, mein Lieber. Aber ich muss da ganz alleine durch!
Inzwischen hatte die Musik auf mexikanisch gewechselt und das Restaurant füllte sich. Valentinstag! Auf einmal waren alle lieb zueinander. Ganze Familien saßen hier und harrten auf ihr Essen, während wir uns an die Arbeit machten. Maniok aufschneiden, Docht rausziehen, Salz und Öl drauf. Dann arbeitete ich mich durch die Fleischsorten, die sehr lecker schmeckten und durchweg herrliche Krusten hatten. Das Palmherz war mit Senf garniert und war herrlich kühl. Ich schaffte es tatsächlich durch den Fleischberg. Ich war erstaunt, wie gut mein Bauch das verkraftete, ohne Völlegefühl, ohne Probleme.

Wir saßen noch etwas gemütlich zusammen, genossen die gute Luft, die tolle Stimmung. Ich legte meinen Kopf zurück und betrachtete den Sternenhimmel. Der war hier etwas abseits des Zentrums deutlich schwärzer und mit Sterne bestückt. Ich erkannte den Orion, wie er da oben funkelte. Jetzt hätte ich gerne ein Bett auf einem Dach, würde alles um mich ausblenden und in den Nachthimmel versinken . . .

Die Herren von Paraguay

Da steht der prächtige Bau mitten in Villarica; mit dicken fetten Säulen davor schindet er mächtig Eindruck. Davor in diesem Kontext völlig berechtigt die Plaza de los Heroes – der Platz der Helden. Ohne nachzudenken sehe ich sie vor mir, die alten Helden – ganz in Metall, das Schwert an der Seite, das Visier offen und die Lanze in den Boden gerammt! Den frisch eroberten Besitz! Oder die Soldaten in adretten Uniformen, vom Schlamm besudelt und blutbefleckt, wie sie Reihe um Reihe ihr Leben liessen für ein freies Land.
Aber . . . die wahren Herren im Land, das sind die Hunde. Zahlreich bevölkern sie das kleinste Dorf, beherrschen die Straßen, und machen was sie wollen. Heute erst trieb eine Gang von ihnen auf dem Plaza de los Heroes ihr Unwesen. Ungeachtet der vielen Zweibeiner auf den Bänken und Wegen, stromerten sie zwischen ihnen umher und pöbelten sie an. Sie waren gut zwischen 10 oder 12. Große kräftige Hunde, die Herren eben. Läuft man hier durch die Straßen, begegnet man ihnen praktisch überall. Hier raufen sich zwei, da drüben dösen ein paar – kleine, große, schwarze, weiße, braune. Angenommen, also nur mal angenommen, die Stadt würde hier mit einem Kehrfahrzeug – ihr wisst schon, die mit den kreisenden Besen ringsum – durchfahren: da wären am Ende immer bestimmt 10 Hunde eingesammelt worden.
Diese Snobs beachten die Menschen kaum. Bestimmt betrachten sie diese als ihre Bedienstete: die dürfen Wasser bringen, Knochen hinwerfen oder sonstige Dienste verrichten. Aber der Hund ist der Herr. Angebunden sieht man Kühe, Pferde, Ziegen und Schafe. Aber Hunde? Niemals. In einem Dorf beobachte ich noch so eine Rotte – voraus ein wohl besonders riechendes Exemplar. Und der ganze Pulk marschiert schnüffelnd hinterher. Versucht gelegentlich mal auf den ersten draufzuspringen. Kopulationsversuch? Ich will’s nicht wissen.
Woanders entdecke ich dann sogar einen Chor. Eine Hundeschule habe ich zwar hier nicht entdeckt. Aber dennoch bekommen sie hier einen Chor zustande. Zuerst stand ich da und bewunderte gerade wieder so einen Mammon. Auf einmal beginnt nebenan – für mich nicht sichtbar – ein Hunde zu winseln, jaulen. Auf einmal geht das Konzert los. Unmengen an Hunden stimmen in das Gejaule ein. Gejaule? Ich tue ihnen bestimmt Unrecht. Wahrscheinlich ist das hohe Schule. Nach einer Minute ist der Song dann wohl aufgenommen. An dem Nachmittag nahmen die eine ganze CD auf. Die erscheint demnächst als „Le mejor de Paraguay“ – kauft Leute kauft!
Wir fahren, wenn wir fahren, mit dem Bus. Nie hab ich hier – wie in Deutschland – einen Hund mitfahren sehen. Aber vom Bus aus sind die Straßen gesäumt von Hunden. Meist dösen sie im Schatten, sich auf dem Rücken wälzend. Und träumen davon, von Paraguay aus die ganze Welt zu erobern. Dabei schauen sie entrückt auf die Flugzeuge über sich. Dann treffen sie sich wieder mit „ihrer Gang“ und schmieden Pläne: wie kommen wir auf ein Schiff, einen Flieger? Wieviele braucht man, um mit ein paar Zweibeinern fertig zu werden? Habt ihr schon gehört, in Deutschland sollen Hunde angebunden, gekettet und dressiert werden!? Vamonos, lasst uns die armen deutschen Hunde befreien! Hier kommen die „Herren von Paraguay“!

Hotel Hasenstall

Nach dem Aufenthalt in Ciudad del Este kamen wir zurück nach Villarica. In ein anderes, ein günstigeres Hotel. Allerdings richtig weit vom Terminal entfernt. Mit gemischten Gefühlen schoben wir unsere Koffer – zum Glück mit Räder – quer durch die Stadt. Teils auf der Straße, teils auf den Gehwegen. Oder irgendwo dazwischen. Ständig musste man nach oben oder unten, rechts oder links rumpeln. Der Koffer vibrierte dabei mehrmals gefährlich und die Räder klangen so, als fielen sie gleich ab. Schließlich gegenüber einer Kirche kam das Hotel Asuncion in Sicht. Ein kleines gelbes Hüttchen als Empfang. Schlicht. Keine Rezeption, sondern wir wurden von einem Mädchen ums Haus gebeten. Im Innenhof bearbeitete eine ältere Frau in schwarz gerade eine große Pfanne mit Hackfleisch und gekochten Eiern. Der Jefe erschien. Nach kurzem Buenos tardes und Freundlichkeiten ging es auf die Zimmer im Nebengebäude. Erster Stock. Der sehr engen Flur entlang zum letzten Zimmer. Doppelzimmer. Betten bitte weit auseinander. Die Tür ging auf. Und wir waren im Hasenstall.
Zwischen den Betten etwas Platz, um vorsichtig quer durchzulaufen. Für meinen Koffer schon zu eng. Zwischen Fußende und Wand ebenso. Mühsam quetschte ich meinen Koffer dazwischen. Schrank? Nada! Das hieße: Koffer auf’s Bett, raus was man braucht, Koffer zu, verstauen – zB als Tritt hinüber ins Bett. Durchaus praktikabel – NICHT! Ich war erstaunt, wie verwahrlost das Zimmer ist. Und war gespannt auf das Bad. Da das Zimmer so klein war, ist die Suche schnell erledigt, halbe Drehung nach links. Ich schau durch die Türe und wußte: ich mag hier nicht bleiben. Waschbecken klein, aber ganz ok. Toilette gab es auch. Der Duschkopf direkt über der Toilette! Keine Duschwanne oder Stehfläche. Nada!
Ich fühlte mich wie ein verwöhnter Schnösel und wir liessen alles zurück. Stürzten kommentarlos ins Freie. Erst mal Licht!
Wir hatten beide das gleiche Ziel. Im Eiltempo liefen wir zu unserem alten Hotel. Wir stürmten atemlos die Lobby. Geräumig, kühl, einladen. Darf ich gleich hier schlafen? Am Empfang grüßte schon breit lächelnd unser alter Freund von der Rezeption. 2 Zimmer, noch heute? Die gleichen wie zuletzt? Tatsächlich? Sie sind mein Held!
So schnell wir konnten, holten wir unsere einsamen Koffer aus ihrem dunklen Verlies. Ich streichelte meinen beruhigend und versprach ihm ein besseres Zimmer. Kühl, geräumig und mit Licht. Den Weg zum Hotel Ybytyruzu machte der Koffer fast alleine. Mühelos hüpfte er über Gehsteige, Straßen, Schlaglöcher und Erdreich. Fröhlich wiehernd bäumte er sich vor dem Hotel auf und erklomm die Treppen. Ich kam kaum nach . . . Wir nahmen die Schlüssel in Empfang. 702. MEIN Zimmer. Da, wo ich immer das WLAN für Stunden verliere. Aber es ist hell da, es hat einen Balkon, ein großes Bad, eine Duschkabine und 3 Betten für mich alleine. In welchem schlafe ich heute Nacht? Hmmmm, darüber denke ich im Pool etwas nach.

Platsch!

Der Magen isst mit

Auch in Paraguay gilt: der Magen ißt mit – nicht nur die Augen. Und nicht alles, was lecker aussieht, tut meinem Magen gut. Einschlägige Erfahrungen hab ich hinter mir.
Auf den Märkten werden die Augen nicht immer verwöhnt: Fliegen umschwirren aufgehängtes Fleisch und angeschlagenes Obst. Da schlagen bei mir gleich die Alarmglocken. Schließlich wollen wir in ein paar Tagen weiter und nicht im Bett liegen. Also hält man sich am besten an die Restaurants. Zwischen 20.000 und 60.000 Guaraní (3 bis 10€) bekommt man eine breite Palette.

Danykar

Das erste Restaurant, das wir in Villarica ansteuerten, ist das Danykar, direkt neben einer stark frequentierten Eisdiele. Am quadratischen Plaza de Heroes gelegen, getrennt vom Freigehege durch eine stark befahrene Straße. Motorräder und Autos schleichen hier vorbei auf der Suche nach einem Parkplatz, um sich zum Beispiel am anschließenden Eiscafé ein Eis zu holen. Hm, der Name Plaza de Heroes – Platz der Helden – klingt verdächtig. Muss ein Held sein, wer hier freiwillig ist? Wir fühlen uns angesprochen.
Wir nehmen an einem der zahlreichen Plastiktische Platz, die mit roten Stoffdecken bedeckt sind. Rote oder weiße stapelbare Campingstühle sind hier sauber angeordnet. Die Bedienung entdeckt uns und reicht uns verbindlich lächelnd Menükarten. Wir fragen uns durch die Biersorten, bevor wir uns den speckigen Lederhüllen zuwenden. Einheimisches Bier gibt es nicht – so fällt die Wahl auf Millers.
Während er wieder über die Straße schlurft, schauen wir in die Karten – das bunte Menü wurde laminiert, ist nur noch schwer lesbar. Links die Pizzen, rechts verschiedenste Gerichte. Übersichtlich – so mag ich das. Ich nutze die Gunst der Stunde und entscheide mich für etwas mit den Wörtern bife und lomito im langen Namen. Vielleicht bekomme ich das berühmte südamerikanische Rind gleich hier. Und so ist es.
Aber zuvor kommt der Kellner anmarschiert. Einen Sektkübel, eine Literflasche Millers und 2 Gläser im Schlepptau. Ich staune. Der goldfarbene Kübel ist mit Eis gefüllt, die Bierflasche wird darin versenkt und dann entkront. Bier hat hier einen anderen Stellenwert als in Deutschland, meint Günther. Ich merk’s!
Durch die Kälte fehlt dem Bier etwas Geschmack, aber die erfrischende Wirkung kommt mir bei der hohen Temperatur auch nach Sonnenuntergang sehr entgegen.
Beim sehr leckeren Essen mit Rindersteaks, Pommes ala rustico und Salat habe ich immer wieder das Gefühl, mich piesacken Moskitos. Füße und Schienbeine jucken. Ohne viel nachzudenken kratze ich mich. Nicht ohne Wirkung. Nach dem Essen nehme ich außer dem Brennen und Jucken kaum noch was wahr.
Im Hotelzimmer betrachte ich das Werk der Moskitos bei Licht, während ich den Mückenspray aus der Tasche fische. Nur sehe ich keine Mückenstiche, sondern knallrote kleine rote und weiße Hügelchen, dicht an dicht, wo vorher zarte Haut war. Ich kühle es runter, bis am Wasserhahn nur noch heißes Wasser kommt. Erst am nächsten Tag kommt Erleichterung durch Creme aus der Farmacia. Uff! Das erste Restaurant hat sich eingeprägt…

Als nächstes Stelle ich euch Tio Rubio vor – der blonde Onkel. Nein, nicht der aus den USA 🇺🇸…

Tio Rubio

Unmittelbar nach dieser berühmten Kurve von Villarica wird die Straße breit, gabelt sich. Pfützen auf dem Fußweg, an dem ein großer Schmetterling sich labt. Sein kleiner gelber Kollege kommt angedüst wie ein Kampfjet, trifft den großen, der sich schwankend in Bewegung setzt. Nun gehört dem kleinen gelben die Pfütze. Schlau!
Das war aber noch nicht der blonde Onkel, der Tio Rubio. Der kommt gleich dahinter. Eine niedrige weiße Mauer trennt den geräumigen Hof von der Straße. Auf ihr trohnt ein weißer Zaun. Riesenhafte Bäume beherrschen das Gelände – Palmen, Chivacho, Mango. Hier im durchgehend schattigen Bereich sind viele Tische und Stühle aufgebaut. Die Klassiker hier: stapelbar, einfach, von Coca Cola. Wir setzen uns nahe einem der vielen Bögen, die das Gebäude nach außen markieren. Hinter den ersten beiden befindet sich dann ein großer Platz mit dem Pizzaofen. Hier schuften 2 junge Kerle in der Hitze, die Bedienung lümmelt an einem Pfosten. Auf einer verratzten Couch spielt ein Junge mit dem Smartphone. Die ganze Ecke ist sehr dunkel und ich frag mich, ob hier die Pizzen blind gebacken werden. Ich bin gespannt.
Der obligatorische Eiskübel mit dem Bier steht nun schon auf dem Tisch und kühlt mich runter. Da kommen schon die Pizzen – meine sieht lecker aus und schmeckt sehr reichhaltig. Es ist ordentlich Belag drauf und der Teig ist fluffig. So mag ich Pizza. Obwohl ich die kleinste nehme – chico – bin ich satt. In dem Zustand schau ich mich um und betrachte den Laden genauer. Die Pizzeria war bestimmt mal hübsch. Aber es wurde schon lange nichts mehr gemacht. Farbe blättert ab, Leuchter hängen unterschiedlich schief an der weißen Wand. Lustig blinkt die Lichterkette, die das Ambiente empfindlich stört. Sie wurde wahrscheinlich für Weihnachten angebracht. Und das ist eh bald wieder . . . hängelassen! Dennoch, mir hat’s hier echt gefallen und würde auch gerne wieder hierher gehen.
Nach dem Schmaus geht es in der Dunkelheit zurück. Es ist Grillsaison – aus dem Rasen, dem Gebüsch, den Bäumen, von überall her schrubben die Grillen und Zikaden mit ihren Beinchen um die Wette. Das scheint der südamerikanische Grand Prix de la Chanson der Insekten zu sein. Alle paar Meter ein völlig anderer Sound. Ich bin so fasziniert, dass ich die Zeit vergesse…

Sinking in the rain

Der tropische Regen scheint nur zwei Status zu kennen – an oder aus. Es begann als Weckton am frühen Morgen. Dieses Trommeln gegen das Blechdach, das immer lauter anschwoll zu einem nicht überhörbaren Lärm, einem Brüllen. Bis mein Verstand realisierte, was da los ist, war alles zu spät. Der Himmel nicht mehr vorhanden, auch keine Nachbarschaft mehr. Nur noch das, was unmittelbar vor der Nase zu sehen ist – Regen. Viel Regen. Sehr, sehr viel Regen. Der faucht am Balkon vor dem Zimmer wütend vorbei, als jage er der Sonne hinterher, die hier noch gestern fröhlich gespielt hatte.
Der Blick hinüber ins Restaurant, hinüber ins warme Licht, das Kaffee, Obst und Brot verheißt, wird immer sehnsüchtiger. Es scheint aussichtslos, auf die andere Seite zu gelangen. Der Hof, obwohl nur wenige Meter breit, steht unter Wasser. Das könnte man schaffen. Aber . . . der Regen! Es schüttet dermaßen, dass man nicht nur etwas nass wird auf der kurzen Distanz, man müsste gleich wieder umdrehen und sich umziehen. Ein Teufelskreis! Günther und ich stehen an unseren Türen wie zwei Hunde, die den Braten zwar riechen . . . ihr wißt schon.
Anfangs scherzen wir noch, sind uns sicher, das dauert nicht lange. Der Wetterbericht sagt: bis 9. Wir packen unsere Kameras aus, filmen und fotografieren das lustige Spektakel. Schicken es an Freunde und Familie. Das ist irgendwann ausgereizt. Der Blick wandert rüber zum Speiseraum.
Irgendwann lässt der Regen auf einmal nach. Wir wittern unsere Chance. Beim Kaffee beschliessen wir, den geplanten Besuch zu wagen. Wir sind nämlich zum Frühstück eingeladen. Allerdings ein paar quadras entfernt. Wir müssen nur vor bis zum Busterminal, von da ist es gaaar nicht mehr weit. Das sollten wir in 7 Minuten schaffen . . .
Ich packe mein Minihandtuch ein. Und wir flitzen los! Halten uns immer unter den fast durchgehend vorhanden Schutz der Shopdächer, Markisen. Dann urplötzlich am Busterminal bricht es wieder los. Der Hausmeister von Villarica fegt mit einem Riesenschwall Wasser durch seine Stadt. Ruckzuck wird aus der Straße ein Fluss und die Lücken zwischen den Gehsteigabschnitten zu unserer Falle. Das Wasser bricht hier zwischen den Häusern auf die Straße. Dem Tod trotzend schlagen wir uns dennoch bis fast vor das Haus durch – inzwischen klitschnass. Mein kleines Handtuch hilft mir wenigstens, mein Gesicht und die Lockenpracht zu trocknen. Unser Blick fällt auf die riesige Mauer und das verschlossene Tor. Auf den letzten 10 Meter und vor dem Tor kein schützendes Dach, kein trockener Fleck. Entweder wir warten hier, bis der Regen aufhört oder wir schreiten zum Tor, klopfen, hoffen dass wir gehört werden . . .
Wir wagen es. Klopf, klopf, dröhnt der Regen auf den Schädel und Günther gegen das Tor. Nichts. Das TShirt ist durch. Die Hose von unten bis zum Knie komplett aufgeweicht. Der Rest ganz ok. Was tun? Da drüben ist ein Shop. Vielleicht hat sie ein Telefon . . . und weiß die Nummer!? Wir fragen. No! Sie will uns helfen, aber no way. Günther rennt noch mal rüber . . . hämmert mehrfach gegen das Tor. Dann Rufe von innen, das Tor geht auf . . . wir werden ausgelacht. Zu Recht!
Ach übrigens . . . nach nur 10 Stunden war der Spuk vorüber. Die Sonne kam raus, fröhlich pfeifend. Die Straßen waren eine Stunde später wieder trocken und sah fast aus, als wäre nichts gewesen. Nur irgendwie wirkte alles etwas sauberer . . .

Villarica – die reiche Stadt

Quadratisch, praktisch, gut

Das erste, was in Villarica auffällt: die Straßen gehen alle in eine Richtung – geradeaus. Kein Zickzack, keine Kurven, Biegungen, Kreisel. So spricht man hier von quadras. Die ganze Stadt ist in eine Vielzahl von Quadraten eingeteilt. Wie eine Tafel Schokolade.

Üppigkeit

Das zweite, was mir Tag für Tag mehr ins Auge stürzt, ist die üppige Vegetation. Anders als in Deutschland scheint man hier nicht mühsam anpflanzen, gießen und hegen zu müssen. Nutzpflanzen wachsen hier wie Unkraut. Riesig groß die Mangobäume in saftigem Grün. Dicht an dicht hängen die länglichen Blätter herab. Schon aus der Hotellobby heraus sehe ich zwei von den massigen Bäumen. Einen hatten wir gesehen, der hing voller violetter Früchte – zum Anbeißen. Leider ist nicht die Zeit für Mangos – eine Quälerei. Auf die hatte ich mich doch so gefreut.

Stadtbild

Bei einem Spaziergang entlang der Quadrate ändert sich das Straßenbild, je mehr man aus dem Zentrum kommt. Wo zuerst ein Shop nach dem anderen steht, teils sehr modern ausgestattet, werden irgendwann die Shops seltener und . . . sagen wir mal rustikaler. Die bunte Farbe bereits am abblättern, soweit da jemals ein drauf war. Meist wurde auf eine Auffrischung ganz verzichtet. Typisch sind die Rolltore mit einem kleinen Türchen. Immer mehr findet man nun Wohnhäuser die unterschiedlicher kaum sein könnten. Protzige Villen, die dann und wann auch überhaupt nicht zur Umgebung passen, sind ebenso zu sehen wie kleine zurückstehende Häuschen, niedlich, liebevoll gestaltet, mit viel grün. Gelegentlich umzäunt eine hohe Mauer das Gelände, da Diebstahl keine Seltenheit ist. Aber fast immer werden die Mauern von hohen Bananenstauden überragt, deren Blätter im Wind rauschen. Hier und da Papaya.

Der Straßenbelag hat inzwischen von Asphalt zu einer Art Kopfsteinpflaster gewechselt. Das ist nicht etwa glatt und eng zusammengefügt. Die groben rotbraunen Steine liegen verkantet mit größerem Abstand, wirken hingeworfen. Vermutlich sind sie so bei Regen griffiger und dieser kann auch besser ablaufen, ohne dass es rutschig wird. Naja, so ist meine eigene Erklärung. Der Gehweg liegt in der Regel deutlich über der Fahrbahn, teilweise über kleine Treppchen erreichbar. Zwischen Gehweg und der Straße befinden sich meist Bäume, wie Orangen, Pomela, Mango und viele weitere, deren Namen ich nicht kenne. Immer wieder beobachtet man bei den gelbblütigen Bäumen auch Kolibris.

vegetación

Die Bäume genauer anzuschauen, bringt mich zum Staunen. Die Rinde ist meist selbst wieder ein kleines Biotop, das von Flechten, Orchideen und anderen Pflanzen besetzt wird. Hier und da sieht man einen Specht – Pájaro carpintero – mit knallgelber Brust und schwarz-weiß maskiert.
Die Vogelgeräusche sind mir völlig fremd und verstärken den tropischen Eindruck. Meinen Füßen fällt angenehm auf, dass nun inzwischen die Straßen viel breiter geworden sind und der Gehweg ist einer breiten Grasfläche gewichen. Die Gegend ist nun sehr angenehm für’s Auge – nur noch Wohnhäuser in großzügigem Abstand zueinander, keine Läden mehr. Und vor allem – Ruhe. Ab und zu knattert ein Motorrad vorbei, das dann gleich 3 Menschen transportiert. Aber hauptsächlich hat man hier ein friedliches Bild vor sich.
Ich schau mich um, sehe diese Üppigkeit um mich auf allen Etagen, vom Gras, zu den Pflanzen, Büschen und Bäumen, auf denen wieder Pflanzen wachsen. Und mir fällt auf, dass hier der Mensch „seine“ Flächen wohl der Natur abtrotzen muss. Kümmert er sich einmal nicht darum, holt sie sich alles wieder zurück. So drängt sie auch in die bebauten Flächen massiver rein und beeinflusst das Stadtbild wesentlich mehr.

mercados

Entsprechend sind die Märkte schwer bepackt mit riesigen dunkelbraunen Kartoffeln, Maniok – die schmecken ähnlich wie Kartoffeln und erinnern an Kerzen, weil sie einen „Docht“ im Kern haben -, Tomaten, Bananen, Zwiebeln, Pomela, Limonen, Orangen – die hier nicht orange sind -, Kürbissen und vielem mehr. Das Angebot ist gigantisch. Die Marktstände selbst sind meist verbogene alte Bretter auf alten Metallgestellen, teils mit Farbanstrich. Mit carritos – Pferdekarren -, Autos und Transportern wird die Ware angekarrt. Alles läuft chaotisch und in völliger Ruhe ab. Ich höre keinen brüllen oder schreien. Die Ware wird einsortiert und dann setzt man sich hin und widmet sich seinem Tereré.

Parque Manuel Ortiz Guerrero

Im Anschluss an den Markt befindet sich ein Park neben einer Sporthalle. Die Halle ist nicht die neueste, sieht aber imposant aus mit ihrem roten Anstrich auf dem Ziegelstein. Die Bögen, die wohl als Stützen vom Gebäude wegführen, sind ganz in weiß gehalten. Der Park selbst wird beherrscht von einem großen See in unregelmäßiger Form, der aber komplett umlaufen werden kann. Der Pfad ist sehr abwechslungsreich und gibt manchmal das Gefühl, durch einen Dschungel zu laufen, weil auch hier dichter Bewuchs herrscht. Hier gibt es einen bunten Spielplatz, eine Plattform, die in den See hineinragt, eine kleine Halbinsel an deren Ende ein schönes, von einem Schmetterling gekröntes Denkmal, einen Dichter ehrt. Man läuft an einem öffentlichen Bad vorbei, überquert einen Bach, in dem sich kurze, dickliche Fischlein tummeln. Nach 2 riesengroßen Bäumen aber sehen wir etwas total spannendes . . . Tiere, die ich nur aus dem Zoo kannte. Tatsächlich stehen da 2 Wasserschweine – Capybara, hier Carpincho genannt – am Seeufer in halbhohen Pflanzen und fressen genüsslich. Lassen sich nicht stören. Völlig geräuschlos arbeiten sie sich durch ihr Futter. Was für ein Anblick!
Mir schlägt mein Herz höher. Was ist das doch, trotz all der Probleme, die dieses Land haben mag, für eine reichhaltige, fruchtbare und wunderschöne Region. Schützenswert.